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Justizvollzug:Knast der alten Knacker

Rollstühle in der JVA Straubing. Die Zahl der Senioren hinter Gittern hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt.

(Foto: Toni Wölfl)
  • 156 Inhaftierte in Bayern sind älter als 65 Jahre, Tendenz steigend. Darauf muss sich der Justizvollzug einstellen.
  • Noch gibt es keine Abteilungen für greise Häftlinge im Freistaat, in Straubing werden sie auf der Krankenstation versorgt.
  • Nun soll in Marktredwitz eine Geriatrie entstehen.

Von Toni Wölfl, Straubing

Besonders bedrohlich sehen die zwei nicht aus. Der eine lässt gelangweilt seine Füße vom Krankenbett baumeln, der andere wirkt, als stehe er zum ersten Mal auf den eigenen Beinen und erwarte lobende Worte von Besuchern. Männlich, alt, pflegebedürftig. Einzig die verschlossenen Metalltüren und die Gitterstäbe vor den Fenstern verraten, dass die Gesellschaft vor den zwei Herren im Schlafanzug geschützt werden soll. Sie wurden einst als Verbrecher eingesperrt, im Knast wurden sie zu gebrechlichen Greisen.

Ein ungemütlicher Freitag im Dezember, Regen prasselt gegen die Wachtürme der Justizvollzugsanstalt Straubing in Niederbayern. Hinter den hohen Mauern leben 770 Häftlinge, verurteilt zu mindestens sechs Jahren Knast. Darunter Mörder, Vergewaltiger, Totschläger. Die härtesten Fälle im Freistaat, viele sitzen lebenslänglich ein.

Und doch gibt es Momente, in denen die Verbrecher auf Hilfe angewiesen sind. Auch Straftäter werden alt, krank und pflegebedürftig - und bleiben trotzdem haftfähig. In Bayern sind 156 Strafgefangene und Sicherungsverwahrte zwischen 65 und 70 Jahre alt, 82 Häftlinge sind jenseits der 70. Der älteste ist 89, er sitzt wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft. Genauer gesagt liegt er auf der Krankenstation in Straubing.

Morgenschicht im JVA-Spital. Drei Ärzte und 20 Pflegekräfte betreuen 21 Patienten, allesamt verurteilte Verbrecher. "Wenn ich Angst hätte, wär ich nicht hier", sagt Krankenschwester Monika Melch selbstbewusst. Trotzdem ist ihre Arbeit anders als im normalen Krankenhaus. Nachts werden die Krankenzimmer nur zu viert geöffnet, das Walkie-Talkie ist zur Sicherheit immer griffbereit. "Es ist nicht das gleiche Patient-Arzt-Verhältnis wie draußen", sagt Pflegedienstleiter Walter Lorenz. "Wir sind nicht so kumpelhaft, wir kennen die Vorgeschichten der Patienten."

Manche Häftlinge sitzen schon jahrzehntelang, sind verurteilt zum Altern hinter Gittern. Viele von ihnen kommen mit den Haftbedingungen nicht zurecht. Ihre Beschwerden landen oft auf dem Schreibtisch der SPD-Landtagsabgeordneten Ruth Müller. Als Mitglied im Anstaltsbeirat der JVA Straubing ist sie erste Ansprechpartnerin, wenn aus Sicht der Häftlinge etwas schief läuft. Kaputte Duschen, Sportgruppen für Herzkranke und spezielles Essen für Diabetiker - die Liste ihrer Anliegen verrät einiges über den Alltag hinter Gittern. Häftlinge fragen nach orthopädischen Schuhen, medizinischen Matratzen, Zahnplomben und Gummibändern fürs Fitnesstraining. Es geht um Wartezeiten im Sanitätsbereich, das Waschen älterer Gefangener, Kameras und Bewegungsmelder im Spital, Reha-Möglichkeiten, Sehstörungen und Gehbeschwerden.

