Mitten in Unterfranken:Der Brotkauf als Gewissenskonflikt

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Mitten in Unterfranken: Reine Glaubenssache: Der Toaster ist die Hölle des Brotes - oder das wahre Eden.

Reine Glaubenssache: Der Toaster ist die Hölle des Brotes - oder das wahre Eden.

(Foto: Catherina Hess)

Darf man leckere Kornprodukte eigentlich überall erwerben? Auch wenn die Bioanbieter früher als notorische Sektierer und Seelenfänger gegolten haben?

Glosse von Olaf Przybilla, Würzburg

Ein sehr enges Familienmitglied isst jetzt also aus gesundheitlichen Gründen "Emmerbrot", das soll eiweiß- und mineralstoffreich sein. Und nun will es der Zufall, dass dieses Kornprodukt angeblich bei einem speziellen Anbieter am schmackhaftesten sein soll, der es in der Nähe des Nürnberger SZ-Büros feilbietet. Könnte man doch folglich auf dem Heimweg mitbringen, oder?

Ja nun, grundsätzlich schon. Wäre da nicht dieses Beklommenheitsgefühl, wenn man den Schriftzug über dem pastellfarbenen Laden sieht. (Wiedergegeben werden soll der hier bewusst nicht - auch noch Werbung machen, das geht nun wirklich nicht.) Diese Brotvirtuosen haben ihre Wurzeln in Unterfranken, von dort schicken sie nicht nur wertschätzende Dinkelcroissants und tierleidfreie Früchtebrote ins weite Land hinaus - frei Haus mitgeliefert wird auch ein offenbar chronifiziertes Lächeln, eine Art übergriffiger Freundlichkeitsfundamentalismus, der den alltagsstoffeligen Emmerbrot-Interessenten vermutlich zu blamieren, wenn nicht gar zu erniedrigen versucht.

Und da soll man jetzt rein? Nicht verheimlicht sei an der Stelle, dass man vor 35 Jahren nicht umhin konnte, irgendeine Haltung zu diesen friedfertigen Fruchtaufstrichproduzenten zu entwickeln - zumindest nicht, wenn man in Unterfranken aufgewachsen ist. Für die einen waren sie dort einfach notorisch gutlaunige Urchristen und Pestizidverächter, andere ereiferten sich über abgeschottete Sektierer und Seelenfänger. Am schwierigsten hatten es jene, die fanden, diese Biobackkommune wirke zwar womöglich nicht immer so ganz knusprig - die es aber ablehnten, wüsteste Attacken ausgerechnet vom herkömmlichen Spiritualitätsanbieter und deren "Sektenbeauftragten" vernehmen zu müssen. Als hätten die nicht genug zu tun, beim Vor-der-eigenen-Kirchentür-Kehren.

Und heute? In und um Würzburg kaufen heute selbst Strengkatholische ihr Biobärlauch-Pesto bei denen mit dem Dauerlächeln (man muss es ja nicht gleich dem Herrn Pfarrer sagen). Seit Jahren macht auch kaum mehr ein Skandälchen die Runde, erst jetzt berichtet die Main Post von "vier großen Bauprojekten", die auf einem Hofgut - respektive "Friedensreich" - in Unterfranken für Rumoren in einer Kommune sorgen sollen. Aber ob das als Argument reicht, um zu Hause ohne Emmerbrot dazustehen?

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