KinoDas sind die Höhepunkte der Filmkunstwochen München

Lesezeit: 5 Min.

Wenn sich das Leben von einer Sekunde auf die andere ändert: Anke Engelke im Film „Dann passiert das Leben“.
Wenn sich das Leben von einer Sekunde auf die andere ändert: Anke Engelke im Film „Dann passiert das Leben“.
Daniel Gottschalk / Majestic

Wenn es draußen mal wieder etwas heißer ist, geht man noch viel lieber ins Kino: Die 74. Filmkunstwochen München bieten ein buntes Programm aus Festivalhits, Filmerfolgen und Fundstücken. Der große Überblick.

Von Josef Grübl

SZ bei Google bevorzugen

Im Hitzesommer 2026 drängt es die Menschen in den Schatten oder in verdunkelte Räume, vor Kühlschränke oder zu Klimageräten. Letztere gibt es nur in wenigen Wohnungen, dafür in vielen Kinos. Aber nicht nur aus Abkühlungs- oder Verdunklungsgründen ist ein sommerlicher Kinobesuch eine feine Sache. Aus Hollywood kommen zu dieser Jahreszeit traditionell die großen Studioproduktionen, aktuell etwa „Die Odyssee“ oder ein neuer „Spider-Man“-Film. In kleineren Kinos läuft ein äußerst abwechslungsreiches Programm.

Zumindest in München: Bei den 74. Filmkunstwochen vom 22. Juli bis 12. August lassen sich viele Filme entdecken oder wiederentdecken, das Programm wechselt täglich. Zwölf über die ganze Stadt verteilte Programmkinos nehmen teil, jedes von ihnen setzt eigene Schwerpunkte. Und anders als bei großen Filmfestivals gibt es bei diesem „Sommer-Festival der Arthouse-Kinos“, wie sich die Filmkunstwochen selbst beschreiben, kein Chichi und keine VIP-Sonderbehandlungen: Jeder ist eingeladen, jede kann teilnehmen und ein paar angenehme Sommerstunden im Dunkel eines Kinosaals verbringen.

Neues und Altes aus Deutschland

Im Film „Spaziergang nach Syrakus“ will Paul (Charly Hübner) auf den Spuren des Dichters Johann Gottfried Seume wandeln. Schwierig, denn er lebt in der DDR der frühen 1980er.
Im Film „Spaziergang nach Syrakus“ will Paul (Charly Hübner) auf den Spuren des Dichters Johann Gottfried Seume wandeln. Schwierig, denn er lebt in der DDR der frühen 1980er.
Sammy Hart / Pandora Film

Die Filmkunstwochen werden jedes Jahr in einem anderen Kino eröffnet, 2026 ist das City-Kino an der Reihe. Am Eröffnungsabend steht ein Film auf dem Programm, der erst kürzlich Premiere beim Filmfest München feierte und Mitte August regulär in den Kinos anlaufen soll. In „Spaziergang nach Syrakus“ will ein Mann namens Paul (Charly Hübner) auf den Spuren des Dichters Johann Gottfried Seume wandeln und in die sizilianische Stadt Syrakus reisen. Doch Paul lebt in der DDR, es ist das Jahr 1982. Trotz aller Beteuerungen, dass er nicht fliehen und nach dem Trip zurück in sein Land und zu seiner Frau (Lina Beckmann) wolle, bekommt er keine Reisegenehmigung. Also wird der Spaziergänger in spe erfinderisch.

Auch sonst stehen viele deutsche Filme auf dem Spielplan, als Previews („Der Heimatlose“ im Rio, „Die Liebhaberinnen“ im City, „Und es war Sommer – Dieter Thomas Kuhn & Band“ im Leopold), als Rückschau auf Programmkinoerfolge aus dem vergangenen Jahr („Alter weißer Mann“, „Dann passiert das Leben“ und „Münter & Kandinsky“ im Rex und Kino Solln) oder bei der Präsentation der diesjährigen Gewinnerfilme der Starter-Filmpreise (im City). Neben einer Werkschau der Filme von Peter Goedel (im Theatiner) werden auch ein paar Klassiker des „Neuen Deutschen Films“ gezeigt, Volker Schlöndorffs Regiedebüt „Der junge Törless“ etwa oder „Deutschland im Herbst“ von Fassbinder, Kluge oder Reitz (beide Filme im Studio Isabella).

