Kalte Kirchen:Beten und bibbern

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Kalte Kirchen: Mit dem Wintermantel in die Kirche: Das könnte eine Lösung sein, wenn die Gotteshäuser wegen der Energiekrise nicht mehr beheizt werden.

Mit dem Wintermantel in die Kirche: Das könnte eine Lösung sein, wenn die Gotteshäuser wegen der Energiekrise nicht mehr beheizt werden.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Erst waren die Kirchen wegen der Corona-Pandemie leer, jetzt drohen Gottesdienste bei acht Grad. Läuft es schlecht, könnten beide Krisen miteinander kollidieren. Ein Stimmungsbild in Bayern.

Von Simone Kamhuber

Bayerns Kirchen durchleben schwere Zeiten, nicht nur wegen der eigenen Krisen, sondern auch wegen des Coronavirus blieben die Kirchgänger aus. Im Pandemiejahr 2021 besuchten deutschlandweit erstmals weniger als eine Million Menschen sonntags einen Gottesdienst. Zwei Jahre zuvor waren es noch doppelt so viele.

Nun droht erneut ein harter Winter, in dem die Gläubigen möglicherweise ausbleiben, denn wegen der Energiekrise könnte es kalt werden in den Gotteshäusern. Mehr als zwei Drittel der kirchlichen Gebäude in Bayern werden mit fossilem Brennstoff geheizt - und das größte Sparpotenzial gibt es beim Heizen. Es gibt verschiedene Strategien gegen die Kälte: die klammen Kirchenbänke mit heizbaren Sitzkissen zu belegen, den Gottesdienst in Gemeindesälen zu feiern oder sich, nach alter Manier, einfach warm anzuziehen.

Besteht Grund zur Sorge, dass die kalten Kirchen im Winter leer bleiben? "Das glaube ich nicht. Die Gemeindemitglieder wissen um die aktuelle Energiesituation und kommen trotzdem", meint Johannes Minkus, Sprecher der evangelischen Landeskirche Bayern. Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sieht das ähnlich: "Auch wenn die Gemeindemitglieder zu Hause im warmen Wohnzimmer einen digital übertragenen Gottesdienst feiern, ist das eine wertvolle Erfahrung", sagt er. Trotzdem sei er sich sicher, dass viele Menschen physisch in die Kirche kommen werden: "Wenn man es vorher weiß, kann man sich mit warmer Kleidung auf sparsam geheizte Räume einstellen."

Erprobt hat das zum Beispiel die Pfarrei Hofstetten nahe Eichstätt schon während der Pandemie. Der Gemeinde wurde geraten, wegen der Luftaufwirbelungen das Heizungssystem auszuschalten. Bei acht Grad wurden Gottesdienste gefeiert - die Leute kamen trotzdem, ohne sich zu beschweren, sagte Kirchenpfleger Jürgen Reindl der Augsburger Allgemeinen. Diesen Kurs wird die Pfarrei diesen Winter weiter verfolgen.

Dass die Menschen beim Gebet frieren, solle natürlich vermieden werden, sagt Johannes Minkus. Die evangelische Kirche erarbeitet gerade ein Empfehlungsschreiben rund ums Energiesparen, "wie evangelische Christen in Bayern mit ihren Gebäuden und deren Verbräuchen auch Vorbild in der Gesellschaft werden können". Heizkissen und Polsterheizung werden den Gemeinden darin nahegelegt.

"Lieber kalte Kirchen als kalte Krankenhäuser"

Außerdem sollten gut beheizbare Gemeinderäume als sogenannte Winterkirche eine Alternative zur historischen Kirche sein: "Nach Weihnachten finden bis Ostern alle Gottesdienste im warmen Gemeindesaal statt." Das sei allerdings ein "zweischneidiges Schwert": Energiesparende und pandemiekonforme Maßnahmen klafften auseinander. Falls wieder Abstandsregelungen erforderlich sind, sei die Kirche eventuell die bessere Lösung als der kleine Gemeindesaal. "Die Landeskirche kann nur Empfehlungen aussprechen. Wie die Gottesdienste letztlich stattfinden, müssen Gemeinden abhängig von den Räumlichkeiten und dem Infektionsgeschehen entscheiden."

"Ein konkretes Konzept für den Winter wird in Würzburg erst in den nächsten Wochen bekannt gegeben", sagt Kerstin Schmeiser-Weiß von der Diözese Würzburg. Jetzt schon gilt für Kirchen wie für städtische und staatliche Gebäude: Lichter aus. Es wird nachts nicht mehr beleuchtet, außer es sei für die Sicherheit in der Stadt nötig.

Viele Diözesen in Bayern drängt die Energie-Knappheit zu Maßnahmen, die im Sinne des Klimaschutzes längst auf dem Plan standen. "Wir fühlen uns der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet", sagt Ulrich Bobinger, Sprecher des Bistums Augsburg. Schon vor der Energiekrise habe sich die Diözese das Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu werden. Auch die Diözese Eichstätt gab im Juli bekannt, von nun an "Raumtemperaturen und Mobilität zu reduzieren, Heizanlagen zu optimieren und die Beleuchtung auf LED umzustellen". Nachdem die brenzlige Lage nun unverkennbar sei, müsse noch entschiedener gehandelt und priorisiert werden: "Lieber kalte Kirchen als kalte Krankenhäuser", sagte der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke dem Bayerischen Rundfunk.

Die Akzeptanz in der Bevölkerung, Gottesdienste bei frostigen Temperaturen abzuhalten, ist hoch. Fast die Hälfte der Deutschen befürwortet, die Gotteshäuser im Winter nicht zu heizen, darunter deutlich mehr Befürworter aus der Ü60-Generation als junge Menschen. An diesem Ende Energie zu sparen, findet knapp jeder dritte Deutsche laut der Umfrage des Sozialforschungsinstituts INSA nicht vertretbar, 27 Prozent äußerten sich nicht. Die Frage ist, zu welchem Anteil die tatsächlichen Kirchgänger gehören.

Bedford-Strohm ordnet die Krise nicht nur als solche, sondern auch als Chance zur Solidarität ein. Es wäre eine "moralische Bankrotterklärung für dieses Land", wenn es nicht gelingen sollte, die Krise so zu bewältigen, dass auch die Schwachen gut durch diesen Winter kämen. Ob Kirchgänger oder nicht.

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