Politische Bildung im Kloster Benediktbeuern:„Nehmt Euch Zeit und fragt nach!“

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„Für ein Europa, das auf einem Miteinander und gegenseitigem Respekt beruht“: Den offenen Brief haben auch Jugendvertreterinnen und -vertreter des Don-Bosco-Werks unterzeichnet, hier mit Pater Johannes Kaufmann (links) und dem Provinzial Pater Reinhard Gesing (Zweiter von rechts). (Foto: oh)

Bislang haben sich die Salesianer Don Boscos vom politischen Tagesgeschehen distanziert. Nun wenden sie sich erstmals in einem offenen Brief an junge Menschen und appellieren, ihr Wahlrecht „klug und verantwortungsvoll“ zu nutzen.

Von Stephanie Schwaderer, Benedilktbeuern

„Liebe Jugendliche, vielen Dank, dass Ihr Euch Zeit nehmt, um unseren Brief zu lesen.“ Mit diesen Worten beginnt ein Schreiben, das vor wenigen Tagen im Kloster Benediktbeuern auf den Weg gebracht wurde, um in die Welt hinauszugehen. Es soll junge Leute vor rechtspopulistischer und extremistischer Propaganda in Deutschland und Europa warnen und ihr demokratisches Bewusstsein stärken. Unterzeichnet haben es die Teilnehmenden des jüngsten Provinzkapitels der Salesianer Don Boscos in Deutschland sowie Jugendvertreterinnen und -vertreter, die bei der Versammlung in Benediktbeuern dabei waren. Ein Novum in der Ordensgeschichte. 

Corona, Krieg und Umweltkatastrophen: „In einer solchen Zeit als Kind oder Jugendlicher zu leben, ist eine große Herausforderung“, heißt es in dem „Offenen Brief an die Jugend zur politischen Situation in Deutschland und Europa“. Viele Leute und Parteien versprächen derzeit Hilfe. „Die Frage ist nur: Was wollen sie wirklich?“ Gefährlich werde es immer, wenn alle Probleme leicht zu lösen schienen. „Wenn plötzlich bestimmte Gruppen die Schuld an allem haben. Wenn man nur noch auf sein eigenes Land schauen darf.“ Deshalb ruft der Orden die Jugendlichen dazu auf, sich vor den Wahlen zu informieren, statt auf Stimmungsmache hereinzufallen: „Nehmt Euch Zeit und fragt nach!“ Der Brief endet mit einem klaren Appell: „Gebt Eure Stimme Politikerinnen und Politikern, die sich für Menschenrechte und Klimaschutz, für Frieden und soziale Gerechtigkeit einsetzen. Populistische, nationalistische oder extremistische Haltungen sind keine Alternative. Euer Wahlrecht ist ein mächtiges und wichtiges Instrument – nutzt es klug und verantwortungsvoll!“

Ein politischer Appell an die Jugend also – hat es bei den Salesianern schon einmal Vergleichbares gegeben? „Nicht in dieser Form“, antwortet Pater Heinz Menz, Direktor des Klosters Benediktbeuern. Er hat zusammen mit Einrichtungsleiter Franz Wasensteiner am Provinzkapitel teilgenommen. Don Bosco, der Ordensgründer, habe zur Zurückhaltung in der tagespolitischen Auseinandersetzung gemahnt und stattdessen eine „Politik des Vaterunsers“ postuliert, erklärt Menz. „Doch manchmal ist Schweigen nicht verantwortbar. Manchmal ist es notwendig, Stellung zu beziehen.“

Pater Heinz Menz ist Direktor der Salesianer Don Boscos im Kloster Benediktbeuern. (Foto: oh)
Franz Wasensteiner ist Einrichtungsleiter und damit auch für die Jugendbildungsstätte Aktionszentrum zuständig. (Foto: oh)

Der „Brief an die Jugend“ ist etwa genauso alt wie ein Party-Video aus einem Club auf Sylt, das seit Tagen Diskussionsstoff liefert, wie tief völkischer Nationalismus bereits in unsere Gesellschaft eingedrungen ist. Es zeigt junge Leute, die Aperol-Spritz trinken und rassistische Parolen grölen. Der Salesianer-Orden hat sich bei seinem Treffen die Aufgabe gegeben, die politische Bildung in seinen Einrichtungen zu stärken und mehr Angebote „für schwer erreichbare junge Menschen“ zu entwickeln.

