Sterben gehört zum Leben, so heißt es oft. Aber warum so früh? Wo es doch noch so viel zu erfahren gäbe, zu fühlen, so viel zu erleben? Wie viele Kinder und Jugendliche es gibt, deren Leben wegen einer schweren, unheilbaren Krankheit viel zu früh zu Ende sein wird, das weiß niemand genau. Allein für Bayern spricht der Hospiz- und Palliativverband von 2700 jungen Menschen, die aller Voraussicht nach nicht sehr alt werden und vielleicht niemals erwachsen.
Deutschlandweit sind es demnach mehr als 22 000. In England gibt es verlässlichere Zahlen, eine neue Studie hat daraus für Deutschland zuletzt sogar die Zahl von 100 000 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit lebensverkürzenden Erkrankungen abgeleitet – und damit von mindestens genauso vielen betroffenen Familien. Einige von ihnen werden bald im oberbayerischen Polling ein paar Tage oder Wochen durchatmen und etwas Kraft schöpfen können. Und sei es die Kraft für das Ende eines jungen Lebens.
Schon seit 2019 trägt sich der Hospizverein im Pfaffenwinkel mit Plänen, im Kloster Polling in der Nähe der Kreisstadt Weilheim ein Kinderhospiz einzurichten, zusätzlich zu dem 2002 eröffneten Hospiz für Erwachsene, das ohnehin dringend einen Erweiterungsbau braucht. Nun haben der Verein und der Orden der Dominikanerinnen mit Schirmherrin Ilse Aigner und vielen Gästen den Grundstein für das neue Gebäude gelegt, das aus dem Klosterbau wieder ein fast geschlossenes Geviert machen soll.
Das Kinderhospiz St. Martin wird ein Vermächtnis der Dominikanerinnen werden. Als die Pläne für den Neubau vor vier Jahren erstmals vorgestellt wurden und das Spendensammeln begann, lebten noch drei Ordensschwestern in Polling. Doch schon seit dem Heiligen Abend 2023 ist Oberin Raphaela Ferber allein im Kloster, als aller Voraussicht nach letzte Dominikanerin in Polling. Im Mutterhaus in Donauwörth sind sie noch zu dritt, sagt Priorin Teresa Westermeier. Sie war in den vergangenen Jahren oft in Polling, aber als „Bauherren“ will sie sich und ihre Mitschwestern nicht unbedingt ansehen. „Wir sind die Baudamen“, sagt sie, obwohl sie vom Bauen so viel verstünden „wie der Ochse in der Apotheke“. Doch die Idee eines Kinderhospizes „fanden wir von Anfang an gut“.
Die Idee ist aus dem Bedarf geboren. Das Kinderhospiz St. Nikolaus im schwäbischen Bad Grönenbach mit seinen acht Plätzen war 2007 das erste in ganz Süddeutschland und bis vor Kurzem das einzige in Bayern. Erst 2023 kamen das „Sternenzelt“ in Bamberg mit 16 Plätzen und das „Haus Anna“ in Eichenau mitten in Niederbayern mit acht Plätzen hinzu. In Polling wir es von 2028 an ebenfalls acht Plätze für Kinder und junge Menschen bis 27 Jahre geben, genau wie im „Brückenhaus“ in Augsburg, das schon im kommenden Jahr eröffnen könnte. In ganz Deutschland wird es dann insgesamt 23 Kinderhospize geben.
Die Nachfrage ist „seit 20 Jahren ungebrochen hoch“, sagt Alfons Regler, das das Kinderhospiz in Bad Grönenbach und auch den Arbeitskreis Kinderhospiz im Bayerischen Hospiz- und Palliativverband leitet. In Bad Grönenbach erhalte man etwa 240 Anfragen pro Jahr, von denen man nur rund 140 zusagen könne. Der Schwerpunkt liege zwar auf dem Süden, aber die Anfragen kämen aus ganz Deutschland. Eine Familie aus Flensburg komme schon seit zehn Jahren nach Schwaben, andere sogar seit 16 oder 17 Jahren.
In Kinderhospizen geht es nicht nur um ein möglichst friedvolles Sterben
Denn anders, als das in Hospizen für Erwachsene oft der Fall ist, soll ein Kinderhospiz nicht nur ein Ort des möglichst friedvollen und leidensleichten Sterbens sein. Betroffene Familien sollen hier auch eine Auszeit nehmen können, ihre Lebensperspektiven sortieren und die Gelegenheit haben, sich um Geschwisterkinder zu kümmern. „Das ist der einzige Ort, wo die für zehn Tage mal die Flügel strecken können“, sagt Alfons Regler. Zu Hause stehen vielen Familien mit schwer kranken oder sterbenden Kindern ambulante Kinderhospizdienste zur Seite, wie es ihn auch in Polling geben wird.
Und so soll eben das Kloster Polling kein bloßer Ort des möglichst menschenwürdigen Sterbens sein, sondern des Lebens, dessen Teil nun einmal das Sterben ist. Dass es so kommen kann, ist ein großer Kraftakt nicht nur für den Hospizverein um seine heutige Ehrenvorsitzende Renate Dodell. Die ehemalige CSU-Landtagsabgeordnete und ihre Mitstreiter haben in den vergangenen Jahren viele Hindernisse überwinden müssen. Eine besondere Herausforderung ist die Finanzierung – und sie wird es bleiben, denn schwarze Zahlen wird ein Kinderhospiz unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum je schreiben können.

Schon das neue Gebäude für die zwei Hospize in Polling, mit acht Plätzen für junge Menschen und mit dann 16 statt bisher zehn Plätzen für sterbende Erwachsene, wird mindestens 20 Millionen Euro kosten. Das Bistum Augsburg bringt etwa ein Viertel davon auf, die Dominikanerinnen tragen den Baugrund bei und viel Geld aus Grundstückverkäufen – und den Rest muss der Hospizverein aus Spenden stemmen, aus kleinen und großen. So dachte etwa Doris Bäumer, mit dem Verkauf von selbst gehäkelten „Glückswürmchen“ tausend Euro für das Kinderhospiz einnehmen zu können. Daraus sind inzwischen eine ansehnliche Schar von Häklerinnen im ganzen bayerischen Oberland und 140 000 Euro geworden.
Im Finanzplan sei in der entscheidenden Zeile zunächst nur ein einziges Wort gestanden, nämlich „Vertrauen“, sagt Jakob Schaetz, der im Sommer 2024 von Dodell den Vorsitz des Hospizvereins übernommen hat. Das Kloster, die Diözese, Spender, Sponsoren, Stiftungen, die Politik, andere Organisationen und auch der Verein und seine Mitglieder hätten schon viel getan. Am Tag der Grundsteinlegung fehlen trotzdem noch drei Millionen Euro, aber das Vertrauen ist sogar gewachsen. Bei der Eröffnung in zwei Jahren, sagt Schaetz, „wird diese Zeile gefüllt sein mit der Summe, die das Projekt gekostet hat“.


