Der Mann, der für das derzeit wertvollste Unternehmen der Welt arbeitet, hat Komplimente ins Ministerium mitgebracht. Staaten und Regierungen hätten die Wahl zwischen zwei Optionen: Sie seien entweder „an AI taker or an AI maker“, sagt Rod Evans, Vizepräsident für Europa, den Nahen Osten und Afrika beim US-Chiphersteller Nvidia. Bayern sei auf dem Weg, „ein AI maker“ zu werden, sagt Evans, also ein Macher statt bloßer Abnehmer. Der Manager lobt den Freistaat als „Powerhouse“ Deutschlands. Er wünsche sich, dass jede Regierung bei der künstlichen Intelligenz (KI) so handeln würde wie die bayerische.
Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) ist begeistert. Er hat ja deshalb an diesem Mittwoch in sein Haus geladen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass Bayern im weltweiten KI-Rennen mitspielen will. „Wir wollen nicht Zaungast der Geschichte sein“, sagt der Minister. Für ein bayerisches KI-Basismodell hat Blumes Ministerium soeben bei Nvidia 1024 leistungsstarke Grafikprozessoren (GPU) für 54,5 Millionen Euro eingekauft. Die warmen Worte des Firmenvertreters gibt es gratis dazu.
Die Chips sollen die Leistung des Rechenzentrums an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen verdreifachen, wovon demnächst bereits ausgewählte Forschungsprojekte profitieren sollen. Blume träumt in Anspielung auf die KI-Anwendung Chat-GPT von einer Art „Bayern-GPT“.
Anders als das berühmte Sprachmodell für jedermann soll die bayerische KI aber zunächst auf wenige Anwender und Fachbereiche eingegrenzt werden, zum Beispiel den Gesundheitsbereich und die Robotik. Blume erinnert daran, dass erst vor wenigen Tagen ein humanoider Roboter einen Halbmarathon in China gewonnen hat. Der Politiker sieht großes Potenzial in dem Bereich. Deutschland und Europa dürften nicht hinter anderen Staaten wie China oder den USA zurückbleiben. Es gehe um strategische Souveränität und eine „Neuverteilung von Macht und Wohlstand“.
Der Ausbau des Erlanger Rechenzentrums auf letztlich 1700 GPUs soll aber nur ein Schritt auf dem Weg zum KI-Land sein. Auch das Leibniz-Rechenzentrum am Hochschul- und Forschungscampus Garching wird fortlaufend ausgebaut. Und Bayern bemüht sich intensiv um den milliardenschweren Zuschlag für eine von der Europäischen Union geförderte KI-Gigafactory in Schweinfurt. Mit mehr als 100 000 GPUs würde sie alle anderen Rechenzentren in den Schatten stellen. Die Nachfrage nach Rechenleistung in Industrie und Wissenschaft sei in den kommenden Jahren jedenfalls riesig, sagt Blume.
Bayern macht sich Hoffnungen auf eine KI-Gigafactory in Schweinfurt
„Die Frage ist, wann kommt diese AI-Gigafactory“, sagt der Wissenschaftsminister und kennt die Antwort selbst nicht. Die Herausgabe der Details zur europaweiten Ausschreibung durch die EU sei „überfällig“. Blume hofft, dass sich die deutschen Interessenten – neben dem Freistaat soll es mindestens fünf weitere Akteure geben – auf eine gemeinsame „nationale Bewerbung“ verständigen können.
Dass Bayern angesichts des schleppenden Windkraftausbaus und des jahrelang blockierten Baus wichtiger Stromleitungen als Standort der stromhungrigen KI-Fabrik einen Standortnachteil hat, sieht Blume nicht. „Für den Moment sind wir da gut aufgestellt“, sagt Blume. 2028 soll im Landkreis Schweinfurt die Stromtrasse Suedlink in Betrieb gehen, die günstigen Windstrom aus dem Norden nach Bayern überträgt.
Kritische Worte über die disruptive Macht der KI sind an diesem Tag im Wissenschaftsministerium nicht zu hören. Dass KI-Systeme in Kriegen schon jetzt tödliche Entscheidungen treffen? Der massive Hunger nach Wasser und Strom? Die Angst vor Jobverlusten?
„Die Leute sehen das falsch“, sagt Nvidia-Manager Rod Evans über die Job-Frage. In einer alternden Gesellschaft werde es immer schwieriger, Fachkräfte zu gewinnen, etwa in der Pflege. Solche Aufgaben könnten autonome Roboter den Menschen bald abnehmen.


