Forstwirtschaft in Schwaben:Von hölzernen Exoten lernen

Forstwirtschaft in Schwaben: Die japanische Lärche gibt es schon lange in Europa: Im Gegensatz zur heimischen Lärche wächst sie relativ gerade und ist krebsresistent - weshalb sie auf dem Holzmarkt begehrt ist.

Die japanische Lärche gibt es schon lange in Europa: Im Gegensatz zur heimischen Lärche wächst sie relativ gerade und ist krebsresistent - weshalb sie auf dem Holzmarkt begehrt ist.

(Foto: Florian Fuchs)

Douglasien, Lärchen und Roteichen im Forstrevier Diedorf sind wichtig für die Zukunft des bayerischen Waldes. Sie zeigen, wie er im Klimawandel bestehen kann.

Von Florian Fuchs, Augsburg

Die Roteiche ist ein schöner Baum, vor allem dann, wenn sich die Blätter verfärben. Sie ist auch ein nützlicher Baum, mit tollem Holz, möbel- und baufähig. Und sie hat kaum Fraßfeinde. Trotzdem hat sie einen Nachteil, Revierleiter Siegfried Knittel steht im Distrikt II "Windach" des Forstreviers Diedorf und grinst schon, als er anhebt zu erzählen: Die Roteiche hat recht große Wasserleitungsröhrchen, man kann sagen, der Baum ist inkontinent. "Deshalb taugt das Holz nicht wie bei anderen Eichen zur Fassproduktion", sagt Knittel und lacht.

Baum der bayerischen Herzen wird die aus den USA und Kanada stammende Roteiche somit also eher nicht mehr. Wobei sie im Augsburger Forstamt doch eher auf andere Merkmale achten als auf die Nutzbarkeit etwa für Weinfässer bei ihren Exoten hier in Diedorf, ein Stück außerhalb von Augsburg. Die bayerisch-schwäbische Hauptstadt ist mit knapp 8000 Hektar der größte kommunale Waldbesitzer in Bayern. Im dazugehörigen Forstrevier Diedorf, wo Knittel das Sagen hat, gibt es ein besonderes Stück Forst: Im Jahre 1880 haben sie hier im etwa fünf Hektar großen Exotenwald und auf den Flächen außen herum begonnen, fremdländische Baumarten anzupflanzen, vor allem aus Nordamerika und aus Asien. 140 Jahre seien "eine Momentaufnahme" aus Sicht eines Waldes, sagt der Chef der Forstverwaltung Jürgen Kircher. Und trotzdem kann man von dem Exotenwald viel lernen für die Zukunft des bayerischen Waldes - und wie er im Klimawandel bestehen kann.

Roteiche und Douglasie, Weymouthskiefern und Japanische Lärche. Bayern hatte Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts "den Exotenzug schon ein wenig verschlafen", sagt Knittel. Dann ließ Oberforstrat Franz Ganghofer den Diedorfer Exotenwald aufforsten. Ganghofer hat einen klangvollen Namen, nicht weil er der Onkel des Schriftsteller Ludwig Ganghofer war, sondern weil er viel für die Forstwirtschaft in Bayern getan hat. Die Engländer schickten schon 1820 Pflanzenjäger in alle Welt, König Wilhelm von Württemberg hat in den 1860er-Jahren ein Pfund Mammutbaumsamen bestellt; Material für 100 000 Bäume. Und Ganghofer wollte nun auch sehen, welche fremdländische Baumarten im deutschen Wald wachsen können. "Es gibt nicht so viele Forstbetriebe mit mehr als 140 Jahre alten Exoten", sagt Kircher. Und deshalb schaut die Fachwelt auf Augsburg: Knittel kann die Waldbesitzer und Wissenschaftler kaum zählen, die er jährlich durch sein Revier führt, um ihnen die Exoten zu zeigen.

Ein bisschen fühlt es sich an wie der Spaziergang durch ein Naturkundemuseum. Hier ein Silberahorn, wohl der teuerste Baum im Diedorfer Wald, ähnliche Exemplare sind für knapp 20 000 Euro versteigert worden. Dort ein kleiner Mammutbaum, dann eine etwa 50 Meter hohe Douglasie. Es geht den Forstexperten aber nicht darum, ihre Exoten meistbietend zu versteigern. Kircher sagt: "Es geht um die Zukunft des Waldes." Denn der heimische Wald, das ist bekannt, ist in Gefahr. Knittel erinnert sich noch an ein Temperaturmittel von 7,5 Grad in den Wäldern um Augsburg herum, das war in den neunziger Jahren. Heute geht es Richtung 9,5 Grad. Damit ist die Sache mit der Roteiche und den Weinfässern gar nicht mehr so spaßig: Wein kann man von 8,5 Grad an anbauen. Es wird wärmer, und das hat Auswirkungen - unter anderem darauf, welche Baumarten künftig in bayerischen Wäldern überleben.

Forstwirtschaft in Schwaben: Siegfried Knittel, Leiter des Forstreviers Diedorf.

Siegfried Knittel, Leiter des Forstreviers Diedorf.

(Foto: Florian Fuchs)

Etwa seit 2015 geht es bergab mit dem Ertrag aus dem Augsburger Wald. "Dieses Jahr werden wir wohl das erste Mal Minus machen", sagt Kircher. Dabei stehen sie noch vergleichsweise gut da, sie haben einen extrem guten Waldboden hier. "Da könnte man Zuckerrüben drauf anbauen." Und trotzdem: Der Anteil von Bäumen, die durch nicht geplante Hiebe, also etwa durch Wind oder Käfer, entstanden, lag in der 80er-Jahren noch bei acht Prozent. Heute geht es in Richtung 35 Prozent. Der Holzmarkt wird überschwemmt. Wenn Kircher früher 80 bis 100 Euro für den Festmeter Holz bekommen hat, sind es heute 30 bis 40 Euro. "Das ist nicht mehr wirtschaftlich."

Und das hat auch mit der Struktur des Waldes zu tun. Würde man etwa mit einer Drohne von oben auf das Revier Diedorf blicken, erzählt Forstamtschef Kircher, dann sähe man vor allem die Kronen von Fichten. Die haben sie hier früher mit Vorliebe angebaut, und die zerlegt es deshalb nun reihenweise, wie in den meisten anderen bayerischen Wäldern auch. In den unteren Etagen dagegen bietet sich schon ein anderes Bild: Da ist die Mischung besser, und genau da wollen Waldbesitzer hin. "Heute verjüngen wir mit mindestens vier Baumarten auf einer Fläche, besser noch mit sechs", sagt Kircher. "So können wir es kompensieren, wenn uns eine Baumart verreckt." Und verrecken tun sie: Die Fichte zum Beispiel am Borkenkäfer, die Esche am Eschentriebsterben. Den Rest geben den Wäldern Unwetter: Wenn die Struktur nicht stimmt und nur Fichten rumstehen, knicken die sowieso weg wie Streichhölzer. So ist es auch 2013 passiert, bei einem schweren Sommergewitter: Zehn Minuten dauerte es nur, danach lagen 16 000 Festmeter Holz im 100 Hektar großen Waldstück in Diedorf - 90 Prozent davon Fichten. Das war der 16-fache Jahreseinschlag. Die Douglasien, Lärchen und Roteichen haben es einigermaßen gut überlebt - im Exotenwald hatte es kaum etwas umgehauen.

Einer der Stars unter den Exoten ist die Douglasie: wertvolles Holz, guter Zuwachs, kaum Käfer, Pilze, Viren oder Bakterien. Warum sie dann künftig nicht nur Douglasien pflanzen? Weil sie dann in ein paar Jahrzehnten das gleiche Problem wie nun mit den Fichten hätten. "Und weil wir dem Frieden nicht trauen", sagt Knittel. Die Douglasie mag momentan kaum einen Fressfeind haben. "Aber das wird sich ändern", prophezeit Kircher. "Die Globalisierung, der Mensch halt." Irgendwann wird irgendwas eingeschleppt, sobald es großflächig Douglasien gäbe, würden sich Fressfeinde auch vermehren. Es ist also nicht so, dass sie jetzt einfach einen Exoten nach dem anderen in den Boden setzen. Es kann in nach Walddimensionen so kurzer Zeit ja auch noch niemand sagen, welche Auswirkungen fremdländische Bäume nachhaltig auf unser Ökosystem haben. "Mit den Exoten darf man kein Schindluder betreiben, weil jede Störung sich in eine andere Richtung bewegen kann." Es gibt Kritiker, die wollen nur auf heimische Arten setzen. Kircher ist nicht der Typ, der solche Argumente einfach abtut. Aber: Der Wald wird sich ändern. "Irgendetwas müssen wir tun."

Forstwirtschaft in Schwaben: Jürgen Kircher, Chef der Augsburger Forstverwaltung.

Jürgen Kircher, Chef der Augsburger Forstverwaltung.

(Foto: Florian Fuchs)

Europa hat nur wenige Baumarten, viel weniger als Nordamerika etwa. Es könne aber, das betonen Kircher und Knittel, immer nur darum gehen, den heimischen Forst mit fremdländischen Arten zu ergänzen - nie zu ersetzen. Wenn also Kircher davon redet, künftig mehr Douglasien beimischen zu wollen, dann spricht er trotzdem von einem niedrigen einstelligen Prozentsatz, bezogen auf die gesamte kommunale Waldfläche von Augsburg. Und weil sie ihren Exotenwald haben, wissen sie auch, welche Baumarten auf keinen Fall zukunftsfähig sind: Die westliche Hemlocktanne und die japanische Flügelnuss zum Beispiel. "Das sind hochinvasive Arten", sagt Knittel. "Die verjüngen sich brutal." Diese Bäume hätten das Potenzial, andere Baumarten komplett zu verdrängen.

Wo Franz Ganghofer Ende des 19. Jahrhunderts anhand von Versuch und Irrtum gearbeitet hat, verlassen sich Knittel und Kircher heute lieber auf Wissenschaftler, die Saatgut genetisch analysieren und mittels speziellen Pflanzanordnungen herausfinden, welche Art auf welchem Belag am besten wächst. Bäume aus Nordamerika hält Knittel für besonders vielversprechend, weil sie zum sich verändernden Klima in Europa passen. Versuche gibt es auch mit Zedern und Türkentannen, die auf dem Balkan wachsen. Das Saatgut einiger Douglasien im Diedorfer Revier ist inzwischen auch staatlich anerkannt. Vorletztes Jahr sind zwei Angestellte einer Baumschule in die Spitze einer 55 Meter hohen Douglasie geklettert und haben 13 Zentner Zapfen runter gerupft. Das ist Material für 50 000 Douglasien, die sich im Augsburger Umland potenziell wohlfühlen.

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