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Verkehr:Mit der Gondel durch Kempten?

La Paz

In La Paz schwebt die Seilbahn bereits hoch über der Stadt.

(Foto: Doppelmayr)

In der Stadt im Allgäu gibt es erste Überlegungen für eine Seilbahn, um den Nahverkehr im Stadtkern zu entlasten. Eine Studie soll nun zeigen, ob die Idee machbar ist.

Zum Glück gibt es das Minimobilmuseum in Sonthofen im Oberallgäu, es beherbergt eine riesige Sammlung kleiner Modelle, die fahren, schwimmen, fliegen oder sogar schweben. So konnte sich nämlich die örtliche Presse im nahen Kempten eine Auswahl der Spielzeuge leihen, um sie über den Stadtplan zu legen - und damit zumindest eine grobe Vorstellung zu bekommen, wie das Konzept für eine Neuverteilung des Verkehrs in der 70 000-Einwohner-Stadt mal aussehen könnte.

Da sieht man also Busse, Autos und Passanten, darüber schweben bunte Gondeln, sie verknüpfen den Hauptbahnhof, die Allgäuhalle, den archäologischen Park und die Innenstadt. Eine tatsächliche Visualisierung der Stadtseilbahn Kempten, abseits von Spielzeug, gibt es noch nicht - kann es noch nicht geben, zu früh ist man bisher im Stadium der Planungen. Und soll es auch noch nicht geben, wie aus dem Rathaus zu hören ist: "Wir gehen jetzt ganz sachlich an die Gesamtthematik ran." Bei einem konkreten Verlauf mit betroffenen Grundstücken könne ja auch "schnell Ärger da sein".

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Ein erster Schritt für das Vorhaben wurde aber am Montag vollzogen. Für eine Studie zum Bau einer Stadtseilbahn hat Verkehrsminister Hans Reichhart (CSU) eine Förderung von 50 000 Euro zugesagt. Er übergab den Bescheid zusammen mit CSU-Fraktionschef Thomas Kreuzer im Kemptner Rathaus an Oberbürgermeister Thomas Kiechle. "Wir müssen beim Nahverkehr kreativer denken. Deshalb stehe ich Ideen für Seilbahnprojekte aufgeschlossen gegenüber", wird Reichhart zitiert.

Dieser Montag war ein Förderbescheidtag für den jungen Minister, wie man ihn in einem Ressort für Verkehr, Bau und Wohnen häufig genießen kann. Nach Kempten ging es zum Airport Memmingen, wo vor allem die Verbreiterung der Start- und Landebahn gefördert wird, dann in den Markt Türkheim, der sich über Geld für ein Bürgerhaus freuen kann. Mit dem Seilbahn-Projekt setzt der Freistaat gleichwohl auf ein Thema, das regelmäßig in Kommunen auftaucht und gerne als Königsweg für die künftige Verkehrsentwicklung gepriesen wird.

Es blieb jedoch bis dato bei Gedankenexperimenten: weil Seilbahnen laut Experten auch ihre Nachteile haben, auf längeren Strecken sind S- oder U-Bahnen im Vorteil, auf kurzen oder bei nur wenigen Passagieren Busse. Und weil man sich das als Kommune erst mal trauen muss - wegen der Kosten und wegen erwartbaren Gegenwinds. Seilbahnpfeiler brauchen Fläche, zudem will niemand das Gefühl haben, ihm glotzen Passagiere von der Gondel aus ständig ins Schlafzimmer.

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Um den Nahverkehr im Stadtkern zu entlasten, wünscht sich Kempten die Beförderung in der Luft, möglicherweise vom Jahr 2025 an. In einer Kosten-Nutzen-Analyse soll zunächst die Realisierbarkeit geprüft werden. Ein Bau würde laut Schätzung der Stadt einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag kosten. Kempten ist im Zentrum durch historische Bauwerke und mitunter enge Straßenzüge geprägt. Die Verkehrsführung ist komplex, zudem teilt die Iller Kempten in zwei großräumige Areale. Durch die Seilbahn könne der Individualverkehr, aber auch mancher Bus überflüssig werden, heißt es. Wegen der örtlichen Gegebenheiten sei zum Beispiel eine weitere Taktverdichtung im ÖPNV kaum mehr möglich. Tickets für die Seilbahn könnten preislich den Bustickets entsprechen.

Als Gründe für das Projekt werden auch Klimaschutz und die geringe Lärmbelastung genannt. Näheres sollen Experten in der Studie erörtern, die der Freistaat jetzt unterstützt. Sollte es zum Projekt kommen, hofft Kempten auch für die Umsetzung mit einem Investitionszuschuss, wie OB Kiechle bei der Vorstellung erster Pläne im April sagte. Auch wenn noch keine Details feststehen, einen Spitznamen soll es in der Stadt laut Bayerischem Rundfunk bereits geben: "Zahnspange Kemptens".

Vergangenes Jahr legte das Verkehrsministerium einen Leitfaden für die Entwicklung von Seilbahnen an urbanen Standorten auf, mit grundlegenden Tipps für Kommunen zu Planung, Technik, Förderung und Betrieb. "Es geht um eine Trendwende: Statt an Stau und Stillstand zu denken, müssen Bewegung und Begeisterung im Vordergrund stehen", hieß es darin. Denn insbesondere in Ballungsräumen stoße die Infrastruktur immer mehr an Grenzen. Alleine der Personenverkehr in Bayern soll demnach bis 2030 um rund ein Viertel zunehmen. Die Stadt München wartet derzeit ebenfalls auf die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie für ein Seilbahnprojekt. Ernsthaft über eine solche Innovation debattiert wurde in der Vergangenheit auch schon in Würzburg sowie in Ingolstadt - dort hatten Studenten der Technischen Hochschule 2017 ein Konzept entwickelt und dem Stadtrat präsentiert.

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