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Karwendelbahn:Wenn Feinde feiern

Vor 50 Jahren wurde die Seilbahn in Mittenwald in Betrieb genommen. Die beiden Hauptgesellschafter sind einander in großer Abneigung verbunden.

Leonhard Meider streicht beiläufig über die Seilführung an dem großen Stahlrad und betrachtet seine Fingerkuppe. Gerade steht die Maschinerie still, hier unten in Mittenwald. Droben an der Bergstation, auf 2244 Metern Höhe, steigen die Fahrgäste der zweithöchsten Seilbahn Deutschlands ein und aus. Betriebsleiterin Birgit Bohne, die einigen Gästen die Technik erläutert, nutzt die Ruhe im Maschinenhaus für ein paar Worte zur Hydraulik. "Dieser Mann hat das konstruiert", sagt Bohne in ihrem niederösterreichischen Zungenschlag und zeigt auf Leonhard Meider. Der 81-Jährige kennt hier alles genau, aber er nimmt trotzdem gerne an Bohnes Führung teil. Er ist am Mittwoch aus Partenkirchen nach Mittenwald gefahren, weil seine Bahn ihren Fünfzigsten feiert. Bis zum Ruhestand war er hier 15 Jahre lang Vorstand, in einer Zeit, die sie hier als gute in Erinnerung haben. Aber diese Zeit ist seit einigen Jahren vorbei.

Leonhard Meider kann erzählen, wie alles begonnen hat, denn er war auch 1967 dabei, als die Bahn fertig gebaut wurde. Das Tragseil für die Materialseilbahn haben sie damals samt Winde durch das Dammkar hinaufgezerrt, von Hubschrauber-Transporten war keine Rede, sagt Leonhard Meider. Auch kaufmännisch war die Sache nie einfach. Denn die erste Karwendelbahn-Gesellschaft hatte der Münchner Großmetzger Hans Hoffmann schon 1954 gegründet, inspiriert von den vielen Skifahrern, die schon seit den Dreißigerjahren mit ihren Brettern über den Schultern in langen Schlangen zum Dammkar hinaufzogen. Hoffmann wollte zweieinhalb Millionen Mark in den Bau stecken, doch das Geld ging ihm schnell aus. Schließlich trieb der damalige Bürgermeister das fehlende Kapital in Mittenwald auf. Seither ist auch die Gemeinde an der Bahn beteiligt, die so wichtig für den Fremdenverkehr im Ort geworden ist. Größere Probleme macht diese mehr oder weniger unfreiwillige öffentliche-private Partnerschaft aber erst in den vergangenen paar Jahren. Denn dass sich der jetzige private Mehrheitseigentümer und die Gemeinde uneins sind, wäre stark untertrieben. Man sieht sich zwar in schöner Regelmäßigkeit und kurzen Abständen, aber das meistens vor irgendeinem Gericht.

Auch nach 50 Jahren ist die Karwendelbahn in Mittenwald nach wie vor die zweithöchste Seilbahn in Deutschland.

(Foto: Matthias Köpf)

Beim Festgottesdienst oben an der Bergstation bittet der evangelische Pfarrer darum, "dass auch in Mittenwald Probleme und Meinungsverschiedenheit sich durch Gottes Sanftheit immer wieder lösen". Mittenwalds Bürgermeister Adolf Hornsteiner, in Lederhose und Trachtenjoppe, schaut konsequent Richtung Altar. In der anderen Richtung steht in Anzug und Krawatte Patrick Kenntner, der nach eigenen Angaben erst vor ein paar Tagen wieder als Vorstand der Karwendelbahn AG bestätigt worden ist. An einen Handschlag ist nicht zu denken. Kenntner gehört zu einem kleinen Kreis von Menschen, die in verschiedenen Kombinationen an den Führungspositionen von allerlei Immobiliengesellschaften aus dem Firmengeflecht von Wilhelm Reich im baden-württembergischen Heidenheim auftauchen. Reich, der in Stuttgart schon zu einer Bewährungsstrafe wegen diverser Verstöße gegen das Aktienrecht verurteilt worden ist, hat seine Mehrheit von gut 40 Prozent an der Karwendelbahn AG vor einigen Jahren als Teil einer anderen Gesellschaft übernommen. Interne Auseinandersetzungen hatte es bei der Karwendelbahn zuvor auch schon gegeben, aber seit Reich an Bord ist, sind nicht nur die Arbeitsgerichte gut beschäftigt. Verhandelt werden etwa Fälle wie der, in dem ein Angestellter Kenntner in der Werkstatt absichtlich auf den Fuß gestiegen sein soll. Außerdem müssen immer wieder Gerichte entscheiden, zum Beispiel, wer mit welchem Recht Vorstand sei oder wer wann wem welche Zahlen vorzulegen habe. Bunte Neonröhren an dem 2008 gegen den Widerstand vieler Puristen ins Karwendel gewuchteten, fernrohrförmigen Informationszentrum erwiesen sich als Schwarzbau. Zuletzt erließ der Vorstand ein Hausverbot für Bürgermeister Adolf Hornsteiner, das rechtlich aber nicht standhielt. Auf der Gästeliste für die 50-Jahr-Feier stand Hornsteiner, dessen Gemeinde immerhin ein knappes Drittel der Aktien hält, nicht, aber zum Festgottesdienst ist er trotzdem hinaufgefahren.

Mann der ersten Stunde: Leonhard Meider war ganz am Anfang dabei und wurde später Leiter der Karwendelbahn.

(Foto: Matthias Köpf)

Wirklich investiert wird in die Bahn unter diesen Umständen nicht. Zwar wurden inzwischen immerhin die Tragseile neu verzogen, weil es anderenfalls keine Betriebsgenehmigung mehr gegeben hätte. Sonst ist die 50 Jahre alte Technik noch robust genug für weitere Jahre. Aber das Ambiente ist kaum mehr zeitgemäß, vor dem Technikraum herrscht Hinterhof-Atmosphäre. Für das, was gemacht wurde, fehlten teilweise Baugenehmigungen, ein neuer Balkon der Bahn ragt über ein Grundstück der Gemeinde, was diese auf keinen Fall hinnehmen will.

Leonhard Meider, der Vorstand aus den guten Zeiten, hat lang alle Artikel aus der Lokalzeitung über diese Scharmützel ausgeschnitten, sie füllen einen dicken Ordner, sagt er. Aber inzwischen mag er gar nichts mehr darüber lesen. Droben spricht Kenntner, der gerade wieder öffentlich einen Investitionsstopp verkündet hatte, von Ideen für weitere Attraktionen, es komme halt drauf an, was genehmigt werde. Zuletzt ist die Zahl der Hochzeiten und Versammlungen in der Bergstation laut Kenntner gestiegen, 65 000 Menschen pro Jahr nutzten die Bahn. Am Jubiläumstag sind nur ein paar Hundert hinzugekommen. Speziell die Einheimischen halten sich sehr zurück. Doch am Samstag und Sonntag gibt es noch einmal Führungen und Fahrten zum Sonderpreis. "Ich würde mir einfach wünschen, dass es hier weitergeht", sagt Betriebsleiterin Birgit Bohne.