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Kommunalwahl in Bayern:Enges Rennen in Ingolstadt

Ingolstadt

Im eigentlich schwarzen Ingolstadt hat es bei der Kommunalwahl eine echte Überraschung gegeben.

(Foto: dpa)

Amtsinhaber Christian Lösel von der CSU und sein Herausforderer Christian Scharpf von der SPD liegen kurz vor der Stichwahl nah beieinander - das Ende einer Ära scheint möglich zu sein.

Es war ein Blitzstart für Christian Scharpf, den OB-Kandidaten der SPD und Neuling in der Ingolstädter Stadtpolitik: Bei der Wahl des Stadtoberhaupts landete er aus dem Stand fast gleichauf mit dem Amtsinhaber Christian Lösel (CSU), Scharpf kam vorvergangenen Sonntag auf 33,65 Prozent, der amtierende Rathauschef auf 33,73 Prozent; dazu wurde der Sozialdemokrat Stimmenkönig aller Parteien im Stadtrat, er versprach einen "Neuanfang", verspürte "Wechselstimmung" und jede Menge Rückenwind für das Vorhaben, die fast fünf Jahrzehnte währende CSU-Regentschaft in Ingolstadt zu brechen. Und nun ist da die Corona-Krise, die den Wahlkampf auf ein Minimum reduziert und die den Amtsinhaber in die Pflicht der Tat nimmt. OB Lösel agiert als Krisenmanager dem Vernehmen nach ordentlich, im Ausnahmezustand solle man "nicht die Pferde wechseln", behaupten sie in der CSU - und plakatieren in diesen Tagen daher den Slogan: "Jetzt keine Experimente!"

Es wird also spannend bei der Stichwahl an diesem Sonntag, die Frage ist, ob der jüngste Rückenwind für Scharpf sozusagen im Sturm bestehen bleibt. Der Herausforderer von der SPD fällt jedenfalls mit zahlreichen Äußerungen und Pressemitteilungen zu Corona auf in den vergangenen Tagen - dass er den Kurs von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) voll unterstütze; und dass er keineswegs ein unbeschriebenes Blatt sei in puncto Krisenmanagement, sondern in seinem bisherigen Job als Stadtdirektor im Rathaus München auch hierzu Erfahrung aufbieten könne.

Vieles deutet auf ein erneut knappes Rennen hin bei der Stichwahl. Selbst traditionelle Auguren im Umfeld der Lokalpolitik, die sonst jedes Vorkommnis in Ingolstadt zu deuten wissen, erlebt man in diesen Tagen schmallippig. Die Wahlkampfarbeit hat sich derzeit aufs Netz verlegt, auf der Facebookseite des CSU-Kreisverbands Ingolstadt wurden zahlreiche Unterstützervideos eingespielt, mehrere junge Frauen melden sich dabei zu Wort - eine Zielgruppe, bei der man offenbar im ersten Wahlgang Defizite zu erkennen glaubt. Diese, wie andere Stimmen, preisen vor allem das, was sich Christian Lösel als Bilanz seiner Amtszeit zuletzt auf die Fahnen geschrieben hatte: Zukunftsideen für Wirtschaft und Digitalisierung und damit auch "Arbeitsplätze von morgen", die irgendwann nicht mehr im klassischen Automobilbau am örtlichen Audi-Stammsitz zu finden seien. Er könne Krise und Zukunft, wollen die Videos vermitteln.

Scharpf bietet dagegen in einem Werbevideo einen älteren Herren auf, der ein Nickerchen macht. Die Schlafmütze ist allerdings kein geringerer als der Münchner Alt-OB Christian Ude (SPD), unter dessen Fittichen Scharpf einst seine Karriere in der Verwaltung der Landeshauptstadt begonnen hatte. Eigentlich war Ude als Trumpf im Stichwahlkampf mit einer Kundgebung geplant, was wegen Corona natürlich nicht möglich ist. Und Ude spielt den Schlaf nur, es reiße einen ja "vom Hocker", wenn die Worte Ingolstadt und Stichwahl fallen. "Liebe Ingolstädterinnen und Ingolstädter", sagt er, die Chance für einen Neuanfang sei da, "ohne Skandale und Affären". Eine Anspielung auf die vergangenen Jahre, in denen in Ingolstadt groß angelegte Vetternwirtschaft am kommunalen Klinikum und die Korruptionsverurteilung von Lösels Vorgänger und politischem Ziehvater Alfred Lehmann (CSU) Aufregung ausgelöst hatten. Ude beteuert, dass Scharpf das OB-Geschäft "buchstäblich von der Pike auf gelernt" habe.

Doch dieser Tage gab es auch ein Zusammentreffen der Kontrahenten. Der Donaukurier lud zur Podiumsdiskussion, in Sitzabstand und ohne Publikum selbstredend.

Es ging sehr um die Machtkonstellationen. Die Stadtratswahl hatte eine enorme Zersplitterung erbracht: Die CSU stürzte (nach erster Interpretation wegen der Korruptionsgeschichten) ab, hat nur noch 13 Sitze; die SPD kam auf neun, die Grünen auf acht, Freie Wähler und AfD jeweils auf vier. Dazu gibt es ein breites Feld mit je zwei Sitzen: FDP, Junge Union mit eigener Liste, Linke, ÖDP sowie die Gruppierungen UDI und Bürgergemeinschaft; letztere tat sich bei der Aufklärung der Klinikaffäre als die wohl scharfzüngigste Opposition hervor.

Scharpf konnte - anders als Lösel - mehrere Kleine inklusive Linkspartei dazu bringen, eine Wahlempfehlung für ihn zu geben. Ihn ärgert, dass die CSU das jüngst in einem Flyer als "Rot-Rot-Grün geführtes Vielparteien-Bündnis" gegen eine "bürgerliche Regierung" skizzierte. Tatsächlich riecht die Werbesendung ein wenig nach Rote-Socken-Kampagne. Scharpf hatte im Wahlkampf stets betont, überparteilich regieren zu wollen, "ohne Filz und Absprachen". Auch Lösel bliebe im Fall eines Siegs nur ein solcher Regierungsstil oder ein buntes Bündnis, weil die bisherige Kooperation von CSU und FW keine Mehrheit hat. Theoretisch könnten am Ende gar CSU und SPD zusammenarbeiten - aber nur einer wird Rathauschef.

© SZ vom 27.03.2020/vewo
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