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Junge Union:Etappensieg für Markus Söder

Fortsetzung der Landesversammlung der Jungen Union

Lauter Fans: Mitglieder der Jungen Union Bayern machen während der Landesversammlung am Sonntag in Erlangen auf Schildern deutlich, wen sie als kommenden Mann der CSU sehen. Markus Söder, noch Heimatminister, scheint die beinahe spontan wirkende Sympathiekundgebung zu gefallen.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Bei der Landesversammlung der Jungen Union in Erlangen rebelliert der CSU-Nachwuchs. Ein herber Schlag für den Partei-Vorsitzenden Horst Seehofer.

Es ist Samstagabend, als Markus Söder einen kleinen Ausflug unternimmt, zwanzig Minuten Fahrt, von seinem Haus in Nürnberg ins Erlanger Kongresszentrum. Dort trifft sich die Junge Union Bayern (JU) am Wochenende zu ihrer Landesversammlung. Laut Programm soll der bayerische Finanzminister erst am Sonntagvormittag zum CSU-Nachwuchs sprechen. Doch irgendwie hat er dann schon beim geselligen Delegiertenabend das Mikro in der Hand. Söder ist mit mehr oder minder rhythmischen "Markus, Markus"-Rufen im Saal begrüßt worden, nun sagt er feierlich: "Es gibt immer mal wieder in der Geschichte Landesversammlungen, an denen wird man nicht vorbeigehen können. Die haben eine Wirkung."

Die Wirkung, die Söder da vorschwebt, dürfte mit der Forderung nach einem "personellen Neuanfang" zu tun haben, mit der es die JU am Samstag in die Schlagzeilen geschafft hat - als erster großer CSU-Verband hat sie Ministerpräsident und Parteichef Horst Seehofer direkt zum Rückzug aufgerufen. Für Seehofer ist das ein harter Schlag in seinem politischen Überlebenskampf. Für Söder, der seinen Ehrgeiz über Jahre nur notdürftig kaschiert hat, ein Etappenerfolg auf dem Weg an die Macht.

Entsprechend begeistert ist er von der JU. "Ich habe großen Respekt davor, was ihr für Verantwortung zeigt, welchen Mut ihr habt, was ihr euch traut", sagt Söder, einst selbst acht Jahre JU-Chef, zu den Delegierten. "Das ist eine Junge Union, die zeigt Rückgrat in der Partei. Meinen Respekt davor, toll gemacht." Seit dem Wahlabend hatte sich Söder zumindest persönlich an Seehofers Verordnung gehalten, dass für die Dauer der Jamaika-Sondierungen nicht übers Personal geredet wird. Nun hat er - indirekt, aber unmissverständlich - erstmals die Stimme erhoben.

Als Söder das Kongresszentrum verlässt, ist die Choreografie makellos

Was soll da bei seinem offiziellen Auftritt am Sonntag noch kommen? Nicht allzu viel. Am Vorabend hat Söder Tempo aufgenommen, jetzt kann man ihm beim Bremsen zusehen. Er hält eine nicht übermäßig inspirierte Rede, ein Wahlkampf-Aufguss: Zuwanderung begrenzen, Wohnraum schaffen, EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei beenden. Erst ganz am Schluss kommt er zum Personal. Er halte sich daran, "dass erst sondiert wird und dann geredet". Nur das wolle er sagen: Die CSU müsse in der existenziellen Krise nach dem Bundestagswahl-Debakel bei der Landtagswahl 2018 mit der "besten Formation" antreten. "Für jede vernünftige Lösung reiche ich die Hand, denn nur gemeinsam können wir erfolgreich sein." Es gehe jetzt nicht mehr um "persönliche Dinge", nur noch um die CSU. "Daran muss sich jeder messen lassen, und ich ganz besonders."

Der Beifall ist lang und freundlich, aber auch nicht länger und freundlicher als am Samstag bei Manfred Weber, dem Partei-Vize und Seehofer-Getreuen. Dass nicht die ganze JU dem Söder-Fanklub angehört, hat man sogar am Delegiertenabend gemerkt: Bei den Ovationen im Stehen waren die Mitglieder aus Oberbayern einfach sitzen geblieben. Als Söder am Sonntag nach seiner Rede das Kongresszentrum verlässt, ist die Choreografie dann makellos: Seine Unterstützer erwarten ihn zum Gruppenfoto mit blauen "Ministerpräsident Söder"-Schildern, die sie sicher spontan haben drucken lassen.

Vielleicht hätte schon eine Videobotschaft gereicht, den Beschluss zu verhindern

Mit der Hand gekritzelt war dagegen der Anti-Seehofer-Antrag vom Samstag, erst am Morgen war er beim JU-Vorstand eingegangen, unterzeichnet vorwiegend von fränkischen Delegierten. Dass es ihn überhaupt gab, noch dazu in dieser Schärfe, dürfte auch Seehofers kