Kommunalpolitik:Wie ein Anti-Politiker Oberbürgermeister von Landshut wurde

Oberbürgermeister-Stichwahl in Landshut

Ohne jegliche Erfahrung ist Alexander Putz (FDP) zum Landshuter Oberbürgermeister gewählt worden. Er findet, dass es ziemlich gut für ihn läuft.

(Foto: dpa)

Alexander Putz, Österreicher und von der FDP, hat im Herbst die traditionelle Herrschaft der CSU im Rathaus beendet. Nach 100 Tagen im Amt sind ausgerechnet die Verlierer der Wahl seine größten Fans.

Von Andreas Glas

Das Café Belstner in Landshut beschreibt sich selbst als "eine Mischung aus Wiener Caféhausflair und barocker Opulenz mit modernen Elementen und viel Farbe aufgepeppt". Klingt wild, schaut auch so aus. Dunkelholzige Möbel, goldene Buddhas, geschnörkelte Bilderrahmen, knallpinke Wände. Die Speisekarte gibt da geschmacklich schon mehr her, die Currywurst zum Beispiel. "Die beste Currywurst in Landshut", sagt Alexander Putz. "Und das in einem Wiener Café, da rechnet keiner damit."

Womit wir beim Thema wären. Dass die Landshuter einen gebürtigen Österreicher für den besten OB-Kandidaten halten, damit konnte ja ebenfalls keiner rechnen. Zumal Alexander Putz auch noch FDP-Mitglied ist. Man kann das absolut als Handicap bezeichnen in einer Stadt, die seit 1970 pausenlos von CSU-Oberbürgermeistern regiert wurde. Dass sich einer wie Putz hier durchsetzen konnte, hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Satte 63 Prozent holte er im Oktober bei der Stichwahl gegen CSU-Kandidat Helmut Radlmeier. Es war, das darf man ausnahmsweise mal sagen: eine Sensation.

Alexander Putz, 53, sägt jetzt an seiner Currywurst, man schaut ihm zu, und plötzlich merkt man, dass da etwas anders ist als im Wahlkampf: die Krawatte. Dass er jetzt Krawatte trägt, "das erwarten die Leute", sagt Putz. "Aber das sind nur Äußerlichkeiten, das verändert mich innerlich nicht." Im Grunde sei er, das ist ihm wichtig, ein normaler Mensch. Eben keiner dieser uniformigen, krawattenhaften Politiker. Das hat er schon im Wahlkampf suggeriert, damit hat er die Leute gekriegt. Und noch etwas ist ihm wichtig: Dass es kein Kalkül war, sich als Anti-Politiker zu inszenieren. "Mir ist das selber gar nicht so bewusst gewesen", sagt Putz.

Überhaupt: Anti-Politiker. Wenn er das schon hört. "Ich habe gesagt, dass mir gewisse Gepflogenheiten und Rituale in der Politik nicht gefallen", mehr nicht, sagt Putz, fuchtelt mit den Armen und schlägt sich aus Versehen die randlose Brille von der Nase. Man fragt sich, warum er sich so ärgert über das Etikett des Anti-Politikers: Er hat die Menschen erreicht, für Kommunalpolitik begeistert, das muss man erst mal schaffen.

Und es ist nun mal so, dass die Figur des Anti-Politikers zurzeit bei vielen Leuten gut ankommt. Damit hat er kokettiert, ob bewusst oder nicht, und damit hat er die Wahl gewonnen - ohne in AfD-Manier zu hetzen, ohne krampfhaft zu polarisieren. Ist doch keine Schande.

Seit 100 Tagen regiert in Landshut also ein Mann, der keine kommunalpolitische Erfahrung hat. Als er sich zum ersten Mal auf den OB-Sessel setzte, da bekam Putz seine Beine nicht unter den tiefen Schreibtisch. Das Schreibtischproblem hat er inzwischen gelöst, er hat sich eines dieser praktischen Stehpulte angeschafft. Auf dem Pult hat er eine kleine Metallfigur platziert, einen Mini-Zeichentisch, "ein Erinnerungsstück an mein früheres Leben" als Bauingenieur. Und unter dem Pult gibt es einen Knopf, den muss er nur antippen, dann fährt das Ding automatisch rauf oder runter. Putz ist jetzt flexibel.

Das muss er als OB auch sein, das hat mit den Mehrheiten im Landshuter Rathaus zu tun. Unter 44 Stadträten ist nur ein einziger FDP-Politiker. Wer also frech ist, der sagt, dass der neue Oberbürgermeister eher ein Oberbürgermeisterchen ist, das sich die Mehrheiten immer wieder neu organisieren, immer wieder Kompromisse eingehen muss. Wer rein parteitaktisches Denken aber eh nicht leiden kann, der nimmt das lässig: "Ich möchte die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, mit Argumenten überzeugen", sagt Alexander Putz. Klingt verdammt naiv. Aber wer argumentieren kann wie Putz, dem traut man das tatsächlich zu.

Er ist ja ein begabter Rhetoriker, damit fängt er Menschen. Er ist kein Schwätzer, er ist ein Erklärer ohne ein Vereinfacher zu sein. So gesehen war sein Wahlkampf ein Experiment. Am Anfang wusste ja keiner, ob es genug Menschen gibt, die ernsthaft drauf warten, dass da einer kommt und ihnen Kommunalpolitik erklärt. Er hat über Planfeststellungsverfahren doziert, über Bundesverkehrswegepläne und andere Sachen, die so sperrig sind wie sie klingen. Damit hat er den Leuten etwas zugemutet, ihnen aber auch das Gefühl gegeben, dass er sie für intelligent genug hält, Kommunalpolitik zu kapieren.

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