In der Jugendbildungsstätte des Klosters Benediktbeuern werde politische Bildung seit jeher „als ein Themenfeld mitbehandelt“, sagt Wasensteiner. Im Jahr nutzen seinen Worten nach mehr als 20 000 Jugendliche, meist Schulklassen, das Angebot, sich bei Orientierungstagen in ein selbst gewähltes Thema zu vertiefen. Eines davon heiße „Du bist Deutschland. In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ Die Jugendlichen dürften Parteien gründen und Programme schreiben, die sie dann anderen Schulklassen vorstellten. „Und am Schluss wird gewählt.“ Bei den Diskussionen gehe es häufig um die Diskrepanz von sozialer Gerechtigkeit und sozialer Marktwirtschaft und um die Frage: Wie setzen wir das um? „Uns ist wichtig, dass junge Menschen da einfach miteinander ins Gespräch kommen und sehen, dass sie etwas erreichen können“, sagt Wasensteiner. Zugleich werde ihnen klar, dass Demokratie „keine Einbahnstraße“, sondern langsam und schwerfällig sei, dass nicht jeder Wunsch erfüllt werden könne, aber jeder Einzelne gebraucht werde.

Politische Bildung gehört zu den Themenfeldern, die in der Jugendbildungsstätte Aktionszentrum des Klosters Benediktbeuern angeboten werden. (Foto: oh)

Anstoß zur Diskussion sollen auch Zettel geben, die auf den Ess- oder Billardtischen ausgelegt werden, sagt Menz. Darauf stünden Fragen oder Thesen wie: „Wenn ich für eine Woche Bundeskanzler wäre, dann …“ oder „Extremistische Parteien sollten verboten werden“. Eine pädagogische Begleitung gebe es dazu nicht. „Wir versprechen uns davon, dass die Jugendlichen diese Fragen diskutieren, auch außerhalb des Seminarraums.“ Im Kloster gehe es nicht um Parteipolitik, „sondern darum, junge Menschen partizipieren zu lassen, sie einzuladen, sich an politischen Prozessen zu beteiligen“. Eine zunehmende Radikalisierung hat er bislang nicht beobachtet. „Aber natürlich ist bei der Jugend wie bei den Erwachsenen die ganze Palette der gesellschaftlichen Meinungen vertreten.“

Mit einer nachhaltigen politischen Horizonterweiterung sind laut Wasensteiner die Freiwilligendienste der Salesianer verbunden. Wenn junge Menschen ein Jahr lang in Indien, Ghana oder Bolivien gelebt und gearbeitet hätten, kämen sie „voller Enthusiasmus“ zurück, erzählt er. „Dann wollen sie sich in Deutschland engagieren.“

Der „Brief an die Jugend“ soll deutschlandweit in allen Einrichtungen der Salesianer, über die Medien und andere Multiplikatoren verbreitet werden. Auch beim Katholikentag vom 29. Mai bis 2. Juni in Erfurt, wo die Salesianer ein Zirkuszelt aufschlagen, wird das Thema im Vordergrund stehen. Parallel läuft derzeit eine Plakat- und Postkartenkampagne des Ordens mit dem Titel: „Gib Europa Deine Stimme – zehn Gründe, warum Deine Stimme wichtig ist“. Jeder sei aufgerufen, sich aktiv für eine starke und gerechte Europäische Union einzusetzen, sagt Menz. „Für mich persönlich ist das ein ganz großes Friedensprojekt, und es ist wichtig, dass das unterstützt wird.“

Zur Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos gehören rund 200 Ordensmitglieder. Wie auf der Homepage nachzulesen ist, setzen sie sich an etwa 30 Standorten in Deutschland, der Schweiz und in der Türkei zusammen mit 2000 Angestellten und vielen Ehrenamtlichen dafür ein, „dass das Leben junger Menschen gelingt“. Weitere Informationen unter www.donbosco.de

 

 

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