Ein Fundstück gibt es im Theatiner zu entdecken: Heidi Genées 1979 mehrfach preisgekrönte Komödie „1+1=3“ über eine ungewollt schwangere und sehr emanzipierte Schauspielerin war lange Zeit verschollen und wurde im vergangenen Jahr auf dem Dachboden des Produzenten Veith von Fürstenberg gefunden – und restauriert. In einer seiner seltenen Schauspielrollen ist in diesem Film Regisseur Dominik Graf zu sehen, bei der Vorstellung am 29. Juli wird er neben weiteren Gästen anwesend sein.

Stars aus Deutschland und Hollywood

Das ABC-Kino widmet Sandra Hüller eine Filmreihe, hier ist sie in „Vaterland“ als Erika Mann zu sehen.
Das ABC-Kino widmet Sandra Hüller eine Filmreihe, hier ist sie in „Vaterland“ als Erika Mann zu sehen.
Agata Grzybowska / Neue Visionen Filmverleih

Hommagen sind fester Bestandteil der Filmkunstwochen, so auch in diesem Jahr. Das ABC-Kino widmet Sandra Hüller eine Filmreihe, die deutsche Schauspielerin ist dieses Jahr gefragter denn je, mit Filmen bei der Berlinale und in Cannes oder ihrem ersten Hollywood-Hit. Die Hommage in München konzentriert sich auf aktuelle Arthouse-Filme („Rose“, „Ingeborg Bachmann“ und „Vaterland“) sowie Hüller-Hits wie „The Zone of Interest“ oder „Anatomie eines Falls“.

Das Arena-Kino zeigt alle sieben Kinofilme von Caroline Link, von ihrem Debüt „Jenseits der Stille“ über den Oscar-Gewinner „Nirgendwo in Afrika“ bis hin zu ihrem kommerziell größten Hit „Der Junge muss an die frische Luft“. Die Münchner Regisseurin hat einen besonderen Bezug zum Arena: Hier entstand vor 28 Jahren eine Szene ihrer Kästner-Adaption „Pünktchen und Anton“. An drei Abenden hat Link auch ihren Besuch angekündigt.

Hommagen gibt es auch für Hollywood: Das ABC zeigt drei Filme des vor einem halben Jahr verstorbenen Regisseurs Rob Reiner („Harry und Sally“, „Stand by Me“), das Leopold widmet sich Christopher Nolan („Memento“, „Incecption“, „Tenet“). Anlässlich des bevorstehenden 80. Geburtstags von Steven Spielberg zeigen Monopol und Rio ausgewählte Werke des Meisterregisseurs, von „Der weiße Hai“ über „E.T.“ bis zu „Catch Me If You Can“. Auch der selbsternannte „Fetish Filmmaker“ Nicolas Winding Refn erhält eine Hommage, die Filme des Dänen („Drive“, „The Neon Demon“) sind im Leopold zu sehen.

Heimat versus Hollywood

Johnny Depp im Neo-Western „Dead Man“ von Regisseur Jim Jarmusch aus dem Jahr 1995.
Johnny Depp im Neo-Western „Dead Man“ von Regisseur Jim Jarmusch aus dem Jahr 1995.
Studiokanal

Vor 70 Jahren eröffnete in der Theatiner-Passage ein Kino, das später in „Theatiner Filmkunst“ umbenannt wurde – und bis heute eine treue Fangemeinde hat. Im Anfangsjahr wurden Western und Musicals gezeigt, bei den Filmkunstwochen stehen Filme aus eben jenen Genres (und aus mehreren Jahrzehnten) auf dem Spielplan, vom Musical-Evergreen „Singin’ in the Rain“ bis hin zu Neo-Western wie „Dead Man“ oder „First Cow“. Ein Wiedersehen mit dem Hollywood-Kino der 1990er-Jahre gibt es im City, mit ebenso originellen wie erfolgreichen Gedankenspiel-Filmen wie „Being John Malkovich“, „The Matrix“, „Lost Highway“ oder „Strange Days“.

