Brauchtum in Bayern:Der Juni, ein Schicksalsmonat

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Brauchtum in Bayern: Der Altar der Siebenschläferkirche von Rotthof, zwischen Passau und Eggenfelden gelegen, wurde 1758 von dem Rokoko-Stuckateur Johann Baptist Modler errichtet. Sie ist die einzig erhalten gebliebene Kirche, die an die Legende der Siebenschläfer erinnert.

Der Altar der Siebenschläferkirche von Rotthof, zwischen Passau und Eggenfelden gelegen, wurde 1758 von dem Rokoko-Stuckateur Johann Baptist Modler errichtet. Sie ist die einzig erhalten gebliebene Kirche, die an die Legende der Siebenschläfer erinnert.

(Foto: Gemeinde Ruhstorf)

Der Sommermonat bildet den Wandel im Verhältnis von Mensch und Umwelt schärfer ab als jede andere Jahreszeit. Längst entscheidet er nicht mehr über Leben und Tod. Doch der Zauber alter Mythen ist noch zu spüren, zum Beispiel im Kalender.

Von Hans Kratzer

Der Juni bringt sämtliche Voraussetzungen mit, um von einer modernen Gesellschaft als Lieblingsmonat anerkannt zu werden. Trotz Inflation und Unsicherheit ist alles voller Licht, die Natur sprießt, die Tage sind lang, die Nächte lind, und auch an Feier- und Brückentagen herrscht kein Mangel. Ob Feiertage wie Pfingstmontag und Fronleichnam bei der sich in Auflösung befindlichen christlichen Struktur des Landes auf Dauer zu halten sind, ist jedoch fraglich. Freilich war der Reigen der Feiertage auch früher schon umstritten, gerade im Juni. Damals standen noch mehr Festtage als jetzt im Kalender, etwa Johannes der Täufer (24. Juni) sowie Peter und Paul (29. Juni), und die Dienstboten hatten bisweilen auch am Pfingstdienstag und am Bennotag (16. Juni) frei. Schon in der Barockzeit war die hohe Zahl der Festtage ein heftig diskutiertes Thema. In der Folge wurden diverse Feiertage wieder abgeschafft. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte ein Dienstbote in Bayern gut 70 Tage frei, die 52 Sonntage waren da eingerechnet. Heute kommt ein Arbeitnehmer mit Wochenenden und Urlaub fast auf die doppelte Zahl an freien Tagen.

Da die Freizeit kostbar und meistens gewissen Heiligen zu verdanken war, kannte früher jeder die Gedenktage etwa des heiligen Vitus (15. Juni), der heiligen Margareta (10. Juni) und Johannes des Täufers. An diesen Tagen klebten überdies viele Wettersprüche und Bauernregeln. Dass sie heute oft nicht mehr so recht passen wollen, liegt an der Kalenderreform von 1582. Dabei wurden ganze zehn Tage gestrichen, weshalb so manche Bauernregel nicht mehr exakt zutrifft. Der Vitustag, also der 15. Juni, war plötzlich der Tag der Sonnenwende: "St. Veit hat den längsten Tag" sagt eine alte Bauernregel, und "Lucie (13. Dezember) die längste Nacht."

Brauchtum in Bayern: Johannisfeuer in Oberbayern. Hohe Holzpreise und Umweltbelastung setzen diesem Brauchtum zu.

Johannisfeuer in Oberbayern. Hohe Holzpreise und Umweltbelastung setzen diesem Brauchtum zu.

(Foto: Hans Lippert/imago images)

Heute gilt der Johannistag (24. Juni) als Tag der Sonnenwende. "Du bist so lang wie der Tag an Johanni", hat man früher zu groß gewachsenen Menschen gesagt. Seltsam ruhig geworden ist es um die Johannis- oder Sonnwendfeuer, die um diese Zeit angezündet werden. Dafür werden oft haushohe Holzhaufen aufgeschichtet. Die steil nach oben schießenden Holzpreise und Umweltschutzgründe gefährden nun dieses Feuerbrauchtum. Wenn es kein kostenloses Holz mehr gibt, fehlt dem Brauchtum die Nahrung.

