Süddeutsche Zeitung

Konzertsäle in Bayern:Wo die Musik spielt

  • Bamberg hat eines der besten Orchester Deutschlands und einen guten Konzertsaal - bei 70.000 Einwohnern.
  • Die Meistersingerhalle ist für Abokonzerte zu groß, aber Ministerpräsident Seehofer hat den Nürnberger Symphonikern und Philharmonikern einen eigenen mittelgroßen Konzertsaal versprochen.
  • Die nächste Saal-Debatte könnte sich in Augsburg entwickeln, dort muss das Stadttheater saniert werden, das wichtige Spielstätte der Philharmoniker ist.
  • Für die Niederbayerische Philharmonie war die Flut 2013 Fluch und Segen - der Orchestergraben soff ab, aber der Freistaat zahlte die Sanierung des Passauer Stadttheaters aus dem Hochwasserfonds.

Von O. Przybilla, A. Günther, M. Scherf, W. Wittl

Eine musikalische Bestandsaufnahme in Bayern fängt man am besten mit den Bamberger Symphonikern an. Weil dort etwas gelungen ist, wofür der Freistaat in der Musikwelt beneidet wird. Und die Causa Bamberg in der großen bayerischen Musiksaaldebatte bislang unter den Tisch fällt. Erst mal das: Einen so bedeutenden Klangkörper in einer so überschaubaren Stadt, wie das in Bamberg der Fall ist, gibt es im Rest der Republik nirgends. Bamberg hat etwas mehr als 70 000 Einwohner, spielt mit seinem Orchester aber in einer Liga, in der Städte mit einer halben Million Einwohnern aufwärts unterwegs sind.

Mindestens zu den sechs, sieben besten Orchestern Deutschlands wird man die Bamberger rechnen müssen. Und wer das im Süden des Freistaats, wo bei solchen Behauptungen gerne am gönnerhaftesten gespottet wird, noch nicht mitbekommen hat, sollte bei Gelegenheit mal die Listen der prämierten Einspielungen durchgehen.

Wie das kommt, warum so ein bedeutendes Orchester in Bamberg seine Heimat gefunden hat? Gegründet wurde das Orchester nach dem Zweiten Weltkrieg von Flüchtlingen aus Prag, die - so geht die Geschichte - in der Stadthügellandschaft Bambergs ihre eigene Heimat wiederzuerkennen glaubten. Man könnte auch sagen: Im Kern waren die Bamberger 1946 eigentlich die Außenstelle der Philharmoniker aus Prag. Und damit war die Messlatte für die Zukunft gelegt.

Bamberg hat ein Konzerthaus mit anständiger Akustik

Das aber ist nicht die einzige Sonderrolle, die den Bambergern zukommt. Würden die Bewohner dieser Stadt zu Häme oder Aufschneiderei neigen, könnte die Münchner Konzertsaaldebatte für Erheiterung sorgen. Gesucht wird nach einem mittelgroßen Konzertsaal, möglichst in ansehnlicher Hülle und am liebsten in einer spektakulären Umgebung gelegen, in dem man Mahler-Symphonien in einer Qualität hören kann, wie sich das für ein anständiges Konzerthaus gehört? Ja, da gibt es einen Saal in Bayern. Und zwar in Bamberg.

1993 wurde der Joseph-Keilberth-Saal eröffnet, wo man die Fünfte von Mahler in einer Wucht hören kann, dass es einen in den Sitz drückt. Es ist kein Zufall, dass der Mahler-Dirigentenwettbewerb in Bamberg ausgerichtet wird. Und es ist auch kein Zufall, dass Chefdirigent Jonathan Nott für seine Einspielung von Mahlers Neunter mit dem wohl bedeutendsten Einspielungspreis ausgezeichnet wurde. Dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Bamberger trotzdem weit hinter den Münchner Orchestern rangieren, ist einigermaßen unverständlich. Vermutlich aber ist das dann doch das Problem eines wunderbaren Hauses jenseits der Großstadt. Die Bamberger stört das wenig: Die Konzerte ihres Orchesters sind beim heimischen Publikum ähnlich begehrt wie die Heimspiele des FC Bayern in München.

Die Nürnberger Meistersingerhalle, eine zu groß geratene Schuhschachtel

Etwas Besonderes in der bayerischen Konzertszene ist auch die Situation in Nürnberg. Dort gibt es zwei große Klangkörper, die Philharmoniker und die Symphoniker, aber einen empfehlenswerten Konzertsaal gibt es nicht. In einer Halbmillionenstadt mit großer Musiktradition. Wobei die Meistersingerhalle durchaus ihre Qualitäten hat, die man allerdings auf den ersten Blick nicht erfasst. Von außen wähnt sich mancher vor einer zu groß geratenen Schuhschachtel, ein Eindruck, der im Inneren des Hauses immerhin verfliegt. Wer auch nur ein bisschen Respekt für die Architektur der frühen 1960er Jahre mitbringt, wird sich in der Meistersingerhalle - am Südrand der Stadt gelegen - ziemlich wohlfühlen. Die kleinen Partys etwa nach den Konzerten der Nürnberger Philharmoniker gehören mit zum Lässigsten, was die Stadt am Abend zu bieten hat.

Womit wenig über die Art der Akustik in dieser riesenhaften Flachhalle gesagt ist. Über die gibt es unterschiedliche Ansichten: Man kann sich mit Musikern unterhalten, für die "Burn it" eher noch eine zu homöopathische Lösung wäre, andere halten so was für unangenehm übertrieben. Einigen können sich aber nahezu alle auf die Ansicht, dass dieser Saal für Freunde der Nachkriegsarchitektur ein Fest, für Konzertveranstalter ein Graus ist. Und das schon alleine deshalb, weil 2100 Sitzplätze für ein normales Abokonzert zu viele sind und die Klangqualität an manchen Plätzen für das erste Haus einer Großstadt einfach nicht ausreicht.

Seehofer hat auch Nürnberg einen neuen Konzertsaal versprochen

Was ist die Lösung? Es gibt seit etlichen Jahren für die Symphoniker - den kleineren der beiden Nürnberger Klangkörper - einen schmalen Konzertsaal in der NS-Kongressruine auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände. Der passt so einigermaßen für die Symphoniker, die sich nicht zuletzt als Reiseorchester verstehen. Aber es fehlt der mittelgroße Saal für etwa 1300 Zuhörer in Nürnberg. Horst Seehofer hat ihn als Folge der Münchner Konzertsaaldebatte versprochen, die Stadt sucht seither einen passenden Ort. Es geht höchst mühsam voran, nach einer Machbarkeitsstudie gilt ein Platz direkt neben der Meistersingerhalle als Favorit. Merkwürdig wäre das schon: Im Süden der Stadt auf dem Reichsparteitagsgelände und an dessen Rand gäbe es dann künftig drei Konzertsäle. Im Zentrum keinen.

Konzertieren im Palais: das philharmonische Orchester Regensburg

B-Orchester, das klingt erst einmal schrecklich zweitklassig. Wer am Regensburger Stadttheater jedoch "Tristan und Isolde" gehört hat, wird nicht auf die Idee kommen, diese anhand von Planstellen vorgenommene Eingruppierung auf die musikalische Qualität übertragen zu wollen. "Sehr, sehr glücklich über ein Orchester dieser Qualität" sei er, sagt Intendant Jens Neundorff von Enzberg. Die Bandbreite des philharmonischen Orchesters nimmt seit Jahren zu, die Handschrift von Generaldirektor Tetsuro Ban ist unverkennbar.

Mit 3,5 Millionen Euro beträgt der Orchester-Anteil knapp ein Fünftel des gesamten Theateretats. Mit Auftritten in der Region soll der Klangkörper künftig mehr nach außen wirken, doch auch in der Stadt gibt es Nachholbedarf. Er sei nun keiner, der ständig nach neuen Konzertsälen rufe, sagt Intendant Neundorff von Enzberg. Doch ein neuer Raum mit gut 700 Plätzen - doppelt so vielen wie bisher im Neuhaussaal - stünde der Stadt gut zu Gesicht. Droht hier die nächste Konzertsaaldebatte? Immerhin: In zwei Wochen wird in Regensburg das "Haus der Musik" eingeweiht, laut Kulturreferent Klemens Unger eine "gigantische Musikwerkstatt" für die Bevölkerung. Dafür wurde das frühere Präsidialpalais für 17 Millionen Euro saniert - direkt gegenüber dem Stadttheater.

Fränkische Perlen und ein Orchester mit Migrationshintergrund

In Franken wird man musikalisch noch an einem zweiten Ort mit höchstem Anspruch bedient, das allerdings nur zur Festivalzeit. Zwar trägt der Bad Kissinger Winterzauber, veranstaltet von der Bayerischen Staatsbad GmbH, einen Namen, der etwas unglücklich nach RTL-Vorabendprogramm klingt. Aber im Max-Littmann-Saal treten zur Festivalzeit die ganz Großen der Szene auf, und die Rezensenten kommen dann üblicherweise auch von den überregionalen Zeitungen in die fränkische Kurstadt.

Solide musikalische Kost bieten auch die Theater in Würzburg, Coburg und Hof. Wobei den Hofer Symphonikern eine weitere Sonderrolle zukommt in Bayern: Sie konzertieren in der sogenannten Stadthalle in Bayreuth, einem Raum, der diesen lieblosen Namen nicht verdient. Einen großen Klangkörper unterhält die Stadt Bayreuth nicht. Ausgerechnet die Wagnerstadt Bayreuth? Ausgerechnet. Die Festspiele dauern ja nur fünf Wochen, die Musiker werden dafür aus den großen Klangkörpern Bayerns zusammengeholt. In ihren Ferien.

Klangkörper mit Migrationshintergrund in Ingolstadt

Was für Bamberger Symphoniker galt, gilt auch für das Georgische Kammerorchester Ingolstadt: Es ist ein Klangkörper mit Migrationshintergrund. 1990, während des Bürgerkrieges in seiner Heimat, kam das Ensemble aus Tiflis, wo es 1964 als Staatskammerorchester gegründet worden war, nach Deutschland und ließ sich an der Donau nieder. Die Musiker fanden in Ingolstadt schnell Freunde und Förderer und genießen inzwischen einen sehr guten Ruf.

Namhafte Gastdirigenten und herausragende internationale Künstler wie David Oistrach, Barbara Hendricks, Gidon Kremer oder Maxim Vengerov musizierten mit dem Orchester. Als ersten Artist in Residence hat der neue künstlerische Leiter Ruben Gazarian dieses Jahr den Weltklasse-Geiger Julian Rachlin gewonnen. Mit zwölf Abonnementskonzerten und vielen weiteren Auftritten ist das Ensemble eine der Säulen des regionalen Kulturlebens und der Audi-Sommerkonzerte. Weil es so erfolgreich ist, den Nachwuchs fördert und auch als kultureller Botschafter Bayerns im In- und Ausland auftritt, wird es seit 2010 vom Freistaat gefördert.

Bayerns kleinste Philharmoniker: Bad Reichenhall

Die Bad Reichenhaller Philharmonie kokettiert mit ihrem Status als Deutschlands einziges philharmonisches Kurorchester. Vor fast 150 Jahren wurde es mit dem Aufkommen des Tourismus gegründet. Der Großherzoglich-Mecklenburgische Kammermusiker Gustav Paepke baute es Ende des 19. Jahrhunderts auf die heutige Größe von 40 Musikern aus und erweiterte das Repertoire. Heute wird die Reichenhaller Philharmonie von einem Verein getragen, hat einen eigenen Intendanten und erhält Zuschüsse vom Freistaat. Ihre Konzerte ziehen Besucher aus ganz Deutschland an, immerhin 56 000 nach eigenen Angaben. Vor allem die Mozartwoche und die Strauß-Tage sind beliebt, und neuere Formate wie das Berg-Erlebniskonzert am Thumsee. Die Reichenhaller treten auch im Münchner Herkulessaal auf.

