Kino Zu Besuch im echten Niederkaltenkirchen

Der Kreisverkehr ist das Wahrzeichen von Frontenhausen, nein, von Niederkaltenkirchen.

(Foto: Sebastian Pieknik)

Die Eberhofer-Krimis haben die Gemeinde Frontenhausen berühmt gemacht. Auch wenn der Ort extra "greislig gemacht" wurde: Die Einheimischen sind stolz drauf.

Von Andreas Glas

Der Bürgermeister fährt in den Kreisverkehr. Sein Benz kreiselt einmal und zweimal und seine Gedanken kreisen um diese eine Frage: Wie vermarktet man einen Ort, der überdurchschnittlich durchschnittlich ist? Mei, sagt Franz Gassner, "es ist schwierig".

Gassner, 58, ist Bürgermeister in Frontenhausen, 4650 Einwohner, Kreis Dingolfing-Landau. Frontenhausen kennt nicht jeder, aber fast jeder kennt das zweite Ich der Ortschaft: Niederkaltenkirchen. Das Dorf, in dem die Krimis um den Polizisten Franz Eberhofer spielen, und dessen Wahrzeichen ein Kreisverkehr ist. Niederkaltenkirchen "ist erfunden und trotzdem tausendfach vorhanden", sagt Rita Falk. Kreisverkehr, Kirche, Marktplatz, Neubau- und Gewerbegebiet - mehr niederbayerischer Durchschnitt geht nicht, findet die Autorin der Eberhofer-Krimis. Vier ihrer Bücher sind schon verfilmt worden, alle wurden in Frontenhausen gedreht. "Frontenhausen kommt meinem Niederkaltenkirchen am nächsten", sagt Rita Falk.

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Ein Ort wie jeder andere. Ist das jetzt ein Kompliment oder eine Beleidigung? "Ist doch toll, wenn wir die niederbayerische Identität so gut widerspiegeln", sagt Bürgermeister Gassner (CSU) und parkt seinen Benz am Marktplatz. Den Platz haben sie vor ein paar Jahren aufgehübscht. Neuer Brunnen, neue Bäume, neue Farbe fürs Rathaus. Interessiert hat das kaum jemanden von außerhalb. Aber dann kamen die Filmleute, haben die Geranien am Rathaus abgehängt, die neuen Rattanstühle auf dem Marktplatz gegen alte Plastikstühle getauscht, haben ganz Frontenhausen "greislig gemacht", sagt Gassner - und auf einmal interessieren sich alle für den Ort. Verrückt irgendwie. Eine halbe Million Menschen haben jeden einzelnen Eberhofer-Film gesehen.

Es ist wie immer: Kommt das Kino nach Oberbayern, hängt es die Geranien nach draußen. Kommt es nach Niederbayern, müssen die Geranien weg. Passt eben nicht ins Klischee, sagt Bürgermeister Gassner. Die Macher der Eberhofer-Filme "zeigen bewusst nicht die schönsten Straßen und Winkel" in Frontenhausen. "Aber da haben wir kein Problem, dass wir in dieses Klischee reingeschoben werden."

Ein Problem hat der Bürgermeister eher damit, dass kaum einer weiß, dass hinter dem fiktiven Niederkaltenkirchen das echte Frontenhausen steckt. "Die touristische Vermarktung ist schwierig", sagt Gassner. Die Frage ist halt: Wäre die Vermarktung wirklich leichter, stünde auf dem Ortsschild "Niederkaltenkirchen"? Angeblich ist Frontenhausen ja wie Niederkaltenkirchen. Und Niederkaltenkirchen, sagt Rita Falk, ist wie "jedes x-beliebige Dorf" in Bayern. Bei allem Respekt: Wer bitteschön will da Urlaub machen?

Andererseits: Vielleicht sollte man erst mal prüfen, ob Frontenhausen wirklich so ist wie die Bücher und die Filme uns einreden. Bei der Gelegenheit kann man die Leute gleich fragen, ob es nicht wehtut, in ein Klischee gepresst zu werden.

Man verlässt den Marktplatz, geht ums Eck, vorbei an Friseur und Fahrschule und betritt die Metzgerei Stadler. Auch hier drin wurde gedreht. Im Film gehört der Laden "dem Simmerl", einem einfach gestrickten, derbschnauzigen Metzgermeister, der jeden Abend beim Wirt rumhängt und eine Halbe nach der anderen trinkt. Einfach, derb, bierselig: ein Niederbayern-Klischee. So sind fast alle Figuren in den Eberhofer-Filmen. G'schert, oder? Na ja, die Filme seien halt "auf lustig gemacht", sagt Sylvia Kappel, die im echten Leben hinter der Auslage mit dem Leberkäs und dem Presssack steht. Aber klar, sagt Kappel, es wird geredet in der Metzgerei und manche "sagen schon, dass die Niederbayern dumm hingestellt werden".

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Natürlich wissen die Frontenhausener, dass die Eberhofer-Krimis eine Karikatur sind. Aber eine Karikatur ist immer auch ein Spiegel, den man jemandem vorhält. Und würde man den Spiegel nach dem schönsten Ort im Land fragen, die Antwort wäre nicht Frontenhausen. Sicher, am Marktplatz stehen hübsche Häuser, jedes in einer anderen Farbe gestrichen, mit Schweif- und Zinnengiebeln. Aber es gibt auch diese niedrigen Häuser längs an der Durchfahrtsstraße; der Putz blättert, an den Fassaden klebt der Dreck der Straße. Wer die Tristesse sucht, findet sie überall. Nicht nur in Niederbayern, in Oberbayern genauso. Nur: In Oberbayern sucht der Film die Tristesse gar nicht erst.

Zum Beispiel die "Rosenheim-Cops", auch so eine Heimatkrimi-Produktion. Natürlich hat Rosenheim hässliche Ecken, aber im Film "sieht man nur Berge und Sonnenschein und irgendwann denkt der Zuschauer: Das ist Bayern. Aber es ist nicht Bayern", sagt Bernhard Pill, 53, der in Frontenhausen beim Bauhof arbeitet, bei der Freiwilligen Feuerwehr ist er auch. Pill findet die Eberhofer-Filme ehrlicher als den Postkartenbayern-Kitsch, der sonst so im Fernsehen läuft. Auch der Menschenschlag in den Eberhofer-Filmen sei "ziemlich real", sagt Pill. Eine Karikatur, klar, "aber der Niederbayer ist schon ein bockboaniger Hund".