Klimawandel Sechs Stufen bis zum Desaster

Mit "Tracy" hat alles angefangen: Die Münchener Rück dokumentiert alle Naturkatastrophen der Welt. Inzwischen verwaltet das Unternehmen einen wahren Schatz für Wissenschaftler, Journalisten oder Politiker. Denn die Sammlung zeigt auch die Folgen des Klimawandels.

Von Kassian Stroh

Die globale Lage an diesem Donnerstag? Ruhig, sagt Thomas Stöhr. "Heute haben wir relativ wenig." Er blickt auf einen kleinen Stapel Blätter vor sich: Ein paar Tornados in den USA - kaum Schaden. Dort auch ein paar Waldbrände, kleinere aber nur. In Marokko sind drei Menschen bei Überflutungen gestorben. Und, nun ja, Überschwemmungen in Nigeria zum Ende der Regenzeit, 148 Tote. Dieser Tag, der 4. Oktober, passt ins Bild: "2012 ist Gott sei Dank im Vergleich zu den Vorjahren entspannt, keine Großkatastrophen", sagt Petra Löw, Stöhrs Chefin. Und wenige dürften dies besser beurteilen können als sie. Löw ist die stellvertretende Leiterin des "NatCatServices" der Münchener Rück. Das ist nicht weniger als die weltgrößte Datenbank für Naturkatastrophen.

Und dass an diesem Tag keine unbemerkt bleibt, ist Stöhrs Aufgabe. Er studiert Wassermanagement, für sechs Monate ist er Praktikant bei dem Konzern, der sich seit 2009 offiziell Munich Re nennt. Stöhr sichtet am Morgen Nachrichtenagenturen und Informationsdienste, alle möglichen Medien, das Internet. Alles, was er als ein Ereignis definiert, bekommt einen Eintrag in der Datenbank. Und über Wochen, Monate, manchmal Jahre hinweg wird dann in Handarbeit zusammengetragen und ergänzt, was es an Informationen zu diesem Ereignis gibt, vor allem zum Schaden. Das ist ja letztlich das, was Versicherungsunternehmen am meisten interessiert.

In die höchste Stufe, "GREAT disaster" genannt, schaffen es Wirbelstürme wie Katrina.

(Foto: REUTERS)

Die Daten stammen nicht nur von den 60 Außenstellen der Münchener Rück, sondern auch von anderen Versicherern, aus der Presse, von Institutionen der jeweiligen Länder oder Entwicklungsbanken. Alle Naturkatastrophen zu erheben und zu jeder so viel wie möglich an Information zu sammeln, das sei ihr Auftrag, sagt Löw.

Ein Schatz aus 30.000 Datensätzen

So ist auf den Servern in Schwabing ein Schatz herangewachsen, der längst nicht mehr nur Versicherer interessiert, sondern auch Wissenschaftler, Journalisten oder Politiker. Eben erst sei sie wieder in Brüssel gewesen, sagt Löw, bei einer Expertenrunde der EU.

Petra Löw untersucht und speichert mit Kollegen bei der Münchener Rück Naturkatastrophen in der ganzen Welt. Das Unternehmen hat die weltweit größte Datenbank.

(Foto: Jakob Berr)

Der Meteorologe Gerhard Berz, der bei der Münchener Rück die Abteilung Georisikoforschung und von 1974 an die Datenbank aufbaute, warnte schon früh vor den gefährlichen Folgen des Klimawandels; sein Nachfolger Peter Höppe tut das heute nicht minder. Denn aus den mittlerweile 30.000 Datensätzen des NatCatServices liest Löws Vorgesetzter eindeutig heraus, dass Zahl und Intensität der wetterbedingten Katastrophen in den vergangenen 30 Jahren stark angestiegen sind. Die Atmosphäre und die Meeresoberfläche heizen sich auf, so nehmen Wetterextreme wie Stürme oder Starkregen zu.

"Wir waren mit die ersten, die das Thema Klimawandel diskutiert und gesellschaftsfähig gemacht haben", sagt Löw. Freilich stellen dies Klimawandel-Skeptiker immer wieder in Frage und argumentieren: Die Zunahme der Schäden liege zum Beispiel an der höheren Bevölkerungsdichte und wachsendem Wohlstand. Das stimme, sagt Löw, ändere aber nichts an der Tatsache, dass es mehr Katastrophen gebe.

Das liege daran, so argumentieren die Kritiker, dass die Ereignisse heute viel eher bekannt und damit feiner erfasst würden. Von Dürren vielleicht abgesehen, könne sie das "komplett ausschließen", meint Löw. Heute gebe es zwar mehr Informationen zu allen Katastrophen, doch die Kriterien, nach denen sie erfasst würden, seien seit vier Jahrzehnten dieselben.