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Letzter Brief von König Ludwig II.:Ein Gutachten erklärt den König für geisteskrank - per Ferndiagnose

Aus dem Brief geht überdies hervor, auch das ist neu, dass Ludwigs Entführung aus Neuschwanstein ursprünglich einen anderen Verlauf nehmen sollte. Demnach sollte er von der ersten Fangkommission nach Linderhof gefahren werden. In diesem Fall wären die Geschichte und der Mythos anders verlaufen. Ludwig II. wäre nicht unter ungeklärten Umständen im Starnberger See ertrunken.

"Dass er dann nach Berg gebracht wurde, scheint an Dr. Gudden zu liegen", vermutet Immler. Gudden hatte sich doch noch durchgesetzt und die Leitung der zweiten Regierungskommission übernommen. Er und einige Kollegen hatten dem König zuvor eine unheilbare Geisteskrankheit attestiert, eine Paranoia (Verrücktheit). Gudden hielt Ludwig auch deshalb für "originär geisteskrank", weil er die Konzeption einer Seilbahn über den Alpsee verfolgte.

Dass die Gutachter sich in mehreren Punkten geirrt hatten, gab einer von ihnen später zu. Man habe einen Tobsüchtigen erwartet, wogegen Ludwig bei und nach seiner Festnahme sich ruhig und vernünftig verhalten habe. "Wie können Sie mich für geisteskrank erklären, Sie haben mich ja gar nicht vorher angesehen und untersucht?", fragte der König Gudden, der seine Entmündigung per Ferndiagnose betrieben hatte.

"Majestät, das war nicht nothwendig; das Aktenmaterial ist sehr reichhaltig und vollkommen beweisend, es ist geradezu erdrückend", antwortete Gudden laut einer Mitschrift des Gesprächs. Der König wurde dann, qualvoll eingesperrt, nach Schloss Berg am Starnberger See transportiert, wo er am 12. Juni 1886 mittags eintraf. Fünf Tage vorher hatten fünf Minister und der Ministerpräsident seine "lückenlose Internierung" verfügt.

Der Staatsstreich als Treppenwitz der Geschichte - mit unerwarteter Pointe

Der Politiker Peter Gauweiler, ein profunder Ludwig II.-Kenner, ist davon überzeugt, "dass die exekutiven Träger der Staatsaktion eigentlich alles missachtet, gebeugt und gebrochen haben, was zu dieser Zeit im Deutschen Reich und im Königreich Bayern Recht war".

Dem König seien in keiner Phase dieses Verfahrens irgendwelche Rechte oder Verteidigungsmittel zugestanden worden, die nach damaliger Rechtslage in Bayern im Entmündigungsverfahren für jedermann selbstverständlich waren.

Der Brief im Wortlaut

Theuerster Vetter!

Vergib die schlechte Schrift, ich schreibe dieß in höchster Eile. Denke was Unerhörtes heute geschehen ist!! - Diese Nacht kam eilends einer vom Stallgebäude herauf u. meldete, es wären mehrere Menschen (darunter horribile dictu) ein Minister u. eine meiner Hofchargen in aller Stille angekommen, befahlen meinen Wagen u. Pferde hier (von der oberen Burg) wegzunehmen hinter meinem Rücken u. wollten mich zwingen nach Linderhof zu fahren, offenbar u. mich dort gefangen zu halten, u. Gott weiß was wohl zu thun, Abdankung zu ertrotzen kurz eine schändliche Verschwörung! Wer kann nur hinter einem solchen Verbrechen stecken, Prz. Luitpold vermuthlich. Durch Gensdarme u. Feuerwehr, die sich tapfer entgegenstemmen ward dieß vorläufig vereitelt. Die Schand-Rebellen wurden arretirt. Behalte dieß Alles bitte vorläufig für Dich. Wie kann aber einen solche Infamität nur möglich sein!! Bitte forsche selbst u. durch Andere Verläßige darauf! Hättest Du so etwas für möglich! gehalten. Schon früher schrieb ich Dir daß ich über absichtlich mit Geld herumgestreute Gerüchte über mich (angebliche Krankheit) an der nicht eine Sylbe wahr ist p) gehört habe. Es ist zu arg. Es muß Licht in diesen Abgrund von Bosheit kommen!

In felsenfestem Vertrauen u. inniger Liebe

Dein getreuer Vetter Ludwig

Hohenschw. 10. Juni 86

Ergänzung mit Bleistift: Dieser Abschaum von Bosheit mich nächtlich überfallen u. gefangen nehmen zu wollen!!!

Für Gauweiler war es ein hochverräterischer Staatsstreich, begangen von Ministern, die um ihr Amt fürchteten. So betrachtet, spielt es für Gauweiler keine Rolle, ob Ludwigs Tod am Abend des 13. Juni 1886 bei einem Fluchtversuch geschah oder durch Selbstmord. "Die Minister haben ihn auf dem Gewissen. Wer den König gegen Recht und Gesetz verschleppen und einsperren lässt, trägt Mitschuld an dessen Tod bei der Flucht", schrieb er in einem Aufsatz über Ludwig II.

Der Treppenwitz an der Geschichte ist, dass der König gerade wegen dieser tragischen Umstände zu einer Ikone der bayerischen Geschichte geworden ist.

Gauweiler weist diesbezüglich gerne darauf hin, dass in den Ammergauer Alpen alljährlich zu Ludwigs Geburtstag am 25. August ein riesiges Feuer auf den Berggipfeln entzündet wird. "Für welche geschichtliche Person in Deutschland gibt es das noch?"

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