Klöster sind seit jeher Orte der Transformation. Sie sind Rückzugsräume für Menschen, die danach streben, innerlich zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Auch die Klöster selbst waren immer wieder gezwungen, sich zu wandeln. In Bayern ist das tausendjährige Klosterleben weithin einem Klostersterben gewichen. Das erfordert neue Ideen. Im einstigen Kloster Wessobrunn produziert ein Unternehmen Naturkosmetik. In Schlehdorf wird das alte Gemäuer mit seinen 300 Zimmern als genossenschaftliches Wohnprojekt genutzt. Die Transformation, die sich derzeit im Kloster Beuerberg vollzieht, dürfte einzigartig in Bayern, wenn nicht gar in Deutschland sein. Es ist eine Transformation mit Tradition.
Nach einer vierjährigen Generalsanierung präsentiert sich das einstige Augustiner-Chorherren-Stift als modernes kirchliches Seminar- und Kulturzentrum. Ob Gästezimmer oder Rokoko-Saal, Backstube oder Klostergarten, alles atmet den Geist der Vergangenheit und wirkt dabei einladend frisch. Das Kloster ist Vergangenheit und lebt doch in unzähligen Details fort – in der alten Kaffeetasse mit Goldrand, die im Refektorium zum Einsatz kommt, wie in einer wiederentdeckten Barock-Bibliothek.


Der Mann, der maßgeblich dafür verantwortlich ist, heißt Christoph Kürzeder, ist Volkskundler, Theologe und Leiter des Diözesanmuseums Freising. Er war dabei, als 2014 die letzten Klosterschwestern Beuerberg verließen. Sie gehörten dem Orden der Salesianerinnen an, der das Kloster 1835 übernommen hatte. Fast 180 Jahre lebten die Frauen in Beuerberg in strenger Klausur. Als 2013 die letzte Oberin starb, entschieden sich die Verbliebenen, ins Altenheim zu ziehen. Die Erzdiözese München und Freising übernahm den imposanten Komplex, der mitten im Dorf, aber abgeschlossen vom Rest der Welt Hunderte Jahre Geschichte konserviert hatte.
An diese Zeit erinnern Aufnahmen des Münchner Fotografen Thomas Dashuber, die gleich hinter der Pforte zu sehen sind. „Schauen Sie sich das an!“, sagt Kürzeder. „Merken Sie sich diese Bilder! Sie werden die Räume nicht wiedererkennen.“ Die Fotos zeigen das Zimmer der Oberin, das „Noviziat“ oder die „Rekreation“, wie die Schwestern ihr Wohnzimmer nannten: viele dunkle Möbel und schwere Vorhänge, überladene Regale und Tische, beklemmende Heiligenfiguren. „Es gab eine Ordnung, aber es gab auch eine Überforderung“, sagt Kürzeder, der seit 2016 im Kloster viel beachtete Ausstellungen kuratiert. Am Anfang habe man verträumt und idealisiert auf das Vermächtnis der Salesianerinnen geschaut, die zuletzt eine Art Betreutes Wohnen in Beuerberg aufrechterhalten hätten. „Jetzt mussten wir uns mit dem Haus auseinandersetzen.“


Dass bei dieser Auseinandersetzung schweres Gerät zum Einsatz gekommen ist, lässt sich nur noch ahnen, wenn man dem wendigen Hausherrn über weitläufige Treppen und Flure durch immer neue Zimmer folgt. Vor allem im Westtrakt wurden Einbauten der Siebziger- und Achtzigerjahre entfernt, Wände, Zwischendecken und Bäder rückgebaut, um die Original-Strukturen des 18. Jahrhunderts freizulegen. Die verwinkelte und etwas gruselig anmutende Krankenstation der Salesianerinnen hat sich unter den Händen heimischer Handwerksbetriebe in eine großzügige Barock-Bibliothek verwandelt.
Von Kunstfertigkeit zeugen historische Raumfassungen, die in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege restauriert wurden. Glanzstück ist eine Stuckdecke im Rokoko-Festsaal, die in heiterer Verspieltheit ein Stück Natur ins Haus holt, während der Blick durchs Fenster auf die mächtige Benediktenwand fällt.


Das Konzept der Sanierung wird in der einstigen „Rekreation“ deutlich, die nun das Gäste-Refektorium ist. Der Raum ist tatsächlich kaum wiederzuerkennen. Die staubigen Vorhänge sind verschwunden, ebenso der dunkle Lack auf dem Holzboden. Zwischen frisch gekalkten Wänden reihen sich Tische und Stühle, die nach originalen Klostermöbeln designt, aber in einer zeitgenössischen Form geschreinert wurden. Die Tische etwa sind deutlich breiter, sodass man sich an ihnen gegenübersitzen kann. Über ihnen schweben an kaum sichtbaren Drähten Kerzen, die auf LED-Lampen gesteckt sind. Das lässt einen Hauch von Hogwarts durch die Halle wehen. Nicht weniger gewagt: Der Geschirrschrank ist einem Sakristeischrank nachempfunden.
Historisches Inventar prägt die elf Seminarräume, die jeweils einen Aspekt des klösterlichen Lebens illustrieren und dadurch eine eigene Programmatik und Ausstrahlung haben. Der kleinste bietet Platz für elf, der größte für 140 Gäste. Viele Möbel, Bilder und Figuren hat Kürzeder in Beuerberg vorgefunden, manches aus Freising mitgebracht, anderes aus Klosterauflösungen erworben. „Sein schafft Bewusstsein“, sagt er. Ein Raum beeinflusse die Gedanken, die man sich in ihm mache. Ein Raum könne inspirieren. Dies unterscheide die Klosterräume von sterilen Tagungszentren. Moderne Büro-Technik wie Bildschirme und Whiteboards stelle natürlich auch das Kloster bereit.
Einfach, aber alles andere als langweilig sind die Gästezimmer. Schlicht und zeitlos fügen sie sich in die einstigen Klosterzellen ein. Auch die alten Zellenheiligen durften bleiben. Jedem Zimmer ist eine entsprechende Tugend zugewiesen. „Einfältiger Gehorsam“ steht etwa über einer Tür oder „Versammlung des Gemüts“. Der Landesbischof und sein Team waren schon zum Übernachten da.

Willkommen seien alle Gäste, die wertschätzten, „was wir hier mit hohem Aufwand zur Verfügung stellen“, sagt Kürzeder. Das Kloster sei ein Ort zum Ausruhen und Erholen, zum Nach- und Weiterdenken, aber auch zum gemeinsamen Speisen und Feiern. Die Klosterküche versorgt Haus- und Tagesgäste vor allem mit Produkten aus regionaler Erzeugung und dem eigenen Garten. Auch aus der Klosterbackstube duftet es wieder nach frischem Brot.
Sorgen macht Kürzeder derzeit noch ein Wasserschaden im sogenannten Josefstrakt. In ihm sind weitere 23 Gästezimmer sowie ein Café mit Bistrobetrieb entstanden. Die Eröffnung werde wohl auf den Herbst verschoben werden müssen, sagt er. Dann werden Besuchern insgesamt 12 000 Quadratmeter Nutzfläche im Kloster zur Verfügung stehen. Die Kosten der Sanierung beziffert die Erzdiöse mit 43 Millionen Euro.
Den Betrieb übernimmt die Kloster Beuerberg Tagungs- und Beherbergungs GmbH, eine hundertprozentige Tochter der Erzdiözese. Daniel Helmecke ist derzeit dabei, das Team aufzubauen. Viele Angestellte kämen aus der näheren Umgebung, sagt er. Noch müssten sich einige von ihnen Eselsbrücken bauen, um sich im Haus nicht zu verlaufen. In einem Jahr, schätzt er, werde sich alles eingespielt haben. Dann werde der Ort sich beleben. Und das Kloster bleibt im Dorf.
Das Kloster Beuerberg ist vorerst von Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Informationen auch zu den Führungen unter www.dimu-freising.de/klosterbeuerberg