Filme prägen unsere Erinnerungen und Identität, in einer Reihe im Rottmann, Maxim, Rex und Kino Solln geht es um die eigene und fremde Heimat. Gezeigt werden Dokumentarfilme wie „Ruinenschleicher und Schachterleis“ (über München nach 1945), „Lebensfreundschaft“ (über den Olympia-Architekten Fritz Auer und den Industriedesigner Hans A. Muth) oder „Marios Destino“ (über den Künstler Mario Steigerwald), jeweils mit Gästen. Selbstverständlich vermitteln auch Spielfilme wie „Amrum“, „September 5“ oder „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ Heimatgefühle.

Literarisches und Lateinamerikanisches

Welche Macht hat die Fiktion? Eine der Fragen im Film „Bitteres Fest“ von Pedro Almodóvar.
Welche Macht hat die Fiktion? Eine der Fragen im Film „Bitteres Fest“ von Pedro Almodóvar.
Iglesias Más / El Deseo

Heimatlich geht es auch in der Reihe „Cine español & Cine latino“ zu: Seit 20 Jahren zeigt das Studio Isabella wöchentlich Filme aus Spanien und Lateinamerika, während der Filmkunstwochen erhöht das Kino die Frequenz auf täglich. Auf dem Programm stehen cineastische Schmankerl wie „Und dann der Regen“, „Neruda“ oder „8 Namen für die Liebe“, sowie fünf Filme des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar, so auch dessen jüngster Streich „Bitteres Fest“.

Um die Verbindung von Film und Literatur und die Frage, wie sich Sprache in Bilder verwandelt, geht es im Maxim-Kino in Neuhausen: Dort sind Literaturverfilmungen zu sehen, aktuelle wie „22 Bahnen“ oder „Der Fremde“, und ältere wie „Stalker“ oder „Persepolis“. Eine literarische Sonderveranstaltung ist am 8. August geplant: Neben der Vorstellung von Sally Potters Film „Orlando“ aus dem Jahr 1992 (mit Tilda Swinton in der Titelrolle) wird es eine Lesung aus Virginia Woolfs gleichnamigem Roman geben.

Filmstadt und Filmveranstaltungen

München ist eine Filmstadt, nicht nur aufgrund der hier ansässigen Firmen oder hier gedrehten Filme, sondern auch wegen des gleichnamigen Vereins: Die Filmstadt München setzt sich für die kommunale Filmarbeit ein, sie unterstützt lokale Festivals wie das Dok-Fest, die Türkischen Filmtage, Circolo Cento Fiori oder die Griechische Filmwoche. Sie alle sind auch bei den Filmkunstwochen präsent, mit Filmen wie „Driving Europe“ (im City), „Onde di Terra“, „DJ Ahmet“ oder „Madonnas“ (alle im Rottmann). Die Münchner Kultur rückt zusammen, auch bei den Filmkunstwochen.

Die Verbindung von Musik und Film ist ebenfalls gesetzt, bei Konzertfilmen im Leopold (mit Depeche Mode, Metallica oder Coldplay) oder einem Kino- und Konzertabend zu Ehren des Dichters Robert Lax im Theatiner. Im Keller des Maxim-Kinos wird es Ausstellungen und Performances geben, im City steht am 23. Juli eine weitere Ausgabe der „Late Night Lecture“ mit Anna Edelmann und Thomas Willmann an. Am selben Abend findet auch das bewährte Bollerwagenkino statt, eine Kombi aus Filmprojektion und Stadtführung. Dieses Jahr geht es nach Berg am Laim.

74. Filmkunstwochen München, Mittwoch, 22. Juli, bis Mittwoch, 12. August, im ABC-Kino, Arena, City-Kinos, Kino Solln, Leopold, Monopol, Neues Maxim, Neues Rex, Neues Rottmann, Rio Filmpalast, Theatiner Filmkunst, Studio Isabella

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Kino-Dokumentarfilm über Frauen in Syrien
:„Diese Hölle wiederholte sich jede Nacht aufs Neue“

Der Dokumentarfilm „To My Sisters“ zeigt Frauen in Syrien unter dem IS-Regime. Für den in München lebenden Kurden Faek Falak geht es nicht nur um Einzelschicksale, sondern um die Art, wie wir leben wollen.

SZ PlusVon Josef Grübl

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: