Katholische Kirche Finanzskandal in Eichstätt: "Vertrauen ersetzte Kontrolle"

Das Bischofshaus mit der Wohnung des Eichstätter Bischofs

(Foto: dpa)
  • Dubiose Darlehen für US-Immobilienprojekte haben der Diözese Eichstätt in Oberbayern einen Schaden in Höhe von bis zu 60 Millionen Dollar beschert.
  • Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt gegen den früheren Vermögensverwalter und den Investor unter anderem wegen Verdachts der Untreue und Korruption.
  • Weder eine interne Untersuchung noch drängende Nachfragen durch Wirtschaftsprüfer sollen die Beschuldigten davon abgehalten haben, weitere riskante Geschäfte zum Nachteil der Kirche abzuschließen.
Von Nicolas Richter, Katja Riedel und Jasmin Siebert, Eichstätt

Im Finanzskandal der Diözese Eichstätt sollen die Beschuldigten besonders dreist vorgegangen sein. Auch eine interne Untersuchung und drängende Nachfragen durch Wirtschaftsprüfer haben den damaligen Vermögensverwalter der Diözese und einen mit ihm bekannten Investor offenbar nicht davon abgehalten, weitere riskante Geschäfte zum Nachteil der Kirche abzuschließen. Dies geht aus der Strafanzeige hervor, die der Süddeutschen Zeitung, dem NDR und dem WDR vorliegt. Die dubiosen Darlehen für US-Immobilienprojekte haben der Diözese in Oberbayern einen Schaden in Höhe von bis zu 60 Millionen Dollar beschert.

Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt gegen den früheren Vermögensverwalter und den Investor unter anderem wegen Verdachts der Untreue und Korruption; beide Männer befinden sich in Haft. Der Vermögensverwalter hatte als Mitarbeiter der Diözese von 2014 an ungesicherte Darlehen für Bauprojekte in Amerika vergeben. Sein Vorgesetzter, der damalige Finanzdirektor, hatte die riskanten Geschäfte gebilligt, nach Angaben der Diözese allerdings ohne die wirtschaftlichen und rechtlichen Folgen zu begreifen.

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Im Herbst 2015 ordnete Bischof Gregor Maria Hanke an, die Finanzen seines Bistums professionell zu durchleuchten. Dabei stießen Wirtschaftsprüfer von Deloitte auf 30 riskante Darlehen für Projektgesellschaften in den USA. Als am 13. Mai 2016 ein interner Lenkungsausschuss für die Erstellung einer Bilanz tagte, monierten die Deloitte-Experten, dass die Finanzanlagen unerwartet komplex und vielschichtig seien. Der Vermögensverwalter der Diözese soll entgegnet haben, dass die Darlehen dem Standard entsprächen.

Trotz der offenkundigen Bedenken der Rechnungsprüfer soll der Vermögensverwalter zwei Wochen später, am 30. Mai, ein weiteres ungesichertes Darlehen in Höhe von fünf Millionen Dollar vergeben haben. Ein Jahr später konnte die Darlehensnehmerin nicht zurückzahlen und bat um Verlängerung. Als die Diözese ablehnte, droht die Firma mit einer erheblichen Schadenersatzforderung. Inzwischen geht die Diözese davon aus, dass sie den Betrag abschreiben muss. Besonders die Vorgänge um dieses Darlehen sprechen laut der Strafanzeige der Diözese für eine besondere "kriminelle Energie" der Beschuldigten.

Der Diözese zufolge soll der Vermögensverwalter auch versucht haben, die Aufklärung durch die Experten von Deloitte zu verhindern. Sollte die Untersuchung nicht beendet werden, werde er kündigen, soll er gedroht haben. Womöglich spekulierte er darauf, dass die Diözese zurückschrecken werde, aus Furcht, keinen Ersatz zu finden. Der Bischof aber entschied, ihn zu entlassen. Die Verteidiger der beiden Beschuldigten wollen weiterhin nicht zu den Vorwürfen Stellung nehmen.

Für die Überweisungen nach Übersee musste der Vermögensverwalter von 2014 bis 2016 jeweils nur eine zweite Unterschrift einholen - die des Finanzdirektors. Die Diözese geht nicht davon aus, dass der damalige Finanzdirektor, ein Geistlicher, kriminell gehandelt hat. Er stehe nicht unter Verdacht, sagte Ulrich Wastl, der Anwalt der Diözese, und fügte hinzu: "Vielleicht wurde er getäuscht." Generalvikar Isidor Vollnhals sprach von einer "schmerzlichen Erfahrung".

Das Vertrauen sei schwer enttäuscht worden. Der Diözesanvermögensverwaltungsrat, ein Aufsichtsrat, soll von den Investitionen in Übersee ebenfalls nichts gewusst haben. Seine Aufgabe, erklärte die Diözese, sei es lediglich gewesen, den Haushalt zu verabschieden.

Die Diözese hat bereits Konsequenzen gezogen. Sie hat als neuen Finanzdirektor Florian Bohn bestellt, der über Managementerfahrung im Mittelstand verfügt. Auch der Vermögensverwaltungsrat wird mit Experten besetzt. Die Aufsicht soll deutlich verbessert werden. "Wir haben zu lange an kirchenüblichen Strukturen festgehalten. Vertrauen ersetzte Kontrolle", sagte Wastl. Künftig solle gelten: "Vertrauen lässt auch Kontrolle zu."

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