Katholische Kirche:Bistum Eichstätt sieht sich als Opfer im Finanzskandal

Diözese Eichstätt informiert über Finanzskandal

Rechtsanwalt Ulrich Wastl (links) und Generalvikar des Bistums Eichstätt, Isidor Vollnhals, kündigen für die Zukunft an: "Vertrauen lässt auch Kontrolle zu."

(Foto: dpa)
  • 31 Darlehen in Höhe von etwa 50 Millionen Euro hat das Bistum Eichstätt in dubiose Immobiliengeschäfte in den USA investiert. Zwei davon wurden bisher zurückgezahlt.
  • Fehlende Kontrollen und mangelhafte Strukturen haben die Veruntreuung der Gelder begünstigt.
  • Pensionen, Sozialleistungen oder aktuelle Projekte seien in keinster Weise gefährdet, betont die Diözese.

Von Jasmin Siebert

Die Diözese Eichstätt hat am Dienstag weitere Details zum neuen Finanzskandal in der katholischen Kirche bekannt gegeben. Bis zu 50 Millionen Euro könnte sie durch dubiose Darlehen für Immobilienprojekte in den USA verlieren. "Wir sind Opfer und nicht Täter", sagte der Münchner Rechtsanwalt Ulrich Wastl. Die Diözese hatte seine Kanzlei im Zuge der im Herbst 2015 gestarteten Transparenzinitiative der deutschen Bischöfe damit beauftragt, die kirchlichen Finanzgeschäfte zu untersuchen.

Die 60 Millionen US-Dollar sind etwa ein Sechstel des Geldes, das die Diözese für Finanzanlagen vorsieht. Welchen Anteil am kompletten Vermögen des Bistums Eichstätt das ausmacht, ist noch nicht bekannt. Zahlen zum Vermögen der Diözese sollen erst bei der Bilanz-Pressekonferenz am 30. Juni genannt werden. Die 60 Millionen US-Dollar oder knapp 50 Millionen Euro waren in 31 Darlehen an amerikanische Projektgesellschaften vergeben worden, die Grundstücke in Texas und Florida kauften, um darauf Immobilien zu errichten. Zurückgezahlt werden sollte das Geld jeweils erst nach zwei bis fünf Jahren - komplett und plus Zinsen von sieben bis zehn Prozent. Eine lukrative, jedoch nicht gesicherte Investition. Sollten die Immobilienprojekte scheitern, wäre auch das Geld der Kirche verloren.

Dass sie zumindest einen Teil des Geldes nicht mehr zurückbekommen wird, damit rechnet die Erzdiözese Eichstätt inzwischen fest. Wie groß der Verlust am Ende sein wird, ist noch nicht absehbar, denn noch laufen die meisten Darlehen. Erst 21,5 Millionen US-Dollar der 60 Millionen waren bereits überfällig. Zurückgezahlt wurden nur zwei Darlehen: eines in Höhe von etwa 400 000 Euro, das andere waren knapp 1,5 Millionen. Bei den noch ausstehenden Darlehen besteht die Chance, dass sie zumindest teilweise zurückgezahlt werden. Wastl betonte, dass sämtliche Millionen, die verloren gehen könnten, allein aus den Rücklagen der Diözese stammten. Pensionen, Sozialleistungen oder aktuelle Projekte seien in keinster Weise gefährdet.

Der beschuldigte Mitarbeiter, der die Darlehen vergab, musste für die Überweisung nach Übersee lediglich eine zweite Unterschrift einholen, die seines direkten Vorgesetzten. Das war der ehemalige Finanzdirektor Willibald Harrer - ein Geistlicher und kein Wirtschaftsexperte, der sein Amt Ende 2016 niederlegte. Er stehe nicht unter Verdacht, sagte Rechtsanwalt Wastl und fügt hinzu: "Vielleicht wurde er getäuscht." Auch Generalvikar Isidor Vollnhals spricht von einer "schmerzlichen Erfahrung". Das Vertrauen sei schwerwiegend enttäuscht geworden.

Der Diözesanvermögensverwaltungsrat, eine Art Aufsichtsrat, soll von den Investitionen in Übersee nichts gewusst haben. Seine Aufgabe sei es lediglich gewesen, den Vermögenshaushalt zu verabschieden, nicht jedoch, ihn zu kontrollieren.

"Es ist unser Auftrag, das Geld zu mehren"

Diese Details offenbaren, dass es auch die Strukturen waren, die die Veruntreuung der Gelder erst möglich gemacht haben. Das Kontrollgremium war machtlos und zum Teil von Geistlichen ohne wirtschaftliche Kenntnisse besetzt, die wie der ehemalige Finanzdirektor zugleich im operativen Geschäft tätig waren, so dass Ausführung und Aufsicht nicht hinreichend getrennt waren.

Diesen strukturellen Problemen soll nun durch eine Umstrukturierung der Finanzgremien begegnet werden. Auch sollen die Verantwortlichkeiten neu geregelt werden. Denn die Beschuldigten machten sich genau diese veralteten Organisationsstrukturen zunutze. "Wir haben zu lange an kirchenüblichen Strukturen festgehalten. Vertrauen ersetzte Kontrolle", so Wastl. Künftig solle gelten: "Vertrauen lässt auch Kontrolle zu." So sollen zum Beispiel künftig Wirtschaftsexperten über Investitionen entscheiden und in den Kontrollgremien sitzen.

Zugleich gilt in der katholischen Kirche auch weiterhin: "Es ist unser Auftrag, das Geld zu mehren." So soll es der Bischof zu Wastl gesagt haben. Dafür sorgen, dass kirchliches Vermögen nicht in Waffendeals oder anderen moralisch fragwürdigen Geschäften landet, sollen unabhängige Ratingagenturen, die Investitionen nach moralischen Grundsätzen prüfen.

Der Posten des Bau- und Finanzdirektors war nach Rücktritt des Domdekans Willibald Harrer vakant. Zum 1. April übernimmt ihn nun Florian Bohn. Der 39-jährige Ökonom aus Abensberg im niederbayerischen Landkreis Kelheim wird dann eigenverantwortlich das Diözesanvermögen verwalten und ist unmittelbar dem Bischof verantwortlich. Der Neubesetzung sei eine intensive Suche mit Hilfe einer Personalberaterin vorausgegangen, sagte Wastl. Schließlich sollte es ein Fachmann aus der Wirtschaftspraxis sein, der zugleich etwas mit christlichen Werten anfangen kann. "Es ist eine frohe Botschaft, dass ein aus meiner Sicht junger Mann aus der Region bei uns einsteigen will", sagte Generalvikar Vollnhals.

© sz.de/imei
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