Fastnacht Köln, Düsseldorf, Mainz? Die wahre Karneval-Hochburg ist Kitzingen

Das Fastnachtsmuseum in Kitzingen ist schon von außen ein Blickfang.

(Foto: David Ebener/dpa)

In dem kleinen Städtchen in Mainfranken liegt das kulturelle und historische Zentrum der deutschen Fastnacht - nun sogar mit eigener Akademie.

Von Uwe Ritzer

Eigentlich wollten sie an diesem Wochenende die offizielle Eröffnung feiern. Idealerweise am Sonntag, dem 11.11., einem magischen Datum für alle Karnevalisten, beginnt an dem Tag doch traditionell die Fastnachtszeit, wenngleich sie erst nach der Jahreswende richtig Fahrt aufnimmt. Aber, sagt Bernhard Schlereth, die Fastnachter seien gerade deswegen im Stress; schließlich müssen sie ihre Prunksitzungen, Bälle und Umzüge organisieren, Kostüme schneidern, Büttenreden und Gardetänze einstudieren. Also wird erst nach Aschermittwoch 2019 offiziell eröffnet, was baulich gerade fertig geworden ist: die Deutsche Fastnachtsakademie in Kitzingen.

Etwa 2,6 Millionen organisierte Karnevalisten gibt es hierzulande, und ihre Hochburgen liegen bekanntlich im Westen des Landes, in Köln, Düsseldorf oder Mainz. Das kulturelle und historische Zentrum der Narretei liegt jedoch in Kitzingen, einem 21 000 Einwohner zählenden Städtchen in Mainfranken.

Alles, was der Fasching braucht

Zwischen Einhornkostümen, Genschermasken und Furzkissen: Ein Besuch im Bamberger Kaufhaus der fünf Jahreszeiten ist ein Erlebnis der besonderen Art. Kinder nimmt man aber besser nicht mit. Von Johann Osel mehr ...

In einem mit knallbunten Masken bemalten, schmalen Altstadthaus, das sich jedoch weit nach hinten erstreckt, hat der Bund Deutscher Karneval (BDK) sein Zentralarchiv und das Deutsche Fastnachtsmuseum eingerichtet. Letzteres widmet sich dem Thema jenseits aller Klischees mit einem seriösen kulturhistorischen Ansatz sowie inhaltlich und didaktisch auf anspruchsvolle Weise. Und nun schließt sich unmittelbar die Fastnachtsakademie an, die aber auch den Kitzingern selbst für kulturelle Veranstaltungen offensteht.

Etwa 4,2 Millionen Euro hat das Fortbildungs-, Kultur- und Forschungszentrum gekostet, das besagter Schlereth initiiert und angetrieben hat. Auf 550 Quadratmetern können sich Karnevalisten beispielsweise als Büttenredner oder Tanztrainer aus-, beziehungsweise fortbilden, ihre Rhetorik trainieren oder sich in profanen Dingen schulen lassen, wie der rechtlich- und fiskalisch korrekten Verwaltung eines Vereins. Und was Schlereth besonders wichtig ist: "Wir wollen hier neben ganz praktischen Dingen auch ein geschichtliches und kulturelles Verständnis für das Brauchtum vermitteln." Also wird in und von Kitzingen aus auch wissenschaftlich gearbeitet, etwa in Zusammenarbeit mit den Universitäten im nahen Würzburg und in Bamberg.

Bernhard Schlereth, 66 Jahre alt, pensionierter Eisenbahner aus dem knapp 30 Kilometer entfernten Veitshöchheim, ehemaliger Tourismusreferent dort und langjähriger SPD-Kommunalpolitiker, ist eines der bekanntesten Gesichter im deutschen Karneval. Was weniger mit seinen Ämtern als langjähriger Präsident des Fastnacht-Verbands Franken (FVF), Vizepräsident des Bundes Deutscher Karneval (BDK) und Schatzmeister des europäischen Narrenverbands zu tun hat als vielmehr mit seiner häufigen Fernsehpräsenz.

Zielstrebig, geschickt und beharrlich entwickelte Schlereth federführend und in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk die "Fastnacht in Franken", die Prunksitzung des FVF, von einer Nischenveranstaltung zu einer der erfolgreichsten Karnevalsshows im deutschen Fernsehen. 4,21 Millionen Menschen sahen 2018 zu; seit Jahren erreicht keine TV-Sendung des BR höhere Einschaltquoten als die Live-Übertragung aus den Veitshöchheimer Mainfrankensälen. Folgerichtig verlängerten der Sender und die fränkischen Fastnachter am Freitag ihre Zusammenarbeit vertraglich um fünf Jahre.

Drei Jahre lang wurde der Nachfolger eingearbeitet

Als künstlerischer Berater wird Bernhard Schlereth dabei weiterhin eine zentrale Rolle spielen, auch wenn er seinen langjährigen Stammplatz in der Elferratsriege gleich neben Sitzungspräsident Bernd Händel verlassen und Marco Anderlik überlassen wird. Der 55-jährige Bankbetriebswirt aus Weidach im Landkreis Coburg hat Schlereth vor Kurzem als FVF-Präsident planmäßig abgelöst. Nach 15 Jahren und in bestem Einvernehmen. "Wenn man etwas, wie ich, schon so lange und mit Herzblut macht, dann muss man rechtzeitig dafür sorgen, dass es gut weitergeht", begründet Schlereth seinen Abschied. Drei Jahre lang hat er seinen Vizepräsidenten und designierten Nachfolger "an die Hand genommen und in alle Aufgaben eingearbeitet", wie Anderlik es beschreibt. Der attestiert seinem Vorgänger, ihm "einen absolut zukunftsfähigen Verband" hinterlassen zu haben. Er denke auch nicht daran, Bernhard Schlereth von fränkischen Fastnachtsbühnen zu vertreiben. "Ich wäre dumm, wenn ich seine Erfahrung, gerade auch was die Fernsehsitzungen angeht, nicht nutzen würde", sagt Marco Anderlik.

Zumal die Popularität speziell der "Fastnacht in Franken" nicht nur das Tourismusgeschäft in Veitshöchheim in den vergangenen Jahren erheblich befeuerte, sondern insgesamt das närrische Treiben im Franken - obwohl die Ureinwohner dort nicht gerade für überschäumendes Temperament bekannt sind. Etwa 200 Mitgliedsgesellschaften zählte der FVF zu Beginn von Schlereths Amtszeit vor 15 Jahren; inzwischen sind es 331, Tendenz steigend.

Dahinter verbergen sich etwa 80 000 organisierte Fastnachter, ein Viertel davon Kinder und Jugendliche. Auch Anderlik und seine Frau stießen einst zur organisierten Narretei, weil ihre fünfjährige Tochter beim örtlichen Fastnachtsverein in der Garde tanzen wollte. Wenige Jahre später war der Vater Vereinsvorsitzender und von 2001 an im Dachverband FVF aktiv.

Befreit von seinen Aufgaben als Verbandspräsident, will sich Bernhard Schlereth außer um die Fernseh-Fastnachtssendungen vor allem um die Weiterentwicklung von Museum und Akademie in Kitzingen kümmern. Über die schieren Besucher- und Nutzerzahlen hinaus sei es ihm "wichtig, den Menschen zu vermitteln, dass Fastnacht als Brauchtum schon immer eine gesellschaftliche und politische Bedeutung" hatte. Als die Jahreszeit nämlich, in der Menschen seit Jahrhunderten in andere Rollen schlüpfen, Obrigkeiten parodieren und verspotten, aufbegehren, aus dem Alltag ausbrechen und über die Stränge schlagen. Bevor sie dann die Fastenzeit einholt und Buße angesagt ist.

Monarchen, Revoluzzer und Tiefenentspannte

Bei der "Fastnacht in Franken" holt die Prominenz ihr bestes Gwand aus der Kostümkiste. Was wollen Politiker wie Markus Söder uns damit sagen? Ein Interpretationsversuch. mehr...