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Kinofilm mit Dreiviertelblut:"Wir hatten immer Faxen im Kopf, das mussten wir abschaffen"

Dreiviertelblut - Weltraumtouristen
Regie: Marcus H. Rosenmüller und Johannes Kaltenhauser
Mit: Gerd Baumann und Sebastian Horn

In einer verfallenen Hütte im Wald treffen sich Sebastian Horn, Sänger und Texter von Dreiviertelblut, und Gerd Baumann, Komponist und Gitarrist, zum Philosophieren.

(Foto: Südkino)

Die bayerische Band Dreiviertelblut hat sich von Kameras begleiten lassen. Nun kommt die magisch-realistische Dokumentation "Weltraumtouristen" in die Kinos.

Von Michael Zirnstein

Manchmal möchte man als Zuseher die Kamera umdrehen. Denn die dahinter sind so belebend für den Film "Weltraumtouristen" wie die davor, und man würde noch viel mehr verstehen über die Freundschaft, die Musik, das Weltall, das Leben und den Tod, und was daran eigentlich so saukomisch ist. Durch das umgedrehte Objektiv würde man einen Regisseur Marcus H. Rosenmüller erblicken, der beim Herbeidenken seiner später herausgeschnittenen Fragen selber abdriftet. Und der genauso wie der Kameramann, Co-Produzent und Mit-Regisseur Johannes Kaltenhauser nicht mehr aus dem Lachen herauskommt, wenn doch alle ernst sein sollen, und dadurch die eine oder andere einmalige Szene versaut.

Würde man die Kamera wieder nach vorne richten, verstünde man, warum der bärtige Waldschrat in dieser eingeschneiten Hütte mit eingestürztem Dach, Sebastian Horn, leicht angestrengt zur Seite schaut. Während der andere mit dem Astronautenhelm, Gerd Baumann, der gerade mit seiner Papprakete in diesem Winterwald gelandet ist, ganz ernsthaft etwa über seine Spontanerleuchtung als Kind unter einem Apfelbaum erzählt. Horn schaut weg, um sich nicht am Feixen der beiden Filmmacher anzustecken.

"Die Nähe, die Freundschaft zu überwinden, war sicher die größte Hürde", sagt Rosenmüller und freut sich über dieses Paradoxon. "Wir hatten immer Faxen im Kopf, das mussten wir abschaffen, um uns den Themen seriös zu nähern." Schließlich wollte Rosenmüller mit Kaltenhauser eine Dokumentation über die Band Dreiviertelblut drehen, wie 2009 über La Brass Banda und 2015 über Hubert von Goisern. Aber er kannte seine beiden Protagonisten eben zu gut und wusste schon, dass das kein normales Musikerporträt werden würde. Er kennt Baumann, seit er 2005 einen Musiker für seinen ersten Spielfilm "Wer früher stirbt, ist länger tot" suchte. Die Produktionsfirma riet ihm zu Baumann, "das könnte passen", und es passte. Nicht nur, dass Baumann seitdem immer wieder mit Hits und Hymnen die "Rosi"-Filme veredelt, sie erkannten sich auch in ihrem Humor und der Liebe zu Reimereien, wurden Freunde und traten 150 Mal als Poetenduo auf Kleinkunstbühnen auf. Schon bei "Wer früher stirbt" brachte Baumann für einen Song Sebastian Horn mit, den Rosenmüller noch zu Schulzeiten als Sänger der Bananafishbones in der Miesbacher Gymnasiumsaula erlebt hatte. "Das war für mich ganz aufregend, dass er nun bei uns war." Auch Horn sollte später nicht nur in seinen Filmen wie "Räuber Kneißl" kleinere Rollen spielen, sondern eine ganz bedeutende in Rosenmüllers Freundeskreis.

All das berichtet die Doku nicht, und auch nicht, wie Baumann und Horn für den Provinzkrimi "Sau Nummer Vier" eine "folklorefreie Volksmusik" erfanden, woraus bald die Combo Dreiviertelblut entstand, das derzeit prächtigste Gewächs in der bayerischen Musikwelt. Das alles kann nachlesen, wer will. Der Film lässt es aus, er ist immer ganz im jeweiligen Moment seines fünfjährigen Entstehens. "Wir wollten den Film nicht machen, weil wir so ein Band-Leben toll finden", sagt Rosenmüller. Wobei es natürlich magische Ausschnitte von Auftritten im Circus Krone oder mit den Münchner Symphonikern im Prinzregententheater nachzuerleben gibt. Der Regisseur ist ja bekennender Fan dieser unbayerisch bayerischen, monumental minimalistischen, poetisch politischen, naiv philosophischen Musik. Aber mehr noch ist er Fan von denen, die da drin stecken, seinen Freunden, die für seine "Lebenslust, und die Ängste, die sich in ihr spiegeln", stets die "erhellenden Aussagen" parat hätten. Klar war, er und Kaltenhauser wollen die zwei und ihre Band begleiten. "Aber wir haben überhaupt nicht gewusst, wo's hingeht. Das hat mir gefallen, diese Freiheit. Zeit lassen und schauen, wie beim Fischen." Filmend wollten sie erforschen: "Wie denken die? Wie kommen die auf so was? Und warum haben die so eine Kraft?"

Im Film sprechen beide getrennt voneinander über dasselbe Wunder: Dass man meint, still zu stehen, aber die Erde, "der blaue Stoa", doch mit irrwitzigem Tempo durchs Weltall kreiselt. Für Rosenmüller zeigt das, wie gleich und doch wie anders die beiden ticken. "Für den Wastl hat alles seinen Platz." Er geht mit ihm, der Biologie studiert hat, in den Wald, wo Horn von der Vergänglichkeit schwärmt, in der Erde wühlt, einen vor Kälte starren Frosch über den Rücken streichelt und sagt: "Eine geile Vorstellung, wenn du als Amphibium komplett ausgeliefert bist." Einfrieren und erwachen, alles hat einen Sinn und kommt zu seiner Zeit in Wellen: Kreativität, Politik, das Leben, Horns in den 87 Minuten zu- und abnehmende Vollbartlänge - deshalb lässt Rosenmüller ihn am Filmanfang aus einem Erdloch kriechen und bettet ihn am Ende dort hinein in den Winterschlaf. Baumann denke dagegen "globaler", findet der Regisseur. Er lässt ihn per Filmtrick im All schweben, über dem unsicheren Mini-Erdball, dem Baumann als Geistwesen etwas hinterlassen möchte: "Wenn einer sagt, er weiß es, dann weiß er es auch nicht. Wir haben kein Fundament für einen Glauben, wissen nicht, wo wir herkommen", sagt er, aber man habe seine Lebensspanne und in dieser "ununterbrochen große Verantwortung für sich und die Welt".

Nun ist Baumann, der Musikhochschulprofessor, ein Quatschkopf. Der fängt bei Auftritten - im Film in einem Kino-Café - ernsthaft an zu erzählen, etwa von seinem Wunsch, Astronaut zu werden, und sehr spät, wenn er dann berichtet, dass es beim Nasa-Einstellungstest in der Rakete kein Kupplungspedal gab, "weil du immer Vollgas geben musst", merkt das Publikum, dass es ihm auf den Leim gegangen ist.

Gerade Baumanns absurdem Humor folgt eine seltsame Form für so einen Film. Es wurde eine Art magisch-realistische Dokumentation. Zum Beispiel backstage vor dem Krone-Konzert, da redet Baumann - fast zu banal - über Lampenfieber. Dann klappt er zusammen wie ein Roboter mit Kurzschluss. Horn stöhnt, "I hol' Nummer 2", geht in eine Kammer, in der - Filmtrick - lauter nervöse Gerd-Klone warten. "Bist du aufgeladen?", fragt er, "dann Einsatz!"

"Wenn Autos fahren, ist's net so schlimm"

Einmal reisen sie zum Marterl der ermordeten Zigeunerin Falak, die sie in einem Lied besingen. Während Horn an der Staatsstraße 2072 nicht weit von seinem Lenggrieser Wohnhaus, von den Goldkisten erzählt, die ihr Brautgeld gewesen sein sollen und nach denen schon Nazi-Expeditionen gesucht hätten, wird es unheimlich. Wie in der pseudorealen Horror-Doku "Blair Witch Project" steigt Panik in die Gesichter, das Filmteam ein Hühnerhaufen ... Dann wieder Ruhe. Offenbar ist der Falak-Geist weg. "Wenn Autos fahren, ist's net so schlimm", erklärt Horn abgebrüht. Da hilft es dann doch, dass er auch ein prima Schauspieler ist. Denn alle waren schon wieder kurz vor dem Lachen. Gerettet jedenfalls war die Szene über die Macht der Stimmen in den Köpfen, die zu kollektiven Stimmungen werden und die Welt bestimmen können. Derlei ließ sich mit metaphorischen fiktiven Szenen einfach besser zeigen, als allein mit "Talking Heads"-Monologen.

Oder die Band checkt an einer zerbröselnden Retro-Rezeption ein. Das war die Kulisse eines Singspiels am Nockherberg, an dem sie alle arbeiteten. Plötzlich kam es dem Regisseur, hier sofort zu drehen. Die Band zog sich Zirkusklamotten an und begann zu improvisieren, so stößt Baumann über das falsche Spiel zum echten Kern seines Schaffens: "Die Kraft in der Kunst kommt aus einer Ur-Ehrlichkeit. Wenn das Resultat mickrig ist, ist es halt so, aber dann ist es trotzdem noch ehrlich."

Das Resultat der Filmreise ist gewaltig. Rosenmüller wollte diesen Film, ein privates Vergnügen, von Anfang an auf der großen Leinwand sehen, so dass man ihn in Gemeinschaft erleben kann - allein elf Kinos in München zeigen ihn nun zum Bundesstart. Die Bilder waren von Anfang an in David-Lynch-düsterem Schwarzweiß angelegt, immer die Denkarbeit konkretisierend. Etwa wenn Horn beim Leonhardiritt in Bad Tölz sein zwiespältiges Verhältnis zum Bayerntum schildert, während Goaßlschnalzer auf der Marktstraße in distanzierter Zeitlupe archaisch knallen, als peitschten sie einen Fremden aus. Es sei wichtig, die Riten und die Vielfalt zu bewahren, sagt Horn, "dabei ist es unsere erste Aufgabe, diesen Zustand zu sprengen, zu sehen, dass wir eins sind mit allen Dingen dieser Welt". Um nichts anderes geht es in ihrer Friedenshymne "Mia san net nur mia".

Weltraumtouristen läuft am 6. August an, in München in den Kinos City, Neues Rex, Neues Maxim, Sendlinger Tor, Rio, Monopol, ABC, Mathäser, Cinemaxx, Solln und Cincinatti

© SZ vom 06.08.2020/aner
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