Volkshochschule Kolbermoor:"In gefährlicher Nähe zu sogenannten Corona-Leugnern"

Die Volkshochschule in Kolbermoor gerät wegen einer Vortragsreihe zum Coronavirus in die Kritik des Landesverbands. Der Bürgermeister der Stadt weist die Vorwürfe zurück.

Von Dietrich Mittler, München/Kolbermoor

Die Debatte über aktuell sinnvolle Vorgehensweisen in der Corona-Krise wird schärfer. Am Donnerstag hat sich der Bayerische Volkshochschulverband ausdrücklich von einer Vortragsreihe der Volkshochschule (VHS) Kolbermoor distanziert, die unter dem Titel "Nachdenken über Corona" angeboten wurde. Bei dieser Stellungnahme handelt es sich auch aus Sicht von VHS-Verbandschef Christian Hörmann um "einen bislang singulären Vorgang". Bei der Veranstaltungsreihe in Kolbermoor habe man sich "in gefährliche Nähe zu sogenannten Corona-Leugnern" begeben, argumentiert Hörmann. Und: "Verschwörungstheorien, pauschale Impfgegnerschaft, aber auch Heilsversprechen oder krude Esoterikangebote haben im Volkshochschulprogramm keinen Platz."

Die Volkshochschule Kolbermoor, so heißt es im Schreiben des VHS-Verbands, schade mit ihrem "weitgehend einseitigen, ja jeder wissenschaftlichen Fundiertheit entbehrenden Programmschwerpunkt der Volkshochschularbeit im Ganzen". Peter Kloo (SPD), der Erste Bürgermeister von Kolbermoor, hält diesen Vorwurf für schlichtweg "überzogen" und "für faktisch unhaltbar". Am Telefon sagt er: "Wenn wir ein qualitativ hochwertiges Programm anbieten, dann will ich, dass wir uns an Grenzbereiche herantasten, bei denen man auch streitbarer Meinung sein kann." In einem Brief, den der Bürgermeister noch am Donnerstag an Hörmann adressierte, heißt es weiter: Die Diskussion müsse "sachlich-themenzentriert" geführt werden - "und nicht in versuchter oder vollzogener Abwertung einer Person, die eine andere Meinung vertritt". "In diesem Sinne sehe ich deshalb von Ihnen pauschalisiert verwendete Begriffe wie ",Corona-Leugner' oder ,Verschwörungstheoretiker' als unbrauchbar an", heißt es weiter in diesem Brief, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Was Hörmann an einigen Referenten der Veranstaltungsreihe stört, sind unter anderem deren Aussagen, die im Internet für jedermann abrufbar sind. Etwa jene der Ärztin Elisabeth Höppel, deren Vortrag unter dem Titel "Impfungen - mit kühlem Kopf an ein ,heißes Eisen'" angeboten wurde. Höppels Äußerungen zur Corona-Pandemie, die sich etwa am 22. Oktober unter www.haag-aktuell.de wiederfinden, stehen im krassen Widerspruch zu dem, was derzeit viele Ärzte umtreibt. Eine zweite Corona-Welle? "Die gibt es nicht", teilte die Ärztin für ganzheitliche Medizin aus Haag in Oberbayern da mit. Und: Die Corona-Fälle in Bayerns Krankenhäusern? Hier werde ein "Normalzustand" zu "Horrorszenarien" aufgebauscht: "Wir haben nur eine ,Labor- und Medien-Pandemie'". Bei einer echten Pandemie "kennt jeder persönlich einige schwere Fälle oder sogar Verstorbene", ließ Höppel die Öffentlichkeit wissen.

Ein anderer Vortrag in der Kolbermoorer Veranstaltungsreihe ist getitelt mit: "Die Medien-Epidemie: Journalismus, Corona und die neue ,Realität'." Auch der geplante, aber nun aufgrund des Lockdowns abgesagte Vortrag des Münchner Psychotraumatologen Franz Ruppert passt in dieses Schema. Der ist übertitelt mit "Gesundes Ich, Liebe, Wahrheit, echte Gemeinschaft statt Masken - Ich, Panik, Impfwahn, Pseudo-Solidarität!".

Bürgermeister Kloo sieht in der Zusammenstellung der Vorträge kein Problem: "Unsere Intention war nicht, jemandem eine Corona-Leugner-Plattform zu geben oder sich darüber auszulassen, ob Impfung gut oder schlecht ist", sagte er. Das solle "bitte jeder mit sich selber vereinbaren". Ihm sowie der Leiterin der Volkshochschule in Kolbermoor sei es um etwas anderes gegangen. "Wir wollen dazu beitragen, dass wir kritische Bürger bekommen." Und dazu müsse man auch Bereiche ansprechen dürfen, "wo es mal weh tut", sagte Kloo am Telefon. Für VHS-Verbandschef Hörmann und seine Vorstandskollegin Regine Sgodda ist hierbei jedoch eine Grenze überschritten worden. "Das ist nicht der Standard, auf dem Volkshochschulen arbeiten", sagte Hörmann. Und: "Der offensichtliche Mangel an Ausgewogenheit" der Kolbermoorer VHS-Vortragsreihe sei "sehr gefährlich".

© SZ vom 06.11.2020/van, kafe
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