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Kelheim Fibres:"Wir haben uns nur behaupten können, weil wir Spezialprodukte machen"

Kelheim Fibres - honorarfreies Pressefoto

Kelheim Fibres: Hier werden Viskosefasern nach den Wünschen der Kunden hergestellt.

(Foto: stefankiefer.com)

Ob Teebeutel oder Tampon: In vielen Produkten stecken Viskosefasern. Dass diese oft vom Weltmarktführer aus Kelheim stammen, wissen indes nur wenige. Ein Besuch.

Von Maximilian Gerl

Das Produkt passt in ein großes Einmachglas. Wie ein Fetzen gewöhnlicher Wolle ist es darin eingesperrt. Matthew North holt etwas davon aus dem Glas, in der Hand zerfällt es fast von allein zu einzelnen Fäden. Ein sehr unscheinbares Produkt also, das geben auch seine Produzenten zu. "Wenn ich ein Auto herstelle, dann kann ich dazu etwas präsentieren", sagt North. "Aber hier haben wir wirklich etwas, das einfach aussieht."

Das vermeintlich Einfache ist Ergebnis eines komplexen Prozesses. Viskosefasern gelten als natürliche Alternative zu Baumwolle und Kunstfaser; Wolle aus Holz sozusagen, frei von Erdöl, dafür aus nachwachsender Quelle. Aus ihnen lassen sich Hygienetücher, Teebeutel oder Tampons fertigen. Dass diese Viskosefasern oft aus Niederbayern kommen, wissen außerhalb Kelheims aber nur wenige Menschen.

Tobias Westner und Horst Wörner von der Firma Kelheim Fibres.

(Foto: Maximilian Gerl)

Das vermeintlich Einfache entsteht am Ufer der Donau, irgendwo hinter den Klinkermauern rauscht sie vorbei. North - Brite und Bayer - ist Vertriebschef von Kelheim Fibres. Er sitzt in einem Konferenzzimmer, das Bibliothek heißt, der alten Chemiewälzer im Regal wegen. Auch Chemieingenieur Horst Wörner und Personalchef Tobias Westner sind gekommen. Ihr Arbeitgeber gehört zu den Überbleibseln der einst mächtigen Textilindustrie in Bayern. "Wir haben uns nur behaupten können, weil wir Spezialprodukte machen", sagt North. Heute ist das Unternehmen Weltmarktführer im Bereich der Tampon- und Körperpflegefasern. Andere Fasern gehen in die Papier- und Vliesstoffindustrie.

Westner sagt, er zupfe sich schon mal einen Flusen aus dem Ärmel, wenn er von Leuten gefragt werde, was seine Firma mache. Dabei ist Viskose eigentlich nichts Neues, das Verfahren erprobt, der Grundstoff Zellulose leicht zu bekommen und biologisch abbaubar - anders als zum Beispiel die Millionen Tonnen Plastik, die in den Ozeanen herumschwimmen, mit Abbauzeiten von 100 Jahren und länger, sagt Wörner. "Letztlich defragmentieren die ja immer weiter", in immer kleinere Stückchen. Kompliziert wird es mit der Viskose, sobald sie für einen bestimmten Zweck optimiert werden soll. Genau das passiert in Kelheim.

Die Fasern werden nach Kundenwünschen entwickelt und gesponnen. Der innere Aufbau der Fäden bedingt dabei wesentlich die Eigenschaften des späteren Produkts. Hygienetücher zum Beispiel, die aus Fasern mit länglichem Querschnitt gefertigt wurden, zerkleinern sich schneller in Wasser - so verstopfen sie keine Pumpen, falls sie in der Toilette landen. Für die Abwasserzweckverbände sei das ein Riesenthema, sagt Wörner. Andere Fasern sind hohl, dritte offenbaren unter dem Mikroskop einen dreieckigen Querschnitt.