Alte Häftlinge brauchen besondere Behandlung, sagt der Kriminologe Thomas Feltes von der Universität Bochum. "Das fängt beim Essen an, geht über die Gesundheitsbetreuung hin zu sozialen Aspekten. Viele der lebensälteren Gefangenen haben keine Sozialkontakte mehr. Das führt zu Hospitalisierungsschäden und Depressionen." Nicht zu vergessen die körperliche Unterlegenheit. "Mit 25 Jahren kann ich mich am Zellengang vor Übergriffen wehren, mit 70 kann ich das nicht mehr", sagt Anwalt Bruno Fuhs aus Passau.

Bei alten Gefangenen werde ein Ziel des Strafvollzugs obsolet, nämlich die Resozialisierung. "Wo wollen Sie denn einen 70-Jährigen hinresozialisieren? Ab einem bestimmten Alter ist es reine Verwahrung", sagt Fuhs. "Das wird ein gewaltiges Problem. Und diese Menschen haben keine Lobby."

Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens wird ein Politiker mit der Forderung nach teuren, seniorengerechten Gefängnissen keine Wähler gewinnen. "Die politische Öffentlichkeit honoriert den Einsatz für einen modernen Strafvollzug nicht", sagt der Landtagsabgeordnete Herbert Kränzlein (SPD). "In Bayern wird die Resozialisierung geringer geachtet als der Strafgedanke. Die Strafe soll hart sein, unangenehm", laute Kränzlein zufolge die vorherrschende Sicht in der Bevölkerung.

Zweitens ist es für Insassen schwer, sich aus dem Gefängnis heraus selbst zu organisieren. Und drittens gibt es wohl einfach noch zu wenige alte Häftlinge: Der Senioren-Anteil unter allen 8080 Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten liegt in Bayern bei weniger als drei Prozent.

Das klingt nach wenig, doch hat sich die Anzahl der Senioren im Knast von 2001 bis 2011 verdoppelt. Die Tendenz ist klar. "Unsere Gesellschaft wird immer älter, und damit auch die Knastpopulation", sagt der Kriminologe Feltes. "Hinzu kommt, dass wir eine Phase hinter uns haben, in der relativ viele und lange Freiheitsstrafen verhängt wurden." Und die Verurteilten würden wohl die volle Haftzeit absitzen, meint der Leiter der JVA Straubing, Hans Amannsberger. "Die Gerichte sind restriktiver. Früher wurden viele Insassen nach zwei Dritteln der Haftzeit entlassen, jetzt müssen sie ganz dableiben und kommen anschließend vielleicht noch in die Sicherungsverwahrung."

Die Angst vor dem Sterben in Haft

Anstaltsarzt Hans Zeller versorgt seine Patienten zunächst in der JVA, auch aus der hauseigenen Apotheke. Wer schwerer krank ist, kommt ins Krankenhaus.

(Foto: Toni Wölfl)

Reicht der Platz dafür aus? "Gesonderte Anstalten oder Abteilungen speziell für ältere Strafgefangene sind in Bayern bislang nicht eingerichtet", sagt eine Sprecherin des Justizministeriums. Die alten Häftlinge dauerhaft in die JVA-Krankenhäuser abzuschieben, kann keine Lösung sein. Die Justiz weiß, dass Zellen für Senioren gebraucht werden. 55 barrierefreie Plätze für Behinderte und Senioren gibt es, verteilt auf 13 Einrichtungen, sagt die Sprecherin. In Marktredwitz, wo ein neues Gefängnis gebaut wird, soll eine Geriatrie mit 24 Plätzen für ältere Häftlinge entstehen.

"Für viele Gefangenen ist es die schlimmste Vorstellung, im Gefängnis zu sterben", sagt der Straubinger Gefängnisseelsorger Hans Pöschl. "Die Angst, die Freiheit nicht mehr zu erleben, wird im Alter größer." Heuer seien zwölf Häftlinge eines natürlichen Todes gestorben, hinzu kämen zehn Suizide und ein noch ungeklärter Todesfall, teilt das Ministerium mit. "Der bayerische Justizvollzug unternimmt alles Vertretbare, um die Zahl der Todesfälle in den Justizvollzugsanstalten so gering wie möglich zu halten", sagt die Sprecherin. Etwa mit Suizid-Prävention und angemessener medizinischer Versorgung.

