Mitten in Nürnberg:Der Marketingdepp aus dem Süden

Vermarkten können sie sich einfach nicht, die Franken. Sind zu bescheiden, tragen den Pelz nach innen, haben sogar ihr Wahrzeichen Jahrzehnte lang vergammeln lassen. Oder war es diesmal ganz anders?

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Klar doch, die Nürnberger sind einfach zu protestantisch - Gehässige sagen: zu dusselig - für ordentliche Selbstvermarktung, weiß man ja in (Süd)-Bayern. Haben eigentlich alles, wissen's aber nicht unters Volk zu bringen, rein marketingmäßig. Tragen den Pelz nach innen, mimen den Bescheidenen, kriegen bei Selbstlob Pusteln, sympathisch zwar, aber so kann's halt nichts werden mit der Champions League. Die ist im Süden beheimatet.

Beispiele? Gibt's noch und nöcher. Ein extremes mag hier reichen. Es gibt da einen Ort, der Nürnberg von jeder anderen deutschen Stadt mit mehr als einer halben Million Einwohner unterscheidet. An diesem Ort hoch über den Dächern wurden große Teile vom wichtigsten Grundgesetz des Heiligen Reiches niedergeschrieben. Geschichtsstudenten, die Grundzüge der "Goldenen Bulle" nicht stolperfrei aufsagen können, droht Entzug des Seminarplatzes. Zu Recht. Immerhin wurde da etwas, was als "deutscher Föderalismus" fortexistiert, in Kapitel gegossen: Wie wird der König gewählt? Wer wählt ihn? Wie wirken die Regionalfürsten daran mit?

Dieser Ort ist also historisch bedeutend, für Folklore geeignet (Ritterrüstungen) und touristisch herausragend (Ausblick). Aber man hat's fertiggebracht, diesen Ort so stiefmütterlich zu behandeln, dass Gäste dort seit Menschengedenken nicht mal einen Kaffee trinken konnten. Aus Dusseligkeit? Tja, wird man wohl so sagen müssen. Aus purer Dusseligkeit.

Dass die Rede von der Kaiserburg ist, mag sich bereits erschlossen haben. Und, ups, da ist nun ein Loch im Narrativ vom Nürnberger als notorischen Marketingloser. Die Burg ist ja in bayerischem Besitz. Jahrzehnte lang verbockt hat das da oben also: der Freistaat.

Warum? Gehört zu den Mysterien des Alltags. Und wer hat's korrigiert? Gehört zu den Peinlichkeiten eines modernen, nicht-absolutistischen Flächenstaates. Es musste, oh weia, erst ein Nürnberger - ein gewisser Markus S. - Finanzminister werden, um diesen Ort nicht weiter vergammeln zu lassen. Will sagen: eine angemessene Ausstellung zu veranlassen. Und - Trommelwirbel - ein Café.

Seit einer Woche können Gäste auf der Burg nun tatsächlich einen Kaffee trinken. Oh Zeichen, oh Wunder. Und wer ist der Marketingdepp? Die Nürnberger waren's jedenfalls nicht diesmal.

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