München ist natürlich bitter für die SPD, der Verlust des Oberbürgermeisteramtes in der Landeshauptstadt ist der schwerste Schlag für die Sozialdemokraten am Stichwahlabend. München und die SPD, das war immer eine Gewissheit, so wie Bayern und die CSU. Aber mit den Gewissheiten ist es so eine Sache bei diesen Kommunalwahlen.
„Wir haben einiges verloren, einiges gewonnen“, sagt Landeschefin Ronja Endres am Tag danach. Man könne immer noch davon sprechen, „dass wir eine ziemliche Kommunalgewalt sind“. Natürlich, München tue „im Herzen weh“, auch für Dieter Reiter, dessen Bilanz sich sehen lassen könne. „Aber am Ende war das auch hausgemacht“, sagt Endres.
„Gigantisch“ nennt Endres Rosenheim, wo Abuzar Erdogan CSU-Amtsinhaber Andreas März den OB-Sessel abgejagt hat. Auch Bamberg, Regensburg, Schweinfurt, alles schöne Erfolge für die SPD. Elf Oberbürgermeister in den kreisfreien Städten zählt die SPD nach der Stichwahl, davor waren es zehn. Elf, wenn man Ingolstadt dazurechnet, das schon im vergangenen Jahr an die CSU verloren gegangen ist.
Und dann gibt es neben München auch noch Erlangen, Aschaffenburg, Hof, alles herbe Niederlagen. Auch die 12,3 Prozent bayernweit bei den Gremienwahlen bedeuten einen leichten Verlust, aber weniger als manche befürchtet hatten. „Über alle Parteigrenzen hinweg haben es amtierende Oberbürgermeister schwerer gehabt“, sagt Endres. Der Amtsbonus zählt nicht mehr so viel, das haben sie auch in der CSU festgestellt.
Und noch eine Erkenntnis teilt Endres mit CSU-Chef Markus Söder: Gute Social-Media-Kampagnen hätten geholfen, sagt sie, das sei etwa am Beispiel Rosenheim zu sehen. Und es brauche konkrete Projekte. In Augsburg habe der Kandidat viel über Schultoiletten gesprochen.
Augsburg ist der wohl wichtigste Gewinn der SPD, Florian Freund wird OB in Bayerns drittgrößter Stadt. Am Sonntagabend schüttelte Freund bei der städtischen Wahlparty im Moritzsaal hier eine Hand und herzte dort einen Gratulanten, stellte sich hier für ein Selfie vor die Kamera und lächelte dort in eine andere.
Vor drei Jahren war das noch anders auf der Party zur Landtagswahl: Da herzte Freund niemanden, da schlich er recht bleich durch die Reihen, weil er trotz guten Listenplatzes rausgefallen war, überholt von der jungen Parteikollegin Anna Rasehorn, mit der niemand gerechnet hatte, die sich zuvor im parteiinternen Aufstellungsverfahren nur per Losentscheid durchgesetzt hatte – und plötzlich ein paar Stimmen mehr erreichte als der Fraktionsvorsitzende des Augsburger Stadtrats, Florian Freund. Freund ist das bekannteste Gesicht der SPD in Augsburg, trotzdem stimmten die Menschen für eine junge Kollegin.
Dass er nun das Gesicht der Wechselstimmung in Augsburg ist und die Stichwahl mit 56,58 Prozent deutlich gewann, ist auch auf seinen Wahlkampf zurückzuführen: Freund mutete sich eine Ochsentour zu, er schaltete früh im vergangenen Jahr als Erster in den Wahlkampfmodus, er war der lauteste Wahlkämpfer, der Oberbürgermeisterin Eva Weber hart kritisierte. Es ist aber zu einem guten Teil auch auf die Schwäche der CSU-Amtsinhaberin zurückzuführen. Weber hat die Wahl verloren, nicht Freund hat die Wahl gewonnen – das war am Sonntag quer durch verschiedene Parteien in Augsburg zu hören.

Nun regiert die SPD Augsburg wieder, wie so viele Jahre bis 2008, als Politneuling Kurt Gribl das Rathaus für die CSU eroberte. Die Frage ist bloß, ob die Genossen damit hausieren gehen können: Die Augsburger wollten einen Wechsel, hauptsächlich weg von Weber. Und dann hat Freund ja nicht unbedingt einen klassischen SPD-Wahlkampf geführt, mit Betonung auf Ordnung und Sicherheit klang er manchmal wie der fleißigere CSU-Vertreter. Da war es nicht verwunderlich, dass er sogar Plakate ohne das SPD-Logo drucken ließ – musste ja nicht jeder mit der Nase darauf gestoßen werden, von welcher Partei er kommt.
Besonders freue sie sich über Regensburg, sagt Landeschefin Endres, da lebte sie lange. Dort hat Thomas Burger die Stichwahl gewonnen, mit 53,3 Prozent. Vor zwei Wochen noch, nach dem ersten Wahlgang, sah es so überhaupt nicht nach einem Durchmarsch Burgers aus. Im Gegenteil. Mit einem hauchdünnen Vorsprung von 0,2 Prozent schob sich Burger gerade mal so vorbei an der Kandidatin der Grünen auf den zweiten Platz – und kam in die Stichwahl. Am Telefon sagt Burger am Sonntag, dass er sehr froh sei, dass das dieses Mal „nicht so eine Zitterpartie“ geworden ist.
Doch eine so große Überraschung ist es eigentlich nicht. Vor der Stichwahl sprachen sich fast alle Parteien im Stadtrat für Burger aus: Grüne, die Brücke, Linke, ÖDP, Ribisl-Partei und Volt empfahlen ihren Anhängerinnen und Anhängern, den SPD-Kandidaten zu unterstützen. Manche vor allem deswegen, um eine CSU-Oberbürgermeisterin zu verhindern. Nur die Freien Wähler stellten sich hinter Freudenstein, FDP und AfD verzichteten auf eine Wahlempfehlung.


