Süddeutsche Zeitung

Keine Medizin für krankes Kind:Guru von Lonnerstadt muss ins Gefängnis

Ein Junge leidet an einer schweren Krankheit, doch seine Mutter und deren Partner verweigern ihm aus religiösen Gründen die medizinische Behandlung. Nun hat das Landgericht Nürnberg beide wegen Misshandlung Schutzbefohlener verurteilt.

Das Landgericht Nürnberg hat den sogenannten "Guru von Lonnerstadt" und dessen Partnerin zu einer Freiheitsstrafe von jeweils drei Jahren verurteilt. Beide haben sich einer Misshandlung von Schutzbefohlenen schuldig gemacht, beide haben durch unterlassenes Handeln in Kauf genommen, dass ein 15 Jahre alter Jugendlicher in eine "potenziell lebensbedrohliche" Lage geraten sei, urteilte das Gericht. Der 15-Jährige leidet an Mukoviszidose, nahm aber keine Medikamente mehr ein. "Wenn Sie sich nur rudimentär um Ihren Schutzbefohlenen gekümmert hätten, dann hätten Sie dessen Zustand bemerkt", sagte der Vorsitzende Richter.

Das Gericht schloss sich damit weithin der Staatsanwaltschaft an, die für eine Haftstrafe von vier Jahren plädiert hatte. Solange Kinder noch Kinder sind, seien Eltern verantwortlich für deren Wohl. Es sei daher bereits am ersten Tag der Verhandlung klar gewesen, dass sich die Angeklagten strafbar gemacht hätten. Da hatten sie geäußert, sie hätten keinen Druck ausüben wollen auf die Kinder, damit diese sich einer Therapie unterziehen.

Gerade bei dem 15-Jährigen wäre dies aber zwingend notwendig gewesen: Er war 2002 bis auf 28 Kilogramm abgemagert. Mehrere Zeugen hatten geschildert, dass der Schüler kaum mehr laufen konnte in der Zeit und unter Atemnot gelitten habe. Laut einem Gutachter wäre der 15-Jährige wahrscheinlich innerhalb weniger Wochen gestorben, hätte ihn sein Vater nicht aus der Gemeinschaft bei Lonnerstadt herausgeholt. Der Grund für den schlimmen Zustand sei eindeutig die Absetzung der Medikamente gewesen. Dies hätten auch dazu geführt, dass die Lunge des Jungen irreversibel geschädigt worden sei.

70 Prozent Lungenfähigkeit waren ihm 1999 attestiert worden, nach drei Jahren Lonnerstadt waren es nur noch 30 Prozent. Die Mutter und ihr Partner, der sich selbst als "Oberhaupt der Familie" sah, seien am Zustand des 15-Jährigen zu gleichen Teilen schuld.

Verteidiger plädiert für Freispruch

Der Verteidiger des 55 Jahre alten "Lehrers für Weisheit", der sich selbst nicht als Guru bezeichnet wissen will, hatte dagegen für einen Freispruch plädiert. Zwölf Jahre nach den Vorfällen sei es dem Angeklagten schwer möglich, sich gegen die erhobenen Vorwürfe zu wehren. So sei es keineswegs so gewesen, dass Medikamente und das Inhaliergerät weggeworfen worden seien. Der 15-Jährige habe es vielmehr aus freien Stücken nicht genutzt.

Auch seien die belastenden Aussagen der Kinder offenbar maßgeblich durch eine Fernsehdokumentation zustande gekommen, in der die "Gutmütigkeit und Leichtgläubigkeit" der Angeklagten missbraucht worden seien. Auch die Anwältin der 48 Jahre alten Mutter hatte für einen Freispruch plädiert: Durch die "manipulative und suggestive" Fernsehberichterstattung seien die Angeklagten längst Opfer einer Vorverurteilung geworden. Auch habe die Mutter ihr eigenes "medizinisches Halbwissen" offenbar selbst geglaubt und sich auch selbst ohne Medikamente zu behandeln versucht.

Der Angeklagte hatte in einem Schlusswort dafür plädiert zu erkennen, dass es "viele Dinge zwischen Himmel und Erde" gebe, die Menschen nicht verstehen könnten. So hätte sich der schwer angeschlagene Körper des 15-Jährigen auch wieder selbst regenerieren können.

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Quelle:
SZ vom 05.08.2014
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