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Ausstellung im Kloster Beuerberg:Das Grün ist noch kaputter

Wo ein Baum nur steht, heißt es in der aktuellen Ausstellung "Grün kaputt", überall steht er im Weg, vor allem dem Fortschritt.

(Foto: R. Disko, D. Wieland)

Der Dokumentarfilmer Dieter Wieland zeigt erneut die legendäre Ausstellung "Grün kaputt", die vor 40 Jahren bundesweit Aufsehen erregte. Sein Fazit bei der Eröffnung fällt düster aus.

Schon vor mehr als 40 Jahren hatte der Dokumentarfilmer Dieter Wieland begonnen, die Verschandelung von Natur und Landschaft, das schlechte Bauen und die Unwirtlichkeit der Städte öffentlich anzuprangern. In Filmen, die prägende Titel wie "Grün kaputt" trugen, dokumentierte er die dramatischen Veränderungen des Landes Bayern und schrieb damit in den 80er Jahren Fernsehgeschichte.

Wieland beließ es aber nicht bei bloßer Kritik. Er zeigte auf, wie man freundlichere Häuser baut, schönere Gärten anlegt, angenehmere Innenstädte plant. In vielen Lobreden und Auszeichnungen, die ihm zuteil wurden, kam zum Ausdruck, er habe das ästhetische Empfinden und das Umweltbewusstsein einer ganzen Generation geprägt. Denn viele Zuschauer ahnten plötzlich, dass etwas nicht mehr stimmte in ihrem Land, das seinen Fortschritt mit Zersiedelung, Flächenverbrauch und mit dem Verlust von vertrauter Heimat bezahlte.

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Das Merkwürdige an Wielands Erfolg aber ist, dass sich trotzdem nur wenig zum Besseren gewandelt hat, ganz im Gegenteil. Natur und Umwelt sind an vielen Stellen in einem verheerenden Zustand. Monokultur, Insektensterben, verödete Ortskerne, Siedlungsbrei, die Schadenslitanei weist eine deprimierende Länge auf.

Schon an seinem 80. Geburtstag vor zweieinhalb Jahren hatte Wieland seine Skepsis über den Lauf der Welt geäußert. "Manchmal habe ich das Gefühl, es sei alle Mühe umsonst gewesen. Es hat sich nichts geändert, es ist alles nur noch schlimmer geworden", sagte er mit seiner elegisch klingenden Stimme, die von Anfang an seine Filme geprägt hat und zu seinem Markenzeichen geworden ist.

Wo ein Baum nur steht, heißt es in der aktuellen Ausstellung "Grün kaputt", überall steht er im Weg, vor allem dem Fortschritt. Ein stetes Ärgernis, ein Hindernis.

"Die Ausstellung ist leider so aktuell wie damals. Oder wie noch nie", findet Dieter Wieland.

(Foto: R. Disko, D. Wieland)

Diese Stimme war auch am Samstag wieder zu vernehmen, und zwar bei der Eröffnung der Ausstellung "Grün kaputt" im Kloster Beuerberg (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Es handelt sich dabei um jene gleichnamige Ausstellung, die schon 1983 bundesweit für Furore sorgte und mitten im Sommer allein 40 000 Besucher ins Münchner Stadtmuseum lockte. In Beuerberg feiert sie quasi eine Wiederauferstehung, und das kommt nicht von ungefähr. "Die Ausstellung ist leider so aktuell wie damals. Oder wie noch nie", sagte Dieter Wieland bei der Vernissage.

So sehr sich das Publikum über die Wiederkehr der legendären Schau freute, so nachdenklich stimmte das Ganze. "Ich bin bestürzt, wenn ich sehe, was wir damals schon gesagt, zum großen Teil aber leider in den Wind gesprochen haben. Ich bin betroffen, dass sich in 40 Jahren nichts geändert hat", fuhr Wieland fort. Noch immer würden in der Umweltpolitik Kompromisse gemacht, wo es keine Kompromisse mehr geben dürfte.

Für die Wiederauflage der Ausstellung hatten sich der Bund Naturschutz und der Landtagsabgeordnete Hans Urban (Bündnis 90/Die Grünen) eingesetzt. Und zwar mit Blick auf eine andere Ausstellung im Kloster Beuerberg, die vom Diözesanmuseum Freising kuratiert wird und um das Thema Heimat kreist, auch um die Heimat, die verloren geht. Urban sagte, es mache ihn wütend, dass trotz der Errungenschaften im Umwelt- und Naturschutz mehr denn je Heimat verloren gehe. "Grün kaputt" sei von einer beklemmenden Aktualität. 14 Tage lang wird die Schau in einem Pavillon im Garten die Heimat-Ausstellung im Inneren des Klosters ergänzen. Sie wird aber, da die Tafeln der Originalausstellung von 1983 nicht mehr auffindbar waren, auf neuen Folien gezeigt.

Dieter Wieland dokumentiert die Verschandelung von Natur und Landschaft.

(Foto: R. Disko, D. Wieland)

Wieland freute sich, dass dieses Projekt weiterlebt, zwei seiner damaligen Mitstreiter, Rüdiger Disko und Peter M. Bode, sind ja bereits gestorben. Bode wurde einen Tag vor der Ausstellungseröffnung beerdigt. Das Trio hatte im damaligen Ausstellungskatalog auch in rhetorischer Hinsicht Maßstäbe gesetzt. Kaum jemand hatte bis dahin den Raubbau an der Umwelt so glasklar seziert. Daran knüpfte Wieland - mit Blick auf die aktuelle Situation - auch in Beuerberg nochmals an. "Wir verlieren in der Umweltpolitik zu viel Zeit", sagte er, "welche Warnsignale brauchen wir denn noch? Mit Kompromissen schaffen wir das nicht."

Den Kontrast zur Hässlichkeit in Gärten und Landschaft, die in "Grün kaputt" dokumentiert ist, setzen Aufnahmen von naturnahen und dem Menschen wohltuenden Gestaltungen. Man versteht beim Betrachten der Bilder bis heute nicht, warum das so dramatisch Schlechtere, sei es im Straßenbau, im Hausbau und in der Dorfgestaltung, zum Maßstab für die Entwicklung des Landes werden konnte. "Schuldig sind wir alle", sagte Wieland. "Die Klima-Vereinbarungen von Rio und von Paris könnten wir allein durch unseren Lebenswandel jederzeit einlösen, wenn wir nur wollten." Die Ausstellung soll nach Beuerberg auf Wanderschaft gehen.

"Grün kaputt", bis 24. Oktober begleitend zur Ausstellung "Heimat - Gesucht. Geliebt. Verloren" im Kloster Beuerberg (Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen 10 bis 18 Uhr).

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