Ausstellung im Franz-Marc-Museum: „Die Moderne im Zoo“Die Faszination des Wilden in der Kunst

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Oskar Kokoschkas „Tigerlöwe“, 1926, Belvedere, Wien.
Oskar Kokoschkas „Tigerlöwe“, 1926, Belvedere, Wien. Johannes Stoll, © Fondation Oskar Kokoschka/ VG Bildkunst, Bonn 2025

Exotische Tiere und  Zoologische Gärten sind große Inspirationsquellen für Künstler. Eine Ausstellung im Franz-Marc-Museum in Kochel geht dem Phänomen auf den Grund. Zu sehen sind mehr als 170 Werke, darunter Oskar Kokoschkas „Tigerlöwe“.

Von Sabine Reithmaier

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Was für ein Tier! Kaum dass der Bilderrahmen die Kraft des „Tigerlöwen“ (1926/27) bändigen kann. Die bizarre Kreuzung aus Tiger und Löwe, gezüchtet von Menschen und geboren in der Menagerie eines indischen Maharadschas, war eine Hauptattraktion im Londoner Regent’s Park Zoo. Wie eine „flammende gelbe Bombe“ sei die Riesenkatze „mit allen Vieren ins Licht, ins Freie“ gestürmt und auf ihn zugesprungen, gerade so als wolle es ihn zerreißen, berichtet Oskar Kokoschka. Er durfte mit Sondererlaubnis direkt vor dem Käfig sitzen und das wilde Tier malen. Wild, obwohl es keinen einzigen Tag in freier Wildnis gelebt hatte und von Anfang an Menschen gewohnt war.

Kokoschka war nicht der einzige Maler der klassischen Moderne, der sich in Zoologischen Gärten von exotischen Tieren inspirieren ließ. Wo sonst hätten er oder andere Künstler wie Franz Marc, Paul Klee und August Macke die Gelegenheit gehabt, diese Tiere zu sehen und deren Bewegungen zu studieren. Doch die Rolle der Tiergärten als Inspirationsquelle für Künstler wurde bislang kaum hinterfragt. Das Kochler Franz-Marc-Museum holt das jetzt nach und spürt mit mehr als 170 Gemälden, Zeichnungen, Grafiken, Plastiken, Fotos und Plakaten dem historischen Phänomen nach, fächert das vielschichtige, oft widersprüchliche Thema in sieben Kapiteln auf. Viele Exponate stammen aus eigenem Bestand, doch auch andere Museen wie Belvedere, Städel, Lenbachhaus oder das Berliner Kupferstichkabinett haben Leihgaben geschickt.

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Die Ausstellung ist das erste große Projekt von Jessica Keilholz-Busch, die das Museum seit knapp eineinhalb Jahren leitet. Gemeinsam mit Katharina Lee Chichester von der Ruhr-Universität Bochum hat sie die großartige Schau „Die Moderne im Zoo“ kuratiert. Die Idee zu diesem Projekt kam ihr, als sie sich im Vorjahr in die Sammlung einarbeitete und feststellte, dass sich die außereuropäischen Tiere in Marcs Bildern von 1911 an häuften. Der Grund dafür war einfach zu finden: In diesem Jahr eröffnete in München der Tierpark Hellabrunn. Doch damit war ihr Interesse an dem Thema geweckt.

Der älteste Zoo der Welt ist der Tiergarten Schönbrunn in Wien. Schon 1778 öffnete die Menagerie im Schlosspark sonntags auch für die Bevölkerung, kostenlos eintreten durften allerdings nur „anständig gekleidete Personen“. Tiermenagerien gab es schon früher; die ersten schufen ägyptische und mesopotamische Herrscher vor mehr als 4000 Jahren. Meist dienten sie nur der Erbauung der Pharaonen, manchmal steigerten sie auch deren Prestige oder befriedigten wissenschaftliche Neugier.

Zwinger besaßen später auch die europäischen Fürsten. Doch erst im 19. Jahrhundert begann die Zeit der großen Zoo-Gründungen. Erst die Kolonialisierung ermöglichte es, Tiere in großem Stil nach Europa zu schaffen. Die Parks waren schließlich ein willkommenes Freizeitvergnügen für die Großstädter. Zu den „billigen Sonntagen“ im Berliner Zoo strömten Tausende in das Gelände. Sie genossen es, akustisch und optisch in eine andere Welt abzutauchen, am Eingang schon empfangen vom Gekreisch der Papageien. Die Alleen, in den die bunten Vögel auf Bügeln in den Bäumen schaukelten, waren ein beliebtes Motiv, faszinierten auch Max Liebermann, August Macke, Max Slevogt oder Paul Klimsch.

August Macke: „Kleiner Zoologischer Garten in Braun und Gelb“, 1912, Museum Frieder Burda, Baden-Baden.
August Macke: „Kleiner Zoologischer Garten in Braun und Gelb“, 1912, Museum Frieder Burda, Baden-Baden. Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Käfige oder Gitter blenden die meisten Künstler in ihrer Begeisterung für das Wilde, Ursprüngliche, Exotische aus. Erleichtert wird diese Wahrnehmung durch die Landschaftsarchitektur im frühen 20. Jahrhundert, als manche Gehege, gegliedert durch Wassergräben und Felsenformationen, auf sichtbare Gitter verzichten können. Andere behelfen sich geschickt: Ottomar Anschütz, einem Pionier der Fototechnik, gelingt es bereits 1888, Raubkatzen unvergittert festzuhalten. Er inszeniert Tiger, Löwen und Geparden im Breslauer Zoo vor einfarbigen Leinwänden, was auf den Aufnahmen den Eindruck erweckt, die Raubkatzen würden in einer weiten Savanne leben.

