Justizopfer:War Stellwag der Drahtzieher bei einem Goldraub?

Lesezeit: 6 min

Vor Gericht belasteten die Goldräuber, die 2011 zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden, Stellwag schwer: Eine Art Drahtzieher soll dieser gewesen sein. Stellwag allerdings konnte sich zu diesen Anschuldigungen nicht im Gerichtssaal äußern. Ein Gutachter hatte ihm zuvor attestiert, sowohl haft- als auch verhandlungsunfähig zu sein. Die Beute im Wert von 1,8 Millionen Euro gilt bis heute als verschollen.

Ähnlich wie Stellwag. Als sich 2015 ein Geschäftsmann für einen Betrug mit Schweizer Uhren in Höhe von 550 000 Euro verantworten musste, vernahmen Prozessbeobachter im Nürnberger Landgericht, Stellwag sei in dieses Geschäft maßgeblich involviert gewesen. Die Polizei suchte nach ihm, stellte die Suche aber ein. Seither ist es sehr ruhig geworden um Stellwag.

Bis nun eine Mail bei der Süddeutschen Zeitung eingegangen ist. Es gehe ihm nicht um Mitleid, schreibt Stellwag. Sondern darum: "Ich kann nicht mehr laufen, nur noch liegen, warum ich noch lebe, weiß ich selbst nicht, aber ich will nicht von dieser Welt gehen, ohne einige Fakten wahrheitsgemäß geklärt zu haben." Wenige Tag später meldet er sich am Telefon, aus Italien, "kurz vor Rom", sagt er. Dort pflege ihn rund um die Uhr ein Mann, den er noch im fränkischen Städtchen Lauf kennengelernt habe.

Aus der Entfernung habe er natürlich die beiden Prozesse verfolgt. Und wahrgenommen, nach welchem Prinzip die Angeklagten jeweils ausgesagt hätten. "Immer dasselbe: Der Dicke war's", sagt Stellwag. Er könne den Angeklagten das gar nicht verübeln. "Ich hätte es womöglich genauso gemacht." Nur: Es stimme einfach nicht, dass er Drahtzieher gewesen sei, beim Goldraub nicht und beim Uhren-Betrug auch nicht. Kontakte habe er hergestellt, das schon. Ohne aber zu ahnen, dass die Herren Schlimmes im Schilde führten. Bei der Sache mit dem Goldraub habe er womöglich "zu viel gequatscht". Aber niemals sei er im Bild gewesen, was die Männer exakt vorhatten. Am Ende aber hätten sich alle offenbar wieder mal darauf geeinigt: "Der Dicke war's."

Könnte es nicht sein, dass er, Stellwag, eine Art Rechnung aufgemacht hat im Jahr 2009? Sechs Jahre zu Unrecht in Haft wegen Raubüberfalls - da könnte man auf die Idee kommen, dass da ein Justizopfer der Ansicht ist, die Strafe sozusagen schon vor der Tat abgesessen zu haben. Viele haben Stellwag das damals unterstellt. "So habe ich nie gedacht", antwortet Stellwag. "So dumm bin ich nicht."

Wobei er zugebe: In den ersten vier Jahren während der Haft in Straubing, als er unter erschwerten Haftbedingungen zu leiden hatte, weil er partout eine Tat nicht zugeben wollte, die er nicht begangen hatte, in dieser Zeit hätten ihn durchaus Rachegedanken gequält. "Wenn ich damals rausgekommen wäre, wer weiß: Vielleicht wäre ich ein kleiner Terrorist geworden," sagt Stellwag. Als er aber raus war, habe er solche Gedanken überwunden.

Eines möchte er noch betonen: "Ich war nie ein Unschuldslamm." Er war in der Drogen- und Drücker-Szene verwurzelt, in halbseidene Geschäfte verwickelt. "Da war manches nicht sauber und ganz legal." Deshalb war er ja 1992 polizeibekannt, als ihn ein Ermittler auf dem Bankräuber-Foto zu erkennen glaubte. "Was ich getan habe, dazu stehe ich", erklärt Stellwag. "Aber ich lasse mir nicht Dinge unterstellen, die ich nicht getan habe." Nicht schon wieder, sagt er. Man solle doch mal überlegen: "Ich könnte doch jetzt sagen: Das und das und das hab' ich getan. Mich kann doch sowieso keiner mehr belangen. Ich werde nie wieder gesund." Seine Knochen seien brüchig. Und liegend vor Gericht aussagen - das gehe nicht.

Ob's stimmt, was Stellwag sagt? Das wird vermutlich nie mehr ans Tageslicht kommen. Angebliche Beteiligung am Uhrenbetrug? Ist verjährt. Mögliche Tatbeteiligung am Goldraub? "Sollte sich an Stellwags Verhandlungsunfähigkeit etwas ändern, könnte Anklage erhoben werden", sagt Jan Holzner, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart. "Wir gehen aber nicht davon aus, dass sich was ändert."

Was bleibt also juristisch? Stellwag soll 2014 eine Uhr angeboten haben, die zuvor von einem Lübecker Juwelier entwendet oder unterschlagen wurde, sagt Antje Gabriels-Gorsolke, Sprecherin der Nürnberger Staatsanwaltschaft. Deshalb würden die Ermittler schon gern wissen, wo er sich derzeit aufhält, "um ihn anhören zu können", sagt die Oberstaatsanwältin. Aber klar: Verglichen mit den Raub- und Betrugs-Vorwürfen sei das eine eher nachrangige Geschichte. Die Saga Stellwag? Wird in Teilen wohl immer ein Justiz-Rätsel bleiben.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema