Karin Stoiber Seine bessere Hälfte

Über ihren Mann kann man streiten. Über sie nicht. Karin Stoiber hat den Teil des Amtes erledigt, den der Ministerpräsident nicht ausfüllen konnte - und hat sogar die politischen Wunden gelindert, die ihr Mann schlug.

Von Annette Ramelsberger

Wollte man all die Jahre wissen, wie es um Edmund Stoibers Seelenleben bestellt war, empfahl es sich, nicht ihn selbst zu fragen. Sehr viel aufschlussreicher war es, seine Frau zu studieren. Denn durch Karin Stoibers Augen konnte man bis ins Herz von Edmund Stoiber blicken. Karin Stoibers Gesicht strahlte, als ihr Mann ein energiegeladener Ministerpräsident wurde, es wärmte ihn, als er Bayern nur noch auf der Überholspur regierte, und auch in Zeiten höchster politischer Not war klar, wie es tief drinnen bei Stoibers aussah: Karins eisiger Blick auf die Landrätin Gabriele Pauli beim Neujahrsempfang im Januar sagte alles, was über die Verwundung Stoibers zu sagen war.

Tatsache, Edmund Stoiber konnte auch locker und sympathisch wirken, wenngleich er sinnlose Vergnügungen eher mied. Bei seinem jüngsten Besuch in Paris 2007 unternahm er mit seiner Frau immerhin eine nächtliche Bootsfahrt auf der Seine.

(Foto: Foto: dpa)

Karin Stoiber stand da an der Seite ihres Mannes, in einem perlenbestickten, eleganten Kleid, eine makellose Grace Kelly der CSU. Egal ob sie mit dem japanischen Kaiser über Feuerquallen parlierte oder auf dem Oktoberfest die Maß stemmte: Was sie machte, machte sie perfekt. Doch Glanz und Eleganz überspielten einen lebenslangen Kampf.

Den Kampf der Karin Stoiber um ihre Familie, um ihren Mann, um ein Familienleben - abgetrotzt einer Politikmaschine, die die Familie fest im Griff hatte. Nur ganz selten hat sich Karin Stoiber Gefühle erlaubt, die nicht mit denen ihres Mannes in Einklang standen.

Der 11. Januar 2002 war so ein Tag. Jener Tag, an dem Angela Merkel zum Frühstück nach Wolfratshausen kam und danach Stoiber zum Kanzlerkandidaten der Union ausrief. Am selben Abend war wieder einmal Neujahrsempfang in der Münchner Residenz, der Kandidat machte bereits einen Witz Richtung Kanzlerschaft: Das Grundstück, auf dem das Kanzleramt stehe, habe mal Bayern gehört. Alles lacht. Karin Stoiber lacht nicht. Sie steht da wie von einer Last beschwert. Sie blickt durch den Saal in weite Ferne. Ihr Kinn zittert leicht. Es ist das Äußerste, was sie sich an Gefühlsausbruch erlaubt.

"Ich bin eine Glucke"

Sie hat für ihren Mann fast alles getan. Sie hat hingenommen, alleinerziehende Mutter zu sein. Sie hat akzeptiert, den Urlaub in der Nähe von Franz Josef Strauß zu verbringen, weil der auf die Dienste Stoibers nicht verzichten wollte. Sie hat bei Stoibers Mutter am Sterbebett gewacht, als ihr Mann den Politischen Aschermittwoch eröffnete. Eines hat sie nicht für ihn getan: Sie ist nicht für ihn nach Berlin gegangen.

"Ich bin eine unglaubliche Glucke", sagt sie. "Und die Kinder sind unser höchstes Gut. Bonn oder Berlin - bei all den Angeboten dorthin wollte ich vor allem auch die Familie zusammenhalten." Nie wäre sie aus Wolfratshausen weggegangen. Ganz schlimm war es für sie 2005, als Stoiber fast als Superminister nach Berlin gegangen wäre. Auf Fotos aus dieser Zeit sieht man eine schmale, fast abgemagerte Karin Stoiber, die mit einem Lächeln darüber hinwegtäuschen will, dass sie nur noch unter Aufbietung aller Kräfte durchhält.

Es war eine Anspannung, die sie aufgezehrt hat: Auf der einen Seite wollte sie ihren Mann unterstützen, wie immer. Sie besichtigte sogar schon Wohnungen in Berlin. Auf der anderen war für sie klar: Sie wird nicht nach Berlin gehen. Es war vermutlich auch diese Ankündigung, die Stoiber im letzten Moment umkehren ließ. Karin Stoiber sagt heute, die Entscheidung sei ein "innerer Kampf" gewesen, für sie wie für ihn. Sie hat diesen Kampf entschieden: "Ich habe meinem Mann zu seiner Entscheidung zugeraten." Es dürfte das einzige Mal gewesen sein, dass Karin Stoiber direkt in die Politik eingriff.

Sonst hat sie ein Amt ausgefüllt, das es gar nicht gibt und das dennoch so wichtig ist für die Seele der Bayern wie eine letzte romantische Erinnerung an die untergegangene Monarchie. Karin Stoiber ist die Landesmutter. Liebenswürdig, herzlich, engagiert. Bis zum Schluss.

Über ihren Mann kann man streiten. Über sie nicht. Wenn es um die Haltungsnoten geht, dann bekommt die Frau an seiner Seite Höchstwerte. Sie hat ausgeglichen, was ihr Mann nicht hatte. Hat ihren Edmund zur Blasmusik gezogen: "Schau mal, Edmund, die wollen doch noch ein Autogramm." Hat ihn auf den Dorfbürgermeister hingewiesen, der wartete: "Schau, Edmund, der Bürgermeister ist extra da." Sie hat gelächelt, wo er geschwiegen hat, hat gegrüßt, wo er längst vorbeigerannt war. Sie hat selbst die politischen Wunden gelindert, die ihr Mann geschlagen hat.