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Justizvollzug:Die Angst vor dem Sterben in Haft

Anstaltsarzt Hans Zeller versorgt seine Patienten zunächst in der JVA, auch aus der hauseigenen Apotheke. Wer schwerer krank ist, kommt ins Krankenhaus.

(Foto: Toni Wölfl)

Reicht der Platz dafür aus? "Gesonderte Anstalten oder Abteilungen speziell für ältere Strafgefangene sind in Bayern bislang nicht eingerichtet", sagt eine Sprecherin des Justizministeriums. Die alten Häftlinge dauerhaft in die JVA-Krankenhäuser abzuschieben, kann keine Lösung sein. Die Justiz weiß, dass Zellen für Senioren gebraucht werden. 55 barrierefreie Plätze für Behinderte und Senioren gibt es, verteilt auf 13 Einrichtungen, sagt die Sprecherin. In Marktredwitz, wo ein neues Gefängnis gebaut wird, soll eine Geriatrie mit 24 Plätzen für ältere Häftlinge entstehen.

"Für viele Gefangenen ist es die schlimmste Vorstellung, im Gefängnis zu sterben", sagt der Straubinger Gefängnisseelsorger Hans Pöschl. "Die Angst, die Freiheit nicht mehr zu erleben, wird im Alter größer." Heuer seien zwölf Häftlinge eines natürlichen Todes gestorben, hinzu kämen zehn Suizide und ein noch ungeklärter Todesfall, teilt das Ministerium mit. "Der bayerische Justizvollzug unternimmt alles Vertretbare, um die Zahl der Todesfälle in den Justizvollzugsanstalten so gering wie möglich zu halten", sagt die Sprecherin. Etwa mit Suizid-Prävention und angemessener medizinischer Versorgung.

Trotzdem ist im Januar in einer JVA ein Mandant von Veronika Anna Forster gestorben. "Die Anstalt wusste, dass er Epileptiker ist", sagt die Anwältin aus Regensburg. "Trotz mehrerer epileptischer Anfälle meinte der Anstaltsarzt, der Häftling brauche keine Medikamente. Laut Obduktion ist die Todesursache ungeklärt." Forster kritisiert die Abwehrhaltung des Gefängnisses: "Man kommt kaum an Krankenakten von Gefangenen. Das ist ein Kampf wie David gegen Goliath."

Wenn schon Anwälte Probleme haben, sich Gehör zu verschaffen, sei es für Gefangene noch schwieriger. "Als Häftling sind Sie ein Mensch zweiter Klasse. Man wird grundsätzlich als Simulant behandelt", sagt Rechtsanwalt Michael Haizmann aus Regensburg. Muss ein Gefangener tatsächlich zum Facharzt gebracht werden oder will er nur ein bisschen Abwechslung vom tristen Haftalltag?

Mit Handschellen ans Bett gefesselt - da verzichten manche lieber auf die Behandlung

Wer etwa zum Augenarzt, Urologen oder zur Dialyse muss, wird von Justizbeamten in externe Praxen eskortiert. Etwa 700 solcher Fahrten gab es im vergangenen Jahr in Straubing, sagt der leitende Anstaltsarzt Hans Zeller. "Häufigster Fall ist der Herzinfarkt. Die Erstversorgung findet hier statt, dann folgt der Transport ins Krankenhaus." Das nahe gelegene Klinikum St. Elisabeth hält in einem gesonderten Bereich vier Betten nur für Häftlinge bereit. Andernorts teilen sich Straftäter ein Zimmer mit anderen Patienten. Sie kommen meist mit Fuß- und Handfesseln - "wo ich mir oft denke, der Mensch ist sterbenskrank, der wird uns nicht mehr davonlaufen", sagt der stellvertretende Pflegedirektor im Straubinger Klinikum, Franz Xaver Knott.

Doch Sicherheit geht vor. "Die Fluchtgefahr ist zu groß", hält Anstaltsleiter Amannsberger dagegen. Mancher Häftling verzichte wegen dieser Demütigung gleich ganz auf externe Behandlung. Wer will schon nach einer schweren Operation ans Bett gefesselt aufwachen oder in Handschellen über die Flure geführt werden? "Vielen ist es unangenehm", sagt Anstaltsarzt Zeller. "Manchen ist es lieber, im Gefängniskrankenhaus versorgt zu werden." So komisch es klinge, viele Langzeithäftlinge identifizierten sich mit der Haft, sagt Pflegedienstleiter Lorenz.

Wenn ein Häftling schwer erkrankt, kann er von der Staatsanwaltschaft vorzeitig entlassen werden, um in Freiheit bei den Angehörigen sterben zu können. Die Haftzeit wird dann "unterbrochen", wie der juristische Begriff lautet. "Das betrifft oft Krebskranke", sagt der leitende Arzt. Keiner soll seine letzte Stunde in Haft verbringen müssen, wenn die Gefährdung gering sei, gewährleistet Paragraf 455 der Strafprozessordnung. Doch wo können diese Menschen hin?

"Die wirkliche Resozialisierung findet erst nach der Entlassung statt", sagt der Kriminologe Bernd Maelicke vom Deutschen Institut für Sozialwirtschaft. Im ersten Jahr nach der Entlassung sei die Rückfallquote von Straftätern am höchsten. "Das zeigt sich immer erst in der Freiheit." Nach langen Haftstrafen besteht oft kein Kontakt mehr zu alten Freunden, nicht jeder kann zurück zur Familie oder muss sofort ins Krankenhaus. Was dann? "Es ist schwierig, ein Pflegeheim zu finden, vor allem für Sexualstraftäter", sagt Amannsberger. Dann steht ein freigelassener Rentner vor den Mauern der Justizvollzugsanstalt und weiß nicht, wohin. Das kann in Zukunft immer öfter passieren.

© SZ vom 28.12.2016/imei
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