Kanzlerkandidat Martin Schulz:Die Welle der SPD-Euphorie schwappt bis in die bayerische Provinz

Trostberg: Versammlung des SPD-Ortsvereins / Schulz-Effekt

Martin Baumann, SPD-Ortsvorsitzender in Trostberg (rechts), und Landtagsabgeordneter Günther Knoblauch freuen sich über neue Mitglieder.

(Foto: Johannes Simon)
  • SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sorgt sogar in kleinen Orten im tiefsten Bayern für neue Parteieintritte.
  • Im Freistaat sind seit Ende Januar rund 900 Menschen der SPD beigetreten - im vergangenen Jahr waren es nur gut 100 pro Monat.
  • Doch nicht alle Sozialdemokraten sind voller Euphorie - mancher ist nach Jahren des Verlierens eher desillusioniert.

Von Lisa Schnell, Trostberg

Der Star der Trostberger SPD sitzt im Wirtshaus in der Eckbank. Sein grauer Walrossbart ist ordentlich gestutzt, für diesen feierlichen Moment wählte er einen beigen Pullover. Gerade setzt er sein Weißbier ab, fischt nach der nächsten Weißwurst, da erleuchtet die Sonne durch das Fenster sein Gesicht, sein Name wird verkündet: Martin Holzner. Applaus, Tischklopfen. Holzner blickt fast verwundert in die strahlenden Gesichter. "Es gfreit mi, dass du zu uns kema bist", sagt der Ortsvorsitzende und hält ihm das entgegen, was alle hier auf einmal wieder so stolz macht: das rot leuchtende Parteibuch der SPD.

Nicht weniger leuchten die Augen des Ortsvorsitzenden, Martin Baumann. Selten ist er mit so viel Optimismus zum SPD-Frühschoppen gegangen. Dieser Tage aber ist seine Zuversicht so groß, dass er dafür sogar einen eigenen Korb braucht: Vier Parteibücher liegen darin und noch ein gehöriger Packen Beitrittserklärungen. Wer weiß, vielleicht treten spontan ja noch mehr ein. Das kann man nie wissen in diesen Zeiten, in denen die SPD in ganz Deutschland von einer Euphoriewelle erfasst ist, als wäre eben Willy Brandt auferstanden.

Sie ist von Berlin bis in das kleine, oberbayerische Trostberg geschwappt, in diesen dunkel getäfelten Wirtshaussaal, wo König Ludwig im goldenen Rahmen an der Wand hängt, aber eben auch der rote Herz-Bube. Der heißt bei der SPD gerade Martin Schulz. Am 24. Januar verkündete er seine Kanzlerkandidatur, und es scheint so, als würde das Datum schon jetzt als Zeitenwende in die Partei-Annalen eingeschrieben. Seitdem zählten sie in ganz Bayern 900 Neumitglieder in nicht einmal einem Monat, 2016 traten monatlich im Durchschnitt 113 Menschen ein. Auch in Trostberg haben sie seitdem drei neue Mitglieder, so viele wie im ganzen letzten Jahr.

"Schulz ist derjenige, der mein Herz am meisten anspricht", sagt Neumitglied Holzner. Wie er auftrete, sei "ehrlich", was er sage, sei "richtig". Schulz sei so, wie er sich die SPD wünsche, eine "volksnahe Partei, die die Probleme der normalen Menschen richtig angreift", die Probleme von Menschen wie ihm. Der 68-Jährige ist vor der Rente Lastwagen gefahren, ein "Arbeiter", wie er sagt. Immer schon sei er der SPD nahegestanden, jetzt aber sei es Zeit für das Parteibuch gewesen.

Ein paar Tische weiter sitzt Michael Wendl, kein Weißbier, sondern Kaffee. An seinem Tweet-Jacket eine kleine, silberne SPD-Nadel. Sonst trägt er sie fast nie, letztens aber, als er in einem Beirat mit ein paar Unternehmern zusammenkam, da steckte er sie sich wieder an. "Um denen zu zeigen, dass es die SPD schon noch gibt", sagt er. Vor Schulz hätten manche da durchaus Zweifel angemeldet, jetzt aber sei "alles anders."

Schulz hat nichts mit der Berliner Politik zu tun

Es sei ganz erstaunlich, aber "jetzt ist die SPD im Aufschwung", sagt Wendl. Er erklärt sich das so: Jahrelang sei die Bayern-SPD "mutlos" gewesen und nicht sicher in ihrem politischen Kurs: War die Agenda 2010 jetzt notwendig oder nicht? Ob Sigmar Gabriel oder Frank-Walter Steinmeier, sie waren Architekten der Hartz-Gesetze, dem ewigen Streitthema der SPD. Bei Schulz aber stelle sich die Frage nicht.

Schulz, Schulz, Schulz - selten war jemand, der nicht da ist, so präsent. An diesem Sonntag in Trostberg ist er der unsichtbare Held des Tages. Der Gastredner und Landtagsabgeordnete Günther Knoblauch redet vom "Schulz-Zug, der ohne Bremse unterwegs ist", von Schulz, der wieder zeigt, was Sozialdemokratie heißt, der allen Mut macht. Denn Schulz hat den Trostbergern nicht nur neue Mitglieder beschert, sondern vor allem wieder so etwas wie Stolz.

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