Geldregen nach Jahrhundertflut: Passaus Stadttheater

Das einst als Fürstbischöfliches Opernhaus eröffnete Stadttheater war eines der ersten deutschen Residenztheater, die für das Volk geöffnet wurden. Vor 232 Jahren wurde mit Anton Schweitzers "Alceste" die erste Oper aufgeführt. Seither wurde das Haus immer wieder geschlossen, umbenannt, umgewidmet und wiedereröffnet. Die jüngste Sanierung hat Passau dem Wasser zu verdanken. Wie weite Teile der Stadt wurde auch das Theater durch das Hochwasser im Juni 2013 schwer beschädigt.

Das Stadttheater wurde in zwei Etappen saniert und eben wieder in Betrieb genommen. Mit großen Opernhäusern kann Passau nicht mithalten, doch die Musiker der 1952 gegründeten Niederbayerischen Philharmonie bringen Vielfalt in die Provinz: Romantik bis Moderne, Monteverdi bis Musical, Tanztheater und La Traviata. 150 Vorstellungen gibt die Niederbayerische Philharmonie jedes Jahr, sei es als Grabendienst oder als eigenes Konzert. Und die Niederbayern kommen: 38 000 gehen pro Jahr in die Theater.

Allein könnte sich Passau so ein Orchester nicht leisten. Schon in den Fünfzigerjahren schloss sich die Bischofsstadt mit Straubing, Landshut und dem Bezirk Niederbayern zum Zweckverband zusammen, der Orchester, Chor und Schauspieler des Landestheaters Niederbayern finanziert. 2,3 Millionen Euro schießt der Freistaat jedes Jahr zu, die Spielstätten bezahlen die Städte. Was in Landshut gerade ein großes Problem darstellt: Das Stadttheater muss dringend saniert werden. Das dürfte mehr als 20 Millionen Euro kosten, 13,5 Millionen Euro müssten aus der Stadtkasse kommen - und Landshut ist hoch verschuldet.

Augsburg steht vor der nächsten Saal-Debatte

Alles schaut auf München, dabei stehen die Augsburger Philharmoniker selbst zwischen zwei Sanierungsdebatten. Denn in einer Stadt, deren Theater-Tradition bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht, bewegt die Kultur. Der Kongress am Park, wo das Orchester seine großen Sinfoniekonzerte gibt, wurde vor einigen Jahren erst komplett saniert. Dort können mehr als tausend Besucher den 70 Musikern des größten bayerischen B-Orchesters zuhören. Fast ebenso viele kommen im Großen Haus in den Genuss von Klassikern wie Prokofjews Ballett "Romeo und Julia" oder Humperdincks Kinderoper "Hänsel und Gretel".

Die Philharmoniker spielten in der vergangenen Spielzeit für 100 000 Menschen - als Begleitung aus dem Graben und mit 20 eigenen Konzerten. Das Orchester der Stadt kann in fünf Spielstätten ausweichen, doch die wichtigste, im Theater Augsburg, ist in schlechtem Zustand. Im Sommer 2016 könnte die Sanierung des 1877 eröffneten Theaters beginnen. Wer wie viel der Kosten trägt, soll demnächst vorgestellt werden. Auch das Augsburger Stadttheater profitiert von den 235 Millionen Euro, mit denen der Freistaat die bayerischen Theater unterstützt. Ob das Kultusministerium allerdings bei der Sanierung so freigiebig ist wie in der Causa Gasteig, ist fraglich.

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Quelle:
SZ vom 06.02.2015/angu
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