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Kelheim:Mann mit Steherqualitäten

Humorbegabt: Martin Neumeyer habe sich für das Foto aus den Wahlkampfbussen "vorher extra kampelt".

(Foto: privat)

Der Integrationsbeauftragte Martin Neumeyer tritt für die CSU bei der Landratswahl in Kelheim an. Bereits zum dritten Mal

Von Wolfgang Wittl, Kelheim

Es ist ein ungewöhnlicher Wahlkampftermin, also wie gemacht für Martin Neumeyer. Früher Montagabend, eine Bockerlbahn ächzt durchs niederbayerische Labertal, die gut 50 Passagiere stehen so dicht beisammen wie in der Münchner U-Bahn. Der Kandidat sitzt mitten im Waggon, links und rechts von ihm Menschen, vor ihm und hinter ihm, aber schon zwei Meter weiter ist kein Wort mehr zu verstehen. Egal. Hier im Zug kennen Neumeyer sowieso alle. Nur wählen sollen sie ihn nun auch - und zwar nicht wieder in den Landtag, sondern endlich zum Landrat.

Am 18. September bekommt der Landkreis Kelheim einen neuen Landrat, so viel steht bereits fest. Amtsinhaber Hubert Faltermeier (Freie Wähler) wird nach 24 Jahren nicht mehr antreten. Zweimal hat CSU-Mann Neumeyer sich an ihm erfolglos abgearbeitet, 1998 und 2010. Doch jetzt ist seine Zeit gekommen, zumindest aus Sicht von Barbara Stamm: Neumeyer sei "der Richtige" für diesen Landkreis, schwärmt die Landtagspräsidentin. Sie ist eigens zur Urlaubszeit angereist, um ihren Freund zu unterstützen. "Aus Liebe heraus" trete Neumeyer an, "aus Leidenschaft für die Menschen". Und, was Stamm nicht sagt, auch zu einem erheblichen Teil aus Pflichtgefühl gegenüber seiner Partei.

Eigentlich hat Neumeyer, 61, sein politisches Glück längst woanders gefunden. Seit sieben Jahren ist er der Integrationsbeauftragte der Staatsregierung, vor einem Jahr holte Ministerpräsident Horst Seehofer ihn sogar in die Staatskanzlei. Ein "Sicherheitsrisiko", scherzte Seehofer, doch wer seinen Humor kennt, weiß, dass darin oft Wahrheit mitschwingt. Neumeyer zählt zu den Unkonventionellen in der CSU, zu den Unberechenbaren, die sich mehr als andere eine eigene Meinung leisten - und das auch noch auf dem heiklen Feld der Flüchtlingspolitik. Anfangs wurde der Posten als Austragsstüberl missachtet, gut genug für den Niederbayern Neumeyer, der in der Partei ob seiner interkulturellen Kontakte früh als "Türken-Martin" belächelt wurde. Mittlerweile gehört er zu den gefragtesten Köpfen der CSU. Die Vorbehalte von Parteifreunden sind trotzdem geblieben, aber harmlos verglichen mit dem, was Neumeyer aus der Bevölkerung zu hören bekommt.

Wüste Beschimpfungen, Morddrohungen - Neumeyer hat gelernt, damit umzugehen. Als eines Tages ein besonders übles Fax einging, schrieb er einfach zurück. Der Adressat war zwar wie erwartet nicht zu erreichen, doch Neumeyer hätte gerne mit ihm diskutiert. "Lasst uns reden", so lautet sein Prinzip, und nur so ließen sich Vorurteile abbauen. Auch in der CSU habe man das Thema Integration lange nicht sehen wollen. Nun ist es allgegenwärtig, dennoch vermochte Neumeyer seinen Status als Außenseiter nicht abzulegen. Als er zuletzt beim Integrationsgesetz mehr positive Anreize für Flüchtlinge forderte, bekam er ein schroffes Echo zu hören. Er sagt aber auch, wer hier ins Land komme, müsse "nach unseren Regeln leben, nicht der Scharia". Neumeyer gehört zu jener seltenen Spezies CSU-Politiker, die auch Vorschläge der Opposition loben kann. Andererseits hält er seinen Kurs. Als er das Sommerfest des umstrittenen türkischen Kulturzentrums München besuchte, setzte es von SPD und Grünen harsche Kritik. Neumeyer folgte der Einladung auf seine Weise: Er sprach über Demokratie und brachte seinen Lies-Stand mit, in Anlehnung an salafistische Lies-Kampagnen, nur verteilte er das Grundgesetz. In der Politik müsse man eben stets im Dialog bleiben, sagt Neumeyer. Und Steherqualitäten haben.

Die wird er auch im Landratswahlkampf benötigen. Weil andere CSU-Kandidaten entweder nicht zogen oder zu jung und nicht vermittelbar waren, muss er als Kelheimer Kreisvorsitzender selbst wieder ran. Damit fügt er sich dem Wunsch seiner Partei. Diesmal gilt Neumeyer als Favorit, bei sechs Mitbewerbern dürfte es allerdings zur Stichwahl kommen. Der CSU liegt jedenfalls einiges daran, den prosperierenden Landkreis in der Mitte Bayerns wieder zu erobern. Auch Seehofer und Markus Söder werden noch Termine absolvieren, Neumeyer hat sogar einen Imagefilm produzieren lassen, der bereits Zehntausende Klicks hat. Zu seinen Stärken zählt sein Humor, seine Grußworte beim Gillamoos-Volksfest bringen oft mehr Stimmung ins Bierzelt als die Hauptredner. "Super" sähen die Wahlkampfbusse mit seinem Antlitz aus, witzelt der Mann mit dem Haarkranz zum Beispiel vor der Bockerlfahrt, "i hab mich vorher extra kampelt".

Am liebsten würde Neumeyer wohl beides: Landrat werden und Integrationsbeauftragter bleiben. Seehofer hat das bereits abgelehnt. Die Wahl ein drittes Mal zu verlieren, ist für den Mann aus Abensberg allerdings keine Option: "Ich will jetzt sakrisch gewinnen."

© SZ vom 24.08.2016

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