Keine Grundsicherung für Schwerstbehinderten Die Stadt kennt das Problem

Nun steht Ferdinand Schießl also mit einem vermeintlichen Vermögen da, das er nach dem Vertrag mit seiner Krankenkasse nicht für den Lebensunterhalt verwenden kann. Das aber gleichzeitig die Stadt dazu veranlasst, ihm die Förderung zu streichen, die er für seinen Lebensunterhalt braucht. Ihm geht das Geld aus. "Ich kann mir jetzt aussuchen, ob ich die Wohnung kündige oder ob ich nichts esse", sagt Schießl trocken.

Und was sagt das Sozialamt? Das Sozialamt hat ein Statement für die Presse vorbereitet. Inhalt: "Wegen bundesrechtlicher Vorgaben" könne die Stadt nicht helfen, Schießl dürfe nun mal nicht mehr als 2600 Euro auf dem Konto haben. "Nachdem selbstverständlich auch der Oberbürgermeister und die Sozialreferentin dieses Ergebnis unbefriedigend finden, wird sich Herr Oberbürgermeister Ude an den Deutschen Städtetag wenden, um über diesen eine Änderung der zugrunde liegenden gesetzlichen Vorgaben zu erreichen."

Aber berücksichtigt die Stadt bei ihrer Haltung auch, dass Schießls vermeintliches Vermögen zweckgebunden ist? Dass er damit nicht kaufen kann, was er will? Die Stadt bittet kurz um Geduld und antwortet am nächsten Morgen schriftlich. Ferdinand Schießl habe "den Ermittlungen des Amtes für Soziale Sicherung zufolge" ein frei verfügbares Vermögen, das reiche "für eine angemessene Lebensführung".

Letzte Lösung: Der Rechtsweg - aus eigener Tasche

Ende der Durchsage. Eine Lösung? Keine. Ferdinand Schießl müsste gegenüber seiner Krankenkasse schon vertragsbrüchig werden, wenn er mit dem, was die Stadt "Vermögen" nennt, Miete oder den nächsten Einkauf zahlt. Seine Anwältin Anja Bollmann sagt: "Man bringt Herrn Schießl in die Situation, dass er sich selbst schaden muss."

Auch die Vorlage "aller Arbeitsverträge mit Angabe der Vergütung" habe keine Bewegung in den Fall gebracht: Schießl steckt in der Sackgasse. Anja Bollmann muss ihm raten, eine Einstweilige Verfügung anzustrengen, sie sagt: "Die Stadt zwingt ihn auf seine Kosten den Rechtsweg einzuschlagen."

Schießl ist kein ängstlicher Typ. Er war früher Torwart und Kapitän des Elektrorollstuhl-Hockey-Bundesligisten Munich Animals, er war bei Podiumsdiskussionen, hat sein Leben für eine Fernsehdokumentation erzählt und ist hohen Politikern vor die Füße gefahren, um sie auf die Belange von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen.

Wenn er sich an sein selbstbestimmtes Leben klammert, dann auch deshalb, weil er den Raum braucht, um sich in die Gesellschaft einbringen zu können, Vorträge in Schulen zu halten und seine Kurse in Frosch-Atmung - in Atmen ohne Zwerchfell - zu geben. Aber jetzt hat er doch Angst, weil ihm die ganze Angelegenheit so willkürlich vorkommt. Und nicht nur er hat Angst. "Alle haben Angst, dass es ihnen auch so geht", sagt Schießl. "Irgendwas muss ja dahinterstecken. Entweder man will das Budget stürzen oder man will nichts mehr ausgeben für pflegebedürftige Menschen. Ich weiß es nicht."

Wer ihm jetzt was spenden will, den muss Schießl gleich enttäuschen. Spenden nimmt er nicht, sonst käme ja schon wieder was aufs Konto. Nur Protest helfe, sagt er. Und gegen die akute Not das Darlehen eines Freundes. "Ich muss mich noch mehr pleite machen, damit die von der Stadt einsehen, dass das Irrsinn ist, was die machen." Er hasst es, seine Freunde in die Sache mit reinzuziehen. Er schläft schlecht zurzeit. Ferdinand Schießl fragt sich, wie das sein kann, dass er von seinem Elektrorollstuhl aus um etwas bangen muss, das für die meisten anderen Menschen in der Stadt selbstverständlich ist: ums Überleben in Freiheit.