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Nürnberg:Kopf-an-Kopf-Rennen um Maly-Nachfolge

Kommunalwahl Bayern - Nürnberg

Liegt gut im Rennen: Thorsten Brehm, OB-Kandidat der Nürnberger SPD.

(Foto: dpa)

König und Brehm liegen gleichauf. Grünen-Kandidatin Osgyan ist abgeschlagen, holt aber das beste Ergebnis der Geschichte.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Dass dieser Wahlsonntag in die Geschichte Nürnbergs eingehen würde, war von vornherein klar. Immerhin war dies die erste Wahl seit 18 Jahren, in der nicht Ulrich Maly auf dem Wahlzettel stand. Bei dessen erster Wahl zum OB, im Jahr 2002, da war's noch spannend, keine Frage. Spätestens aber als Maly 2014 erneut antrat, zweifelte in ganz Nürnberg höchstens einer noch, wer als Sieger vom Feld gehen würde: der (in dieser Hinsicht etwas zur Koketterie neigende) Maly selbst. Der einer Umfrage zufolge "beliebteste deutsche Großstadt-OB" konnte sich längst auf eine stabile Zweidrittelmehrheit verlassen. Es gibt - soweit wird man gehen dürfen - zwei große OBs in der Nachkriegshistorie Nürnbergs. Andreas Urschlechter, der die Geschicke der Stadt von 1957 an 30 Jahre lang führte. Und eben Maly. Beide sind für die SPD in die Wahlen gezogen, der eine (Urschlechter) ist bereits ein Mythos, der andere steht kurz davor.

Der Presseclub im Marmorsaal, alle Wahlpartys sind abgesagt, also treffen sich Handverlesene hier. Noch bevor es einen Trend gibt, betritt Maly den Raum. Aufgeregt? "Nö", sagt er tiefenentspannt, "ich bin ja diesmal nicht direkt beteiligt." Was nach dem Mythos kommt? Bald schon zeichnet sich etwas ab, für das der Begriff Kopf-an-Kopf-Rennen mal erfunden worden sein muss: Marcus König (CSU) kommt auf 36,5 Prozent, Thorsten Brehm (SPD) auf knapp 35 Prozent. Die grüne Bewerberin Verena Osgyan hat keine Chance, 15 Prozent entscheiden sich für sie.

Dass der erste Wahlgang beantworten würde, wer auf Maly folgt, davon konnte keiner ausgehen. Nur eines war einigermaßen klar: Dass Brehm ganz leicht favorisiert sein würde, trotz SPD-Identitätskrise. Warum? Keine Partei hat der Halbmillionenstadt historisch so sehr ihren Stempel aufgedrückt wie die Sozialdemokraten. Umfragen zufolge ist die Zufriedenheit der Nürnberger mit ihrer Stadt enorm hoch. Und Maly war es, der sich seinen Nachfolger als OB-Bewerber gewissermaßen eigenhändig ausgesucht hat.

Er hatte dafür gesorgt, dass der erst 35 Jahre alte Thorsten Brehm, jüngster SPD-Chef in der Stadthistorie, von der Partei zum Kandidaten erkoren wurde. Plakate, auf denen Maly mit dem Spruch "Ich bin Thorsten Brehm" zu sehen waren, sollten verdeutlichen, dass zwischen amtierenden OB und SPD-Kandidaten kein Blatt Papier passt. Nun scheint's sehr eng zu werden für Brehm. Er spricht von einer "guten Ausgangsbasis" und hofft nun auf Stimmen der Grünen. Am schwersten zu prognostizieren war vorab die Rolle der Grünen in Nürnberg. Auch wenn es unwirklich anmuten mag: Ihre OB-Bewerber erreichten bei den vergangenen drei OB-Wahlen stabil zwischen 1,5 und 1,9 Prozent der Stimmen, da mutet das jetzige Ergebnis für die Landtagsabgeordnete Verena Osgyan respektabel an, es ist immerhin ein Vielfaches.

Aber jetzt hat es doch deutlich nicht für die Stichwahl gereicht. Nürnberg war noch nie eine Stadt mit überwiegend grün-akademischem Milieu, die historische Arbeiterstadt tickt anders als etwa Würzburg. In die Stichwahl kommen, das allerdings wollten die Grünen unbedingt. Zwei Makel allerdings ließen viele zuvor bereits Zweifel anmelden. Erstens sind die Grünen die einzige Partei mit ernsthaften OB-Chancen, die den seit Jahrzehnten geplanten Tunnel am Frankenschnellweg ablehnen, der aber - trotz Klimakrise - laut einer Umfrage der Nürnberger Nachrichten weiter von der großen Mehrheit der Nürnberger befürwortet wird. Zweitens war ihre Bewerberin Osgyan die einzige der drei für den Posten ernsthaft in Frage kommenden Kandidaten, die nicht Mitglied des Stadtrats ist und auch keine Ambitionen zeigte, in diesen einzuziehen, sollte sie nicht OB werden. Das könnte schlecht angekommen sein bei den Nürnbergern.

Enttäuscht? Osgyan lächelt: "Das beste OB-Ergebnis für die Grünen in der Geschichte Nürnbergs", sagt sie.

Und die CSU? Ist in Nürnberg in den vergangenen Jahren immer schon in einer Art Sandwich-Position, von der sie sich nie so ganz sicher sein kann, ob diese Fluch oder Segen ist. Die Geschicke der Stadt bestimmt die CSU in Nürnberg wuchtig mit, klassische Stadtressorts wie das Schulreferat oder - in Zeiten der Kulturhauptstadtbewerbung überaus relevant - das Kulturreferat werden von profilierten CSUlern besetzt. Da fällt von der demoskopisch festgestellten Bürgerzufriedenheit mit der Stadt einiges ab für die Partei, zumal die Staatsregierung unter dem Herzensnürnberger Markus Söder bei Großprojekten sehr maßgeblich die Finger mit im Spiel hat: Aufhübschung des Wöhrder Sees, Renovierung der Kaiserburg, entstehende Dependance des Deutschen Museums und geplante Sanierung und Reaktivierung des Volksbads.

Die Frage war vor der Wahl, inwieweit der leutselige Kandidat König daraus Kapital würde schlagen können. Er konnte es offenbar massiv. König sieht nun eine "historische Chance" für die CSU Nürnbergs. Nach der Wahl ist vor der Wahl, und da ist jetzt schon klar, dass wenig klar ist. Etwa 70 Prozent haben die beiden Stichwahlkandidaten auf sich vereinigen können. Das heißt auch, dass viele keinen der beiden erneut antretenden Kandidaten gewählt haben. Auf welche Seite schlagen sich die Freien Wähler? Gehen AfDler - ihr Kandidat kommt auf vier Prozent - überhaupt wählen, wenn keiner der ihren zur Wahl steht und sie nicht ihrem wie auch immer gearteten "Protest" Ausdruck verleihen können? Nürnberg steht eine enorm spannende Wahl bevor.

© SZ vom 16.03.2020
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