Internet-KriminalitätBayerischen Ermittlern gelingt „einer der größten Schläge“ gegen Kinderpornografie

Lesezeit: 4 Min.

Der Kampf gegen Kinderpornografie im sogenannten Darknet kann einen großen Erfolg verzeichnen. Ein umfangreiches Pädokriminellen-Netzwerk konnte zerschlagen werden. (Symbolfoto)
Der Kampf gegen Kinderpornografie im sogenannten Darknet kann einen großen Erfolg verzeichnen. Ein umfangreiches Pädokriminellen-Netzwerk konnte zerschlagen werden. (Symbolfoto) Christoph Hardt/Imago

Fast zwei Millionen Nutzer, mehr als 91 000 Videos „mit unvorstellbar schrecklichen Missbrauchshandlungen“ an Kindern: Wie die bayerischen Ermittler vorgegangen sind und was sie im Darknet gefunden haben.

Von Max Weinhold

Der Name mutet harmlos an. „Kidflix“, da könnte man an einen Streamingdienst für Kinder denken. Harmlos ist die Plattform aber mitnichten, im Gegenteil, es verbirgt sich dahinter ein Kinder- und Jugendpornografie-Netzwerk erschütternden Ausmaßes. Mehr als 91 000 Videos mit teilweise schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern waren auf „Kidflix“ zu sehen, 84 neue Videos kamen im Schnitt pro Tag dazu. Und mehr als 1,8 Millionen Menschen auf der ganzen Welt waren seit April 2022 bei dem Dienst im sogenannten Darknet angemeldet, dem anonymen Teil des Internets.

Diese verstörenden Erkenntnisse und Zahlen haben am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in München unter anderem Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Justizminister Georg Eisenreich (beide CSU) aus Anlass eines weltweiten Ermittlungserfolges gegen das Pädokriminellen-Netzwerk vorgestellt. Gemeinsam mit niederländischen Behörden ist es Ermittlern des Bayerischen Landeskriminalamtes (BLKA) und Bamberger Spezial-Staatsanwälten des Zentrums zur Bekämpfung von Kinderpornografie und sexuellem Missbrauch im Internet (ZKI) gelungen, den Server in den Niederlanden zu beschlagnahmen, über den Kriminelle – mutmaßlich aus finanziellem Interesse – die Plattform betrieben. Ihre Identität kennen die Strafverfolger noch nicht. Aber, und das ist bemerkenswert: Sie konnten trotz der Anonymität und des Datenschutzes im Darknet bereits 1393 Personen identifizieren, die sich mutmaßlich illegale Inhalte auf „Kidflix“ angeschaut haben.

Kriminalität
:Wie Bamberger Ermittler weltweit gegen Kindesvergewaltigung vorgehen

Seit Jahren nehmen die Fälle von sexuellen Missbrauchsdarstellungen an Kindern zu. Die Täter sitzen überall auf der Welt, doch alle Anzeigen aus Bayern dazu landen bei einem Team in Bamberg. Mit welchen Techniken die Ermittler dort die Spuren verfolgen – und woher die meisten Hinweise kommen.

Von Max Weinhold

Es gehe dabei, sagte Eisenreich, um „leider auch unvorstellbar schreckliche Missbrauchshandlungen an Kindern, Kleinstkindern, ja sogar an Babys“. Innenminister Herrmann sprach von einer „schrecklichen Verletzung der Rechte und Unschuld unserer Kinder“. Dies sei „einer der größten Schläge“ gegen Kinderpornografie in den vergangenen Jahrzehnten, „wenn nicht überhaupt“, sagte der ebenfalls anwesende Vizepräsident des BLKA, Guido Limmer. Auch die an den Ermittlungen beteiligte EU-Polizeibehörde Europol gehe von dem „größten Verfahren“ aus, das sie in ihrer Geschichte geführt habe.

79 Menschen, die entweder Videos geschaut oder selbst Kinder missbraucht haben sollen, wurden nach Angaben von Europol bisher festgenommen. In Deutschland durchsuchten die Ermittler im März 96 Wohnungen, davon neun in Bayern, sowie mithilfe von Europol zahlreiche weitere in insgesamt 31 Ländern, von Albanien über Kanada und Kolumbien bis nach Neuseeland. Der älteste der fast durchwegs männlichen Tatverdächtigen ist 1948 geboren, der jüngste 2006, ihr Durchschnittsalter betrug etwa 31 Jahre, sagte Thomas Goger, Leitender Oberstaatsanwalt von der Bamberger ZKI. 308 der nun Beschuldigten seien bereits auf anderen kinderpornografischen Plattformen im Darknet mit demselben Nutzernamen wie auf „Kidflix“ aktiv gewesen. „Das zeigt, dass wir es hier nicht mit Gelegenheitstätern zu tun haben.“ Es handele sich um Nutzer, „die allesamt gedacht haben, dass sie in der Anonymität des Darknets sich auf Dauer der Strafverfolgung entziehen, und die wir eines Besseren belehrt haben“.

Eine symbolische Darstellung der Darknet-Plattform „Kidflix“ ist im Landeskriminalamt auf einem Laptop zu sehen.
Eine symbolische Darstellung der Darknet-Plattform „Kidflix“ ist im Landeskriminalamt auf einem Laptop zu sehen. Sven Hoppe/dpa

Drei Jahre dauerten die Ermittlungen, und man habe währenddessen nicht nur „zugeschaut“, wie Limmer sagte, sondern in 96 Fällen, in denen aus Sicht der Ermittler eine unmittelbare Gefahr bestand, eingegriffen, um Taten zu verhindern. Zwölfmal sei auf diese Weise „aktiv laufender Missbrauch unterbrochen“ worden. Goger sprach von einem „wahnsinnigen Spagat“ zwischen der Verhinderung von unmittelbar bevorstehenden Taten und dem Ziel, die weiteren Ermittlungen nicht zu gefährden.

Neben der Ermittlung der Täter konzentrierten sich die Spezialisten auf die Identifizierung von missbrauchten Kindern. Drei, die bei tatverdächtigen Männern lebten, wurden nach den Durchsuchungen durch Jugendämter in Obhut genommen, ebenso zwei weitere Kinder, die offenbar als Opfer auf der Plattform zu sehen gewesen waren und von den Ermittlern identifiziert werden konnten. „Hinter jedem Bild, hinter jedem Video steht das unfassbare Leid eines Kindes“, sagte Justizminister Eisenreich. Er forderte härtere Strafen für die Betreiber von Plattformen wie „Kidflix“, mindestens drei Jahre Haft.

Auf „Kidflix“ waren im Gegensatz zu vergleichbaren Vorgängern, die primär Fotos zeigten, laut Ermittlungen vor allem Videos zu sehen. Allerdings nicht, wie Ermittler es zuletzt verstärkt beobachtet haben, live übertragen. Bei „Kidflix“ war der Konsum zunächst kostenlos, zahlen mussten Nutzer erst, wenn sie die Videos in höherer Auflösung anschauen wollten – entweder mit Kryptowährungen oder mit von ihnen selbst hochgeladenen Videos.

Wie genau es den Spezialisten technisch gelungen ist, die geschützten Nutzerdaten zu entschlüsseln und zu Tatverdächtigen zurückzuverfolgen, sagten die Vertreter von Polizei und Staatsanwaltschaft freilich nicht, um die Methoden auch künftig anwenden zu können. Lediglich in groben Zügen erklärten sie, dass die Bezahlwege ihnen als Ermittlungsansatz dienten. Man habe „die Spur des Geldes verfolgt“, sagte BLKA-Vizechef Limmer.

Guido Limmer, Vizepräsident des Bayerischen Landeskriminalamts, Innenminister Joachim Herrmann, Justizminister Georg Eisenreich (beide CSU) und Thomas Goger, stellvertretender Leiter der Zentralstelle Cybercrime Bayern, nehmen im Landeskriminalamt an einer Pressekonferenz zur Zerschlagung einer Pädophilen-Plattform teil (von links).
Guido Limmer, Vizepräsident des Bayerischen Landeskriminalamts, Innenminister Joachim Herrmann, Justizminister Georg Eisenreich (beide CSU) und Thomas Goger, stellvertretender Leiter der Zentralstelle Cybercrime Bayern, nehmen im Landeskriminalamt an einer Pressekonferenz zur Zerschlagung einer Pädophilen-Plattform teil (von links). Sven Hoppe/dpa

Nutzer illegaler Plattformen zahlen im Darknet üblicherweise mit Kryptowährungen, also digitalen und verschlüsselten Zahlungsmitteln. Um die Bezahlströme und die Identität des Kunden zusätzlich zu verschleiern, finden sogenannte Mixing-Dienste Anwendung, die verschiedene Transaktionen miteinander vermengen. Auch bei „Kidflix“ ist dies den Ermittlern zufolge der Fall gewesen; und trotzdem konnten sie Tatverdächtige identifizieren. Irgendwo gebe es eine Schnittstelle, an der eine echte Währung in eine Kryptowährung umgewandelt werden müsse, sagte Limmer. „Das ist die Stelle, wo der Ermittler auf den Täter zugreifen kann.“ Entscheidend sei bei den Ermittlungen überdies der sogenannte Dark Web Monitor gewesen – ein Instrument, das bayerische Staatsanwälte gemeinsam mit niederländischen Forschern entwickelt haben, um im Darknet in Echtzeit Daten zu sammeln und ihren Ursprung nachzuvollziehen.

Trotz des Erfolgs sind die Möglichkeiten der Spezialisten auch im Fall „Kidflix“ begrenzt. Er könne jetzt schon „versprechen“, dass Verfahren, die sich aus bei den Durchsuchungen sichergestellten Daten ergeben werden und die erfolgreich geführt werden könnten, in „ganz, ganz vielen Fällen“ eingestellt werden müssten, sagte Goger. Er forderte deshalb „eine vernünftige Lösung für Speicherung von IP-Adressen“. Damit müssten Anbieter die IP-Adressen für einen gesetzlich vorgeschriebenen Rahmen sichern, sie ließen sich bei Ermittlungen Nutzerdaten zuordnen – eine Forderung, der sich auch Herrmann und Eisenreich anschlossen. Als Argument gegen die Speicherung wird häufig der Datenschutz angeführt. Aus Sicht der Minister überwiegt aber die Chance, Täter zu überführen und Opfer zu schützen. „Der Schutz unserer Kinder hat höchste Priorität“, sagte Herrmann, der von einer Zunahme an im Internet gegen Kinder begangenen Missbrauchstaten auch in Bayern berichtete.

Er verwies zudem darauf, dass Strafverfolger Hinweise auf Kindesmissbrauch etwa aus den USA nicht weiterverfolgen könnten, weil in Deutschland keine Verbindungsdaten mehr gespeichert würden. Einen Großteil seiner Ermittlungsansätze gewinnt auch das Bamberger ZKI aus den Vereinigten Staaten. Dort sind Anbieter elektronischer Dienste wie etwa sozialer Netzwerke verpflichtet, verdächtige Inhalte an das gemeinnützige National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC) zu melden, das diese prüft und bei Bedarf an Strafverfolgungsbehörden in aller Welt weiterleitet. Herrmann forderte deshalb „zügig“ eine Gesetzesänderung.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

ExklusivKatholische Kirche
:Vorwürfe gegen Bischof von Passau: Hat er im Fall Hauzenberg zu spät reagiert?

Gegen Bischof Stefan Oster wurde bei der Erzdiözese München eine kirchenrechtliche Meldung eingereicht.  Es geht um den Pfarrer von Hauzenberg, den  Oster wegen mutmaßlichen Fehlverhaltens in der Jugendarbeit gerade suspendiert hat. Von den Vorwürfen aber wusste Oster schon länger.

SZ PlusVon Lisa Schnell

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: