Die Stimmung ist ganz offensichtlich schon länger nicht mehr gut, dabei waren die Angeklagten seit 2014 verheiratet. Aber hier, auf der Anklagebank im Landgericht Kempten, sprechen sie sich gegenseitig nur mit Nachnamen an, seit August 2025 sind sie getrennt. Als der Angeklagte seiner Ex dann auch noch vorwirft, sie sei am Ende die treibende Kraft hinter dem Münzdiebstahl aus Parkautomaten gewesen, da läuft sie rot an im Gesicht, wippt vor und zurück auf ihrem Stuhl – und schüttelt vehement den Kopf.
Mehr als 1,9 Millionen Euro soll das Paar seit dem Jahr 2015 aus Parkscheinautomaten in Kempten gestohlen haben – und nicht nur die Bürger der Stadt fragen sich seit den Verhaftungen im November: Wie konnte es über Jahre nicht auffallen, dass solch enorme Summen abgezweigt werden? Den umfangreichen Aussagen der Angeklagten jedenfalls ist zu entnehmen, dass im für die Leerung der Parkautomaten zuständigen Bauhof die Dokumentationspflichten nicht allzu ernst genommen wurden.
Um 1,34 Millionen Euro geht es zum Prozessauftakt. Diesen Betrag sollen die Angeklagten zwischen 2020 und 2025 entwendet haben. Der restliche, davor entstandene Schaden ist bereits verjährt, soll aber von der Justiz ebenfalls eingezogen werden. Die große Frage im Vorfeld des Prozesses, wie der Bauhofmitarbeiter all die Jahre an den Schlüssel zur Öffnung der Geldkassetten rankommen konnte, beantwortete der Angeklagte recht simpel: „Die Schlüssel konnte sich jeder aus dem Tresor nehmen.“
Der 40-Jährige sagt umfangreich aus, er antwortet detailliert auf Nachfragen des Gerichts. Demnach hat er zunächst öfter etwas Kleingeld aus sogenannten Münzstaus mit nach Hause genommen. Bis sich die Beträge immer weiter steigerten. „Irgendwann war es ein Selbstläufer, eine Spirale.“

Mittwoch sei der reguläre Tag gewesen, an dem die Mitarbeiter des Bauhofs die Parkscheinautomaten entleerten. Immer am Dienstagabend, erläuterte der Angeklagte, habe er im Computersystem nachgesehen, welche Automaten mit mehr als 800 Euro gefüllt seien, diese wurden geleert. An den übrigen Wochentagen sei er aber auch zu Automaten gefahren, die eine Störung hatten.
Gerade bei der Reparatur der Störungen habe er immer wieder Automaten entleert, das Kleingeld gemeinsam mit seiner Frau dann in Säcken zur Bank getragen oder in sogenannten Coinstar-Automaten von Supermärkten eingezahlt, um dafür Wertbons zu erhalten. Die Quittungen der Parkscheinautomaten habe er weggeworfen – womit das Geld nie eingebucht worden sei.
Unser Lebensstandard war sehr hoch, wir haben alles ausgegeben.Angeklagte
Als Zeugen geladene, weitere Bauhofmitarbeiter können sich nicht erklären, wie der Angeklagte dauerhaft an einen Schlüssel gelangen konnte, mit der man die Geldkassetten öffnet. Einfach aus dem Tresor zu entnehmen waren sie demnach wohl nicht. Die Frage bleibt im Prozess zunächst ungeklärt. Fehlbeträge aus den Automaten seien auch ab und an aufgefallen, selbst die örtliche Sparkasse habe von dem angeklagten Paar Erklärungen verlangt, wieso immer wieder Münzgeld eingezahlt wird. Der Bankmitarbeiter, erzählt der Angeklagte, habe sich jedoch mit Ausflüchten zufriedengegeben.
Dass die Quittungen von den Entleerungen der Parkscheinautomaten eine fortlaufende Nummerierung haben, ist im Bauhof erst nach den Verhaftungen der Angeklagten aufgefallen. Hätten diese Nummerierungen dokumentiert werden müssen, wäre der jahrelange Diebstahl bald aufgefallen, so aber bemerkte niemand, dass Geld und Quittungen schlicht fehlten und nie ins Computersystem gelangten.
Das angeklagte Paar hat die Tat am Dienstag vollumfänglich gestanden, das Gericht hat zwei weitere Verhandlungstage angesetzt. Das Geld jedoch ist weg. „Unser Lebensstandard war sehr hoch, wir haben alles ausgegeben“, das gibt auch die 39 Jahre alte Angeklagte zu. Einen Pferdehof hätten sie sich geleistet, teure Autos, Taschen, Schuhe, Kleidung. Selbst die Verwandtschaft habe profitiert, die geholfen habe, das Münzgeld bei der Bank einzuzahlen, und dafür Geld und Sachleistungen von den Angeklagten erhalten habe.
Selbst als die Beziehung im August 2025 am Ende war, berichtet der 40-Jährige, habe er seiner langjährigen Partnerin noch einmal ein Trennungsgeld überreicht: 15 000 Euro in Münzen.