Brauchtum in Bayern: Eine Attraktion bilden die nach alter Bauernart geformten Heumandl an der Straße von Berg nach Aufkirchen am Starnberger See. Frisch gemähtes Gras wird auf Holzgestellen zum Trocknen aufgeschichtet.

Eine Attraktion bilden die nach alter Bauernart geformten Heumandl an der Straße von Berg nach Aufkirchen am Starnberger See. Frisch gemähtes Gras wird auf Holzgestellen zum Trocknen aufgeschichtet.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Bauernregeln führen drastisch vor Augen, dass die Menschen einst mit drangvollen Wetterängsten beladen waren: Bringen wir die Ernte durch, geht die Saat auf, erfriert das Obst an den Bäumen? Weil es ums schiere Überleben ging, galt im Juni praktisch jeder Tag als ein Schicksalstag. "Hat Margarete (10. Juni) keinen Sonnenschein, kommt das Heu nie trocken rein", unkten die Bauern. Genau beobachtet wurde das Wetter am Siebenschläfertag (27. Juni). Tatsächlich wird das Klima nach Aussagen von Meteorologen zwischen Juni und Juli vom sogenannten Jetstream beeinflusst. Davon ausgehend, trifft die folgende Regel in Bayern mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent zu: "Regnet es am Siebenschläfertag, der Regen sieben Wochen nicht weichen mag."

Der Deutsche Wetterdienst merkt dazu an, man solle diese Dauer nicht überbewerten. Die oft schon im frühen Mittelalter formulierten Sprüche wollen lediglich einen längeren Zeitraum benennen. Ungeachtet dessen haben Mythen und mystische Naturphänomene einst den Alltag in einer heute unvorstellbaren Intensität geprägt. Ständig bedrohten Seuchen den Viehbestand, zerstörte Hagelschlag die Ernte und rafften Diphtherie und Masern die Kinderschar hinweg. Für viele Vorkommnisse gab es in der vorindustriellen Welt keine natürliche Erklärung. Oft kam dann der Teufel ins Spiel oder die Drud und derlei Naturgeister. Alles Unerklärliche rief unentwegt Angst hervor und musste ständig besänftigt werden - mit Wallfahrten, Bittgängen und Opfergaben.

Den Bilmesschneider hielten Bauern für den Teufel selbst

Als ein gefürchteter Vegetationsgeist galt der Bilmesschneider. In alten Sagensammlungen wird er als übler, unsichtbarer Bursche beschrieben, der mit einer goldenen Sichel am Fuß fremdes Getreide schneidet. Aus alten Fragebögen für das Bayerische Wörterbuch geht hervor, dass viele Bauern den Bilmesschneider für den Teufel selbst hielten. Zu Menschen, die breitspurig gehen, sagte man noch 1932: Der hat einen Gang wie ein Bilmesschneider.

Der Siebenschläfertag weist noch eine weitere Besonderheit auf. Als einzige Kirche in Deutschland ist jene im niederbayerischen Rotthof (Gemeinde Ruhstorf) den Siebenschläfern geweiht. Der Altar ist ein Paradestück der volkstümlichen Rokokokunst in Bayern. Darauf ist die Legende jener sieben Brüder dargestellt, die in einer Berghöhle von Häschern lebendig eingemauert wurden. Jahrhunderte später sollen die Brüder fröhlich erwacht sein und den Glauben an die Auferstehung bezeugt haben. Aus dem Heiligenkalender sind die Siebenschläfer längst gestrichen, aber im Islam erfreuen sie sich nach wie vor großer Verehrung.

So schmilzt die oft kuriose Vielfalt der Bräuche, die Volkskundler seit Jahrhunderten fasziniert beschrieben haben, rasant dahin. Die moderne Arbeits- und Medienwelt, in der es weder schwielige Hände gibt noch Mistgabeln, Ackergäule und Weihrauch, taugt nicht mehr für jene barock-bildhaften Handlungen, an denen einst alle Hoffnungen hingen, bis sie zu einem Anachronismus wurden.

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