Auch Franz Marc haben es die Zoologischen Gärten angetan. Schon 1907 zeichnet er im Berliner Zoo Tiere und schreibt an Maria Franck, seine spätere Frau, der Tiergarten sei „voll des Wunderbaren, voll ,Geist‘“. Seinem Verleger Reinhard Piper, der später den Almanach „Der Blaue Reiter“ herausgibt, schwärmt er 1910 vor: „Ich sehe kein glücklicheres Mittel zur ‚Animalisierung der Kunst‘ als das Tierbild.“ Je wilder, desto unberührter und ursprünglicher erschien das jeweilige Lebewesen, desto weniger überformt oder verdorben war es von der Zivilisation. Marcs Beitrag im Almanach trägt denn auch den Titel „Die Wilden Deutschlands“. Damit meint er sich und seine expressionistischen Kollegen, mit denen er  „gegen die alte organisierte Macht“ in der Kunst kämpft.

Die Auseinandersetzung mit den exotischen Tieren, für die es bis dahin keine malerischen Vorbilder und Konventionen gab, erleichtert nicht nur ihm das Experimentieren mit neuen Formen und Farben, wie das „Affenfries“, eine Gruppe von Makaken, und die „Gazellen“, zwei Highlights der Ausstellung, zeigen.

Franz Marc: „Affenfries“, 1911, Öl auf Leinwand, Hamburger Kunsthalle.
Franz Marc: „Affenfries“, 1911, Öl auf Leinwand, Hamburger Kunsthalle. bpk/Hamburger Kunsthalle/Elke Walford

Doch die Realität der Zoos blendet er wie viele seiner Kollegen aus. Anders als Adolph Menzel, der schon Jahrzehnte früher genauer hinsah und die Übergriffigkeit der Besucher festhielt – wenn auch mangels Zoos bei einheimischen Tieren. So traktiert ein Besucher den Hirsch im Bild „Damwild im Gehege“ mit einem Regenschirm, während die „Drei Bären im Käfig“ (1863/83) lethargisch hinter Gittern vor sich hindämmern.

Der Versuch, dem Tier – auch in der Kunst – auf Augenhöhe zu begegnen, den „Animal Turn“, analysiert der Philosoph Markus Wild im sehr lesenswerten Katalog. Die Einfühlung ins Tier, das Erkunden der Tierseele, ausgelöst durch die Evolutionstheorie von Charles Darwin und in der Gesellschaft heftig diskutiert, gipfelte in der Frage, ob Tiere auch Gefühle haben. Ein Effekt der Debatte: Die Tiere „menscheln“ in den Bildern immer stärker. Gabriel von Max lässt seine Affen sogar als „Kunstrichter“ auftreten. Eine böse Persiflage auf den Kunstbetrieb der Zeit, denn die dreizehn Affen versuchen, sich eng zusammengedrängt in einem Spiegel zu betrachten.

Auch die Unterwasserwelt wird beleuchtet

Um attraktiv zu bleiben, benötigten die Zoos ständig Nachschub. Die meisten Affen, Elefanten oder Giraffen starben schnell, falls sie den Transport überlebten. Größtenteils stammten sie aus europäischen Kolonien, oft aus Afrika. Die Jagdpraxis damals war entsetzlich. Der Kolonialbeamte Hans Dominik, der dem Berliner Zoo 1898 ein Elefantenkalb schenkte – vom Zoodirektor als „unerschrockener Elephantenjäger und schneidiger Vorkämpfer im Kameruner Hinterlande“ gerühmt – tötete eine ganze Herde ausgewachsener Tiere, um zwei Elefantenkälber nach Deutschland zu bringen. Die Berliner standen Schlange, um den „Kolonial-Elephanten“ zu sehen. Der Zoo ist eben auch ein Schaufenster der deutschen Kolonialpolitik.

Die Transporte waren nicht nur für die Tiere qualvoll, sondern auch für ihre Begleiter, meist Indigene, die, unter falschen Versprechungen, unverständliche, weil nicht übersetzte Verträge unterschrieben hatten. Oft fanden sich die Wärter später in den berüchtigten Völkerschauen wieder, in denen sie genauso begafft wurden wie die Tiere, was Paul Meyerheim, Leiter der Tiermalklasse an der Akademie in Berlin, 1886 in seinem Gemälde „Tierbude“ festhielt. Neugier, Abscheu, Faszination mischen sich in den Mienen der Zuschauer, die den nur mit einem Lendenschurz bekleideten dunklen Afrikaner mit einem Krokodil auf den Schultern beobachten.

Auf keinen Fall versäumen sollte man die Abteilung „Aquariummanie“. Sie widmet sich der Unterwasserwelt, zeigt neben tollen Zeichnungen von Kubin und Klee auch zwei fantastische Schwarz-Weiß-Filme von Jean Painlevé. 48 Stunden harrte der Biologe und Cineast vor dem Aquarium in seinem Pariser Studio aus, um den Moment zu erwischen, in dem die Seepferdchen-Babys von ihrem Vater geboren werden. Ein spannender Beitrag zur Diversität der Geschlechterrollen aus dem Jahr 1933.

Die Moderne im Zoo, bis 9. November, Franz-Marc-Museum, Kochel am See; der Katalog (Hirmer Verlag) kostet 29,90 Euro

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