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Streit um Holzkraftwerk:"Das Problem sind die Mengen"

Holzhackschnitzel, 2013

In Bayern werden inzwischen gigantische Mengen an Holz verfeuert: 2019 sind in den Wäldern 19 Millionen Festmeter Holz geschlagen worden. Davon waren 7,2 Millionen Festmeter oder 38 Prozent Energieholz.

(Foto: Claus Schunk)

In Kösching soll ein Kraftwerk, befeuert mit Hackschnitzeln, CO₂-neutral Wärme und Strom produzieren - unter anderem für Audi. Gegner der Anlage bezweifeln die Nachhaltigkeit. Nun sollen die Bürger entscheiden.

Von Maximilian Gerl und Christian Sebald

Seit einem Jahr ist Ralf Sitzmann Bürgermeister von Kösching, seine Vorgängerin nennt er am Telefon scherzhaft "die Glückliche". Denn Sitzmann steht am Sonntag ein Bürgerentscheid ins Haus. Ein Holzkraftwerk soll in dem 10 000-Einwohner-Markt bei Ingolstadt entstehen. Leuchtturmprojekt und Beitrag zur Energiewende, sagen die einen. Weder dem Bedarf entsprechend noch wirklich grün, warnen die anderen. 2000 Unterschriften gegen das Kraftwerk hat eine Bürgerinitiative gesammelt. Nun entscheiden die Köschinger - und Sitzmann hofft auf ein klares Ergebnis und Ende des Streits. 49 Prozent zu 51, sagt er, "wäre das Schlimmste".

Das Holzkraftwerk soll einmal Wärme und Strom produzieren. Und zwar klimafreundlich, so verspricht es der Investor Prolignis. In dem Kraftwerk sollen nämlich ausschließlich Energieholz, Grüngut und anderes Material aus der Landschaftspflege sowie ausrangierte Paletten und ähnliches unbehandeltes Altholz verbrannt werden. Dadurch sei die Anlage CO₂-neutral. Denn die Bäume, die in den Wäldern in der näheren und ferneren Region heranwachsen, nähmen "das beim Verbrennungsprozess freigesetzte Kohlendioxid wieder auf", heißt es in einem Flyer von Prolignis. Es handle sich um einen "geschlossenen CO₂-Kreislauf".

Nach jetzigem Stand wäre die Anlage mit bis zu 60 MW Wärme und 11,4 MW Elektrizität eine der größten ihrer Art in Bayern. Rechnerisch könnte sie Wärme für 9500 Haushalte und Strom für 23 000 Haushalte liefern. Allerdings soll das Kraftwerk, das auf einem vier Hektar großen Areal zwischen der Raffinerie Gunvor und dem Tanklager Lenting errichtet werden soll, in erster Linie Wärme für das Audi-Werk in Ingolstadt bereitstellen. Der Fahrzeughersteller will das Werk nämlich bis 2025 CO₂-neutral machen. Das heißt: Ab diesem Jahr sollen die Autos, die dort vom Band laufen, klimaneutral produziert werden. Für das neue Holzkraftwerk soll das Gaskraftwerk stillgelegt werden, das bisher das Werk versorgt. Dadurch will Audi pro Jahr 90 000 Tonnen CO₂ einsparen. Über ein Wärmenetz, das allerdings erst errichtet werden müsste, könnten außerdem öffentliche Einrichtungen und private Haushalte in Kösching und Lenting von dem Kraftwerk profitieren.

Bürgermeister Sitzmann könnte sich mit dem Kraftwerk, der Nahwärme und zusätzlichen Einnahmen für seine Kommune anfreunden. Die Begeisterung teilen aber nicht alle, auch nicht im Gemeinderat. Einerseits haben Chemie- und Autoindustrie der Region Wohlstand gebracht, andererseits ist sie ziemlich zugebaut. Die Bürgerinitiative "Stoppt das Kraftwerk" kämpft gegen das Projekt. Deren Sprecher Georg Altmann sagt: "Wir sind nicht gegen eine Biomasseanlage", im Gegenteil. "Das Problem sind die Mengen." Er bezweifelt, dass das mit dem Holzverfeuern so nachhaltig ist, wie Prolignis sagt.

Tobias Mayinger ist Chef von Prolignis.

(Foto: Prolignis AG)

Insgesamt sollen in der Köschinger Anlage einmal 173 000 Tonnen Holz im Jahr verfeuert werden. 80 000 Tonnen sind Energieholz, 60 000 Tonnen stammen aus der Landschaftspflege, die verbleibenden 33 000 Tonnen sind Altholz. Energieholz sind Hackschnitzel aus minderwertigen Bäumen, Ästen und anderem Material, das in der Forstwirtschaft anfällt. Laut Prolignis haben die großen und kleinen Waldbesitzer in der Region genug Energieholz. Kraftwerks-Kritiker Altmann will nicht so recht daran glauben, zumindest nicht langfristig. Bäume bräuchten zu lange zum Wachsen, als dass sich der Energiehunger der Anlage regional stillen lasse.

Außerdem befürchtet die Initiative, dass die Anwohner vom Kraftwerk allein die Emissionen, den Lärm der anliefernden Lkw und den Geruch hätten. Der Standort ist nur 200 Meter von einer Siedlung entfernt. Auch ein Wärmenetz für die Kommunen hält die Initiative für nicht rentabel. Betreiber Prolignis widerspricht auch dem. Man habe ein Gutachten, dass sich ein Wärmenetz lohne. Der Lärm der Anlage unterschreite nachts den Dezibelwert für Flüstern. Für die Lkw habe man ein Verkehrskonzept und die Emissionen lägen im sogenannten Irrelevanzbereich. Auch die Bedenken wegen des Holzes nennt Prolignis-Chef Tobias Mayinger "unbegründet". Genutzt werde nur, was nicht als Wertholz tauge.

Es ist freilich so eine Sache mit dem Energieholz. Es sind inzwischen gigantische Mengen, die jedes Jahr verfeuert werden. 2019 sind in den bayerischen Wäldern 19 Millionen Festmeter Holz geschlagen worden. Davon waren 7,2 Millionen Festmeter oder 38 Prozent Energieholz. Experten wie Franz Leibl, der Chef des Nationalparks im Bayerischen Wald, geben zu bedenken, dass der Effekt für den Klimaschutz deutlich besser wäre, wenn man dieses Holz in den Wäldern belassen würde. Denn dann wäre es noch auf Jahre hinaus ein CO₂-Speicher. Bei der Verbrennung werde es dagegen sofort freigesetzt und der Wald brauche viele Jahre Zeit, um es aus der Luft zurückzuholen.

Georg Altmann ist gegen das Kraftwerk.

(Foto: privat)

Erst im Februar haben denn auch mehr als 500 Wissenschaftler weltweit die EU und die USA aufgefordert, auf das Verbrennen von Holz zur Energiegewinnung zu verzichten. Denn dies gefährde die Klima- und Artenschutzziele, sagen die Forscher, von denen auch welche am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, der Humboldt-Universität Berlin und an der Uni Göttingen arbeiten. Sie lobten die Absicht, die EU- und die US-Wirtschaft bis 2050 klimaneutral zu machen. "Der Erhalt und die Instandsetzung von Wäldern sollten aber ein Schlüsselinstrument sein, um dies zu erreichen", sagen sie. Deshalb müsse die EU aufhören, das Verbrennen von Biomasse in ihren Standards für erneuerbare Energien als klimaneutral zu behandeln.

An diesem Sonntag sind nun die Köschinger dran. Wegen der Corona-Pandemie läuft der Bürgerentscheid per Briefwahl. Über den Ausgang wagt Bürgermeister Sitzmann keine Prognose. Dafür hofft er, dass sich danach "wieder alle in die Augen schauen können". Denn der Ton zwischen Befürwortern und Gegnern sei rau geworden, so ist es auch von beiden Seiten zu hören. Immerhin werde nun endlich über das Thema Emissionsreduzierung gesprochen, sagt Kraftwerks-Gegner Altmann. "Es hat also schon was gebracht."

© SZ vom 15.05.2021/syn
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