Trotzdem ist im Januar in einer JVA ein Mandant von Veronika Anna Forster gestorben. "Die Anstalt wusste, dass er Epileptiker ist", sagt die Anwältin aus Regensburg. "Trotz mehrerer epileptischer Anfälle meinte der Anstaltsarzt, der Häftling brauche keine Medikamente. Laut Obduktion ist die Todesursache ungeklärt." Forster kritisiert die Abwehrhaltung des Gefängnisses: "Man kommt kaum an Krankenakten von Gefangenen. Das ist ein Kampf wie David gegen Goliath."

Wenn schon Anwälte Probleme haben, sich Gehör zu verschaffen, sei es für Gefangene noch schwieriger. "Als Häftling sind Sie ein Mensch zweiter Klasse. Man wird grundsätzlich als Simulant behandelt", sagt Rechtsanwalt Michael Haizmann aus Regensburg. Muss ein Gefangener tatsächlich zum Facharzt gebracht werden oder will er nur ein bisschen Abwechslung vom tristen Haftalltag?

Mit Handschellen ans Bett gefesselt - da verzichten manche lieber auf die Behandlung

Wer etwa zum Augenarzt, Urologen oder zur Dialyse muss, wird von Justizbeamten in externe Praxen eskortiert. Etwa 700 solcher Fahrten gab es im vergangenen Jahr in Straubing, sagt der leitende Anstaltsarzt Hans Zeller. "Häufigster Fall ist der Herzinfarkt. Die Erstversorgung findet hier statt, dann folgt der Transport ins Krankenhaus." Das nahe gelegene Klinikum St. Elisabeth hält in einem gesonderten Bereich vier Betten nur für Häftlinge bereit. Andernorts teilen sich Straftäter ein Zimmer mit anderen Patienten. Sie kommen meist mit Fuß- und Handfesseln - "wo ich mir oft denke, der Mensch ist sterbenskrank, der wird uns nicht mehr davonlaufen", sagt der stellvertretende Pflegedirektor im Straubinger Klinikum, Franz Xaver Knott.

Doch Sicherheit geht vor. "Die Fluchtgefahr ist zu groß", hält Anstaltsleiter Amannsberger dagegen. Mancher Häftling verzichte wegen dieser Demütigung gleich ganz auf externe Behandlung. Wer will schon nach einer schweren Operation ans Bett gefesselt aufwachen oder in Handschellen über die Flure geführt werden? "Vielen ist es unangenehm", sagt Anstaltsarzt Zeller. "Manchen ist es lieber, im Gefängniskrankenhaus versorgt zu werden." So komisch es klinge, viele Langzeithäftlinge identifizierten sich mit der Haft, sagt Pflegedienstleiter Lorenz.

Wenn ein Häftling schwer erkrankt, kann er von der Staatsanwaltschaft vorzeitig entlassen werden, um in Freiheit bei den Angehörigen sterben zu können. Die Haftzeit wird dann "unterbrochen", wie der juristische Begriff lautet. "Das betrifft oft Krebskranke", sagt der leitende Arzt. Keiner soll seine letzte Stunde in Haft verbringen müssen, wenn die Gefährdung gering sei, gewährleistet Paragraf 455 der Strafprozessordnung. Doch wo können diese Menschen hin?

"Die wirkliche Resozialisierung findet erst nach der Entlassung statt", sagt der Kriminologe Bernd Maelicke vom Deutschen Institut für Sozialwirtschaft. Im ersten Jahr nach der Entlassung sei die Rückfallquote von Straftätern am höchsten. "Das zeigt sich immer erst in der Freiheit." Nach langen Haftstrafen besteht oft kein Kontakt mehr zu alten Freunden, nicht jeder kann zurück zur Familie oder muss sofort ins Krankenhaus. Was dann? "Es ist schwierig, ein Pflegeheim zu finden, vor allem für Sexualstraftäter", sagt Amannsberger. Dann steht ein freigelassener Rentner vor den Mauern der Justizvollzugsanstalt und weiß nicht, wohin. Das kann in Zukunft immer öfter passieren.

© SZ vom 28.12.2016/imei
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