Wenn drunten an den Flüssen im Flachland die Flut steigt, dann tut sie das meistens mit langsamer, erdrückender Macht. In den Bergen kommt das Wasser fast immer schnell, mit plötzlicher, unbändiger Wucht. So wie vor vier Jahren im Höllental auf der Nordseite der Zugspitze. In der touristisch gut erschlossenen Höllentalklamm hat das Wasser nach einem Starkregen unter anderem eine hölzerne Brücke überspült – und mehrere Menschen mitgerissen.
Eine Frau starb dabei, ein Mann gilt bis heute als vermisst. Schon im Jahr davor hatte es ein ähnliches Ereignis gegeben, sagt Toni Vogg. Brücken weg, Wege weg, unter widrigsten Bedingungen Wanderer rausholen, die Angerhütte evakuieren. Bereitschaftsleiter Toni Vogg und seine Leute von der Grainauer Bergwacht wissen, dass sie damit rechnen müssen. Und zwar immer öfter.
An der Technischen Universität im München haben sie ihren Supercomputer dazu mit großen Datenmengen gefüttert und Simulationen rechnen lassen. Das Ergebnis fasst Michael Krautblatter ganz kurz so zusammen. Ein Hochwasser, wie es zuletzt statistisch ungefähr alle hundert Jahre vorgekommen ist, wird es in Bayern an der Nordseite der Alpen wohl bis zum Ende dieses Jahrhunderts schon alle zehn Jahre geben. Und bei so einem Starkregen wird dann nicht nur das Wasser kommen. Sondern auch der Berg, in Form von Muren und Hangrutschen.

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Krautblatter ist seit 2012 Professor an der TU und erforscht dort Hangbewegungen. Er erwartet, dass mit dem Fortschreiten der weltweiten Klimakrise in den kommenden Jahrzehnten mit jedem der immer häufigeren Starkregen auch sehr viel Material abrutschen wird – zumindest so lange, bis in einigen Jahrzehnten alles lockere Gestein fürs Erste abgegangen ist.
Von einer Konferenz hat Krautblatter aktuelle Zahlen aus Österreich und der Schweiz mit nach Schloss Elmau gebracht. Der Landkreis Garmisch-Partenkirchen hat ihn, Bergwacht-Mann Toni Vogg und Katrin Sedlmeier vom Deutschen Wetterdienst (DWD) dorthin eingeladen, um zum Internationalen Tag der Berg über alpine Gefahren in Zeiten des Klimawandels zu sprechen.

Und die Klimakrise entwickelt sich im Gebirge schneller und dramatischer als im Flachland. Im globalen Durchschnitt ist es inzwischen um 1,4 Grad wärmer als 1880, also vor der Industrialisierung. In den österreichischen Alpen ist die Durchschnittstemperatur seither aber um 2,9 Grad gestiegen, in der Schweiz um 3,1 Grad. Man sei hier „vielleicht wie in einer Zeitmaschine“ und könne Dinge vorhersehen, die in tieferen Gegenden erst etwas später einträten, sagt Krautblatter.
Die Details zum Klima in den Bergen liefert Katrin Sedlmeier, die sich beim DWD um die „Alpine Klimatologie“ kümmert. Ihr stehen lange Messreihen zur Verfügung, etwa von der heuer genau 125 Jahre bestehenden Wetterwarte am Gipfel der Zugspitze. Dort droben ist es seit der ersten Messung im Jahr 1900 um durchschnittlich 2,1 Grad wärmer geworden. Vier der vergangenen fünf Jahre waren jeweils die wärmsten bis dahin je gemessenen.

Bayerns Gletscher schmelzen immer schneller:„Wir können die Gletscher nicht retten“
Für das scheinbar ewige Eis auf Bayerns Bergen ist nach Ansicht des Glaziologen Wilfried Haeberli längst alles zu spät - zwei Gletscher werden wohl schon recht bald verschwinden. Doch ihr Verschwinden kann den Menschen noch einen letzten Dienst erweisen.
Die mittlere Null-Grad-Grenze ist laut Sedlmeier seit der vorindustriellen Zeit um 400 bis 500 Höhenmeter gestiegen. Wenn die Menschheit im bisherigen Stil weiter macht und die globale Durchschnittstemperatur irgendwann um drei Grad über dem vorindustriellen Niveau liegt, dann wird auch die Null-Grad-Grenze zumindest im Sommer höher liegen als praktisch alle Alpengipfel. Das wird Folgen haben wie das beschleunigte Abschmelzen der Gletscher und das Auftauen des Permafrosts, also des im Gestein gebundenen und nur scheinbar ewigen Eises.
Dabei würden Permafrost-Formationen auch schon sehr viel instabiler, wenn die Temperaturen noch knapp unter dem Gefrierpunkt lägen, sagt Krautblatter. Komme es dann zu einem Bergsturz, wirke das Eis wie eine Art Gleitmittel und vergrößere Tempo, Wucht und Reichweite des abgehenden Gesteins.

Was den Starkregen betrifft, rechnet Katrin Sedlmeier mit einer weiteren Zunahme. Im Sommer werde so etwas auch in Zukunft deutlich öfter vorkommen als im Winter, aber speziell im Winter wird die Häufigkeit besonders stark zunehmen. Dafür wird es laut Sedlmeier weniger schneien. Die Tage mit geschlossener Schneedecke dürften selbst auf 1500 Metern Seehöhe je nach der weiteren Erderwärmung deutlich bis sehr deutlich abnehmen.
Auch den Gletschern auf der Zugspitze, dem Nördlichen Schneeferner und dem Höllentalferner als absehbar letztem Gletscher in Deutschland, wird es so an Nachschub fehlen. Dass sie an Masse verlieren, können Forscher wie Krautblatter droben auf der Zugspitze im Umweltforschungsstation Schneefernerhaus sogar mit einem Gravimeter feststellen, das die Erdanziehung misst.
Die Grainauer Bergretter registrieren das Schwinden des Höllentalferners regelmäßig bei ihren Einsätzen. Der Gletscher werde steiler und rutschiger, sagt Toni Vogg – und wer ins Rutschen gerate, verletzte sich oft schwer an Steinen und Felsblöcken, die inzwischen offen im Eis liegen. Auch darum gilt: Wenn es weiterhin wärmer wird auf der Welt, dann wird es in den Bergen gefährlicher.

