Patricia Piccinini wartet schon im Foyer des Koenig Museums. Eine zierliche, lebensechte Frauenskulptur im blauen Kleid mit Stiefeln. Sie hält ein fettes, nacktes Wesen in ihren Armen, schmiegt ihren Kopf an diese eigenartige Mischung aus Mensch und Tier, umarmt das freundliche Unbekannte. Nicht weit davon entfernt ein anderes Selbstbildnis: Fritz Koenigs „Großer Rossmensch“, in dem Mensch und Pferd zu einer Einheit verschmolzen sind. Eine Plastik, die das Lebensgefühl des Landshuter Bildhauers wie keine zweite ausdrückt.
„Er macht Mischwesen aus Menschen, Tieren und Pflanzen und sie tut das ebenfalls“, fasst Daniel J. Schreiber, der Leiter der Städtischen Museen Landshut, den Ansatz der Schau zusammen. Er hat die Wanderausstellung gemeinsam mit dem Tübinger Institut für Kulturaustausch für das Koenig Museum kuratiert. Erstmals treten Piccininis Werke nun in einen Dialog mit einem Vertreter der klassischen Moderne.
Schreiber hat dafür das Museum ziemlich leergeräumt, die meisten der Koenig-Werke ins Depot verbannt. Ein gewagtes Unterfangen für ein monografisch angelegtes Museum. Doch es nutzt ja nichts, nur Koenigs Werke auszustellen, wenn dann die Besucher wegbleiben. „Es geht schon auch um die Überlebensfähigkeit eines Künstlermuseums“, sagt Schreiber, ergänzt aber sicherheitshalber, dass geplant sei, die Koenigschen Installationen bald zu rekonstruieren. Bis dahin kann man die Werke auch in den offenen Schaudepots besuchen.
Was die aktuelle Ausstellung betrifft: Die Inszenierung ist gelungen, auch wenn der Kontrast extremer nicht sein könnte. Schließlich reduziert Fritz Koenig, Meister der Abstraktion, seine Plastiken, auch seine Pferd-Mensch-Kombinationen, auf grundlegende Formen. Piccinini hingegen formt sie lebensecht aus Silikon, Kunststoff und organischem Material. Technisch perfekt und absolut makellos. Jede Pore, jedes Haar, jede Hautfalte ist sichtbar. Und während Koenigs Werke oft erst nach längerer Betrachtung ihre Wirkung entfalten, reagiert man auf Piccininis Chimären ganz unmittelbar. Die Bandbreite der Gefühle ist weitgespannt, reicht von Abscheu bis hin zu tiefer Empathie.
In ihrem Universum, das den Anthropozentrismus hinterfragt, steht nicht der Mensch im Mittelpunkt, sondern imaginäre Kreaturen, die sich der Kategorisierung entziehen. Sie sind weder Mensch noch Tier noch Pflanze. Die hybriden Geschöpfe gibt es in der Wirklichkeit nicht, aber es könnte sie durchaus geben. Beispielsweise den eierlegenden Frauenkörper, der Kopf eine Blüte. Oder das aus Cowboystiefeln herauswachsende Gebilde mit einem Männerkopf, das seine Eier in einer fetten Bauchfalte hütet. Oder die Orang-Utan-Mutter, die beschützend ihre Kinder hält, eines davon ein menschliches Baby. „97 Prozent ihrer DNA stimmen mit der des Menschen überein“, sagt Schreiber. 99 Prozent sind es beim Schimpansen, 95 Prozent beim Schwein, noch 85 Prozent beim Pferd. „Wir alle sind Hybride, schon immer.“

Piccininis Interesse am Andersartigen wurzelt auch in ihrer Biografie. Geboren 1965 in Sierra Leone (Westafrika) als Kind einer englischen Mutter und eines italienischen Vaters, wanderte sie mit ihren Eltern als Siebenjährige nach Australien aus, machte früh die Erfahrung, wie unangenehm es war, sich anders zu fühlen. „Ich verstehe die Figuren in meinem Werk in vielerlei Hinsicht als Metaphern für die Entrechteten oder Ausgeschlossenen“, sagt sie in einem im Katalog abgedruckten Interview. Sie ist überzeugt davon, dass viele Probleme unserer Welt daher rühren, dass wir die Dinge auf eine vermeintliche Eindeutigkeit und „Reinheit“ hin ausrichten. Was nicht passt, wird ausgeschlossen. Dieser Haltung setzt sie die Hybridität ihrer Arbeiten entgegen.
Anders als Koenig erzählt die Künstlerin in ihren Installationen Geschichten. Ein dämmriger Saal, düstere dystopische Landschaften an den Wänden bilden die Kulisse. Darin aufgebaut und dramatisch beleuchtet die Szene „The Welcome Guest“, die der Ausstellung den Titel gab: ein Bettchen, darauf ein kleines Mädchen, das eine bizarr gewachsene Kreatur mit langen Krallen, vermutlich kein Bewohner unseres Planeten, glücklich anstrahlt. Offensichtlich freuen sich die beiden über die Begegnung, unbeeinflusst von genormten Kategorien, was das Aussehen betrifft. Dazu gesellen sich Koenigs „Große Doppelkarytide N“ und die zwei Säulenfiguren, zwei ganz andere Formen von Begegnung.
Dann wandert man durch „The Field“, eine sehr friedliche Installation. 2000 weiße Halme, die seltsame Blüten und Früchte tragen. Die Knospen wirken eher wie fleischige Gebilde, möglicherweise wachsen hier Organe. Eine Knospe als Kopf hat auch Koenigs Kugelkopfsäule I, die sich erstaunlich mühelos einfügt.

„The Young Family“ sorgte schon 2003 auf der Biennale in Venedig für Diskussionen, als Piccinini den australischen Pavillon bespielte. Die junge Familie liegt nackt auf einem Plastikbett. Die Mutter, halb Tier, halb Mensch, säugt ihren Nachwuchs. Sie wirkt nicht besonders glücklich. Möglicherweise werden ihre Sprösslinge nur als Ressource für die menschliche Medizin aufgezogen. Eine Interpretation, die Piccinini selbst vorgab, als sie schrieb, sie stelle sich vor, dass diese Wesen für Organtransplantationen gezüchtet werden. Da dies oft mit Schweinen versucht werde, habe sie der Familie schweineähnliche Merkmale gegeben.
Dann die intimste Inszenierung der Ausstellung: ein kleiner Wohnwagen, darin liegt ein Liebespaar, dessen Gesichter wolfsartige Züge aufweisen. Der Besucher wird zum Voyeur, der die Intimität anderer durchs Fenster beobachtet. Im selben Raum Koenigs „Großes Epitaph für Zwei“, zwei aufs Äußerte reduzierte Figuren, die dicht beieinander liegen.
Aber Piccinini setzt sich nicht nur mit Fragen der Gentechnologie auseinander, sondern greift auch den Gedanken der Cyborgs auf, der technisch weiterentwickelten Natur. Auch diese naturalisierten Maschinen, deren Hochglanz-Design jenem aktueller Motorroller ähnelt, könnten, so ihre Fantasie, sich lieben, sich vermehren, als selbständige Wesen existieren.
Die Wanderung durch die Ausstellung ist jedenfalls eine gute Gelegenheit, eigene Vorurteile zu entdecken und sich zu fragen, welche Merkmale des menschlichen Körpers man als schön und vertraut wahrnimmt, während andere unangenehm, fremd oder gar gefährlich anmuten. Und letztlich festzustellen, dass man Piccininis freundlichen, verspielten Wesen eigentlich nur mit Zuneigung begegnen kann.
Patricia Piccinini: Willkommener Gast. Bis 22. Februar, Koenig Museum. Landshut