North verabschiedet sich in eine Besprechung. Westner und Wörner führen übers Firmengelände. Hoch ragt der Kamin in der Mitte auf. Früher konnte man von der Kantine aus die Befreiungshalle sehen, heute sind es Lagerhallen. Der verfügbare Raum wird durch Donau und Hauptstraße begrenzt, also wächst die Fabrik in die Höhe. Manche Bauten stammen noch aus den 1930er Jahren, der Gründungszeit. Nazi-Deutschland setzte auf Viskosefaser, um von Wolle aus dem Ausland unabhängig zu werden.

Kelheim Fibres - honorarfreies Pressefoto

Viskosefasern gelten als natürliche Alternative zu Baumwolle und Kunstfaser - Wolle aus Holz quasi, frei von Erdöl.

(Foto: Stefan Kiefer/Kelheim Fibres/oh)

In der Nachkriegszeit wechselte das Werk mehrmals Name und Besitzer, wurde zeitweise dem Hoechst-Konzern eingegliedert. 2004 übernahm mit der Equi-Fibres Beteiligungs-GmbH ein Investor. In einer Halle sind Handwerker zugange. Sie beheben die letzten Schäden, die ein Brand im vergangenen Jahr auf dem Gelände verursacht hat. Bilder in der örtlichen Presse zeigen Rauchwolken über dem Ortsteil Affecking. Der Unfall endete glimpflich, ein Mann wurde laut Berichten wegen leichter Atembeschwerden behandelt.

Die Produktion selbst passiert in einem Stahlgewirr aus Röhren und Tanks. Mancherorts gewähren Fenster einen Blick ins Innere. Verschiedene Prozesse müssen genau ineinander greifen. Vereinfacht wird zuerst der Grundstoff Zellulose aus Holzplatten ge- und in Lauge aufgelöst. Das Holz stammt nach Unternehmensangaben aus nachhaltiger Forstwirtschaft. Es entsteht eine an Honig erinnernde, zähe Masse. Kommt sie mit Säure in Kontakt, regeneriert sich die Zellulose in Sekundenbruchteilen zu einer Faser. Wie ein nach oben fließender Wasserfall sieht das dann aus, der sich zur Spitze mehr und mehr verjüngt, bis er sich dort in ein Band verwandelt hat. In dem Moment wird auch der Querschnitt der Faser definiert. Am Schluss walzen und schneiden Maschinen die Fasern zu und verschnüren sie für den Versand zu schweren Ballen.

Die Jahresumsätze von Kelheim Fibres bewegen sich zwischen 180 bis 200 Millionen Euro. Die Firma beschäftigt rund 500 Menschen, darunter Chemiefacharbeiter, Industrieelektroniker und Labortechniker. Das ist viel für Kelheim und wenig in Weltmarktmaßstäben. Trotzdem ist die Konkurrenz überschaubar. Wörner sagt, viele Hersteller führen Produktionslinien mit 180 000 Jahrestonnen, während es in Kelheim auch mal 5000 seien. Für Wettbewerber mit großen Anlagen rentieren sich solche kleinen Mengen nicht, das kommt den Kelheimern entgegen.

Genauso wie der Zeitgeist. Klimaschutz und Ressourcenschonung spielen eine große Rolle. Das zwingt Firmen zum Umdenken und teils auch zum Umstellen ihrer Prozesse, zum Beispiel eben auf Viskosefaser. Entsprechend gern verweist die Firma auf die Nachhaltigkeit ihres Produkts - und die eigene. So fließt der im eigenen Kraftwerk erzeugte Dampf zuerst ins Spinnbad in der Fertigung, dann als Abluft in die Schwefelsäureanlage und von dort wieder als Dampf zurück ins Werk. Auf Wachstumsfragen reagiert Westner bescheiden. Man wolle der eigenen sozialen Verantwortung gegenüber Kelheim gerecht werden, sagt er. Und: "Wir wollen kein Personal aufbauen, aber auch keines abbauen".

© SZ vom 02.01.2020/vewo
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