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NS-Zeit in Kempten:"In dem Bereich wissen wir noch viel zu wenig"

Der Platz vor dem Jägerdenkmal in Kempten wurde 1933 in Adolf-Hitler-Platz umgewidmet.

(Foto: Wikipedia)

Experten sollen die Rolle der Stadt Kempten während des Nationalsozialismus untersuchen und Empfehlungen an die Politik abgeben.

Von Florian Fuchs, Kempten

Kempten arbeitet die Rolle der Stadt in der NS-Zeit auf und hat dafür nun einen Plan vorgelegt. Zum einen will die Stadt eine Kommission ins Leben rufen, die die örtliche Erinnerungskultur beleuchten soll: Wie will Kempten mit den Ereignissen seiner Geschichte umgehen? Zum anderen sollen vor allem Experten die Rolle der Stadt im Nationalsozialismus untersuchen. "Das ist ungleich schwieriger und in dem Bereich wissen wir noch viel zu wenig", sagt Kulturamtsleiter Martin Fink. In der Stadt gebe es einen fraktionsübergreifenden Konsens, die Thematik nun anzupacken.

Ausgelöst hat die Diskussion über die Rolle der Stadt in der NS-Zeit ein Vortrag von Martina Steber im Sommer. Die stellvertretende Leiterin der Forschungsabteilung München des Instituts für Zeitgeschichte hatte gefordert, "einen frischen Blick" auf die NS-Zeit der Stadt zu werfen, die bislang unzureichend aufgearbeitet sei. Es sei in kleinen und mittelgroßen Orten nicht ungewöhnlich, dass 75 Jahre nach Kriegsende noch keine differenzierte Aufarbeitung stattgefunden habe. So stehen in Kempten beispielsweise bei Otto Merkt in der Rückschau stets die Verdienste um die Stadt im Vordergrund: Merkt war lange Zeit Oberbürgermeister Kemptens und hat die Region positiv geprägt, er war aber auch ein Anhänger nationalsozialistischer Ideen zur Rassenhygiene.

Im Fall des ehemaligen Heimatforschers und Gymnasiallehrers Richard Knussert hat die Stadt entschieden, die Knussertstraße umzubenennen. Knussert soll noch in den 1950er-Jahren im Unterricht das NS-Regime verteidigt und die Judenvernichtung geleugnet haben.

Was die Erinnerungskultur im Ort betrifft, so soll eine Kommission nicht nur aus Oberbürgermeister, Verwaltung und Experten bestehen, sondern auch aus Vertretern von Vereinen. Vorschläge von Bürgern sind ebenso gefragt. Die Kommission für Erinnerungskultur soll über Werte und ethische Grundlagen des Erinnerns diskutieren und Empfehlungen an die Stadtpolitik abgeben. So sollen unter anderem Straßennamen der Stadt auf Belastungen untersucht werden. Die Kommission soll sich dabei nicht nur auf die Zeit des Nationalsozialismus beschränken. Beim Komplex "Aufarbeitung des Nationalsozialismus" geht es laut Vorlage des Kulturamts weniger um konkrete Namen als darum, Prozesse und Strukturen aufzudecken und zu verstehen. Hierbei werden wissenschaftliche Forschungsprojekte oder auch Zeitzeugenprojekte eine Rolle spielen.

Kulturamtsleiter Fink zeigt sich "sehr zufrieden" darüber, dass die Stadt den weitgehend blinden Fleck in ihrer Historie nun angeht. Beim Thema "Erinnerungskultur" hofft er schnell loslegen zu können. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus bedarf mehr Planung und größerer Finanzmittel, etwa für umfassende Forschungsarbeiten. "Wir hoffen, dass wir neben der Finanzierung durch die Stadt auch externe Mittel anwerben können, um das Projekt voranzubringen."

© SZ vom 27.10.2020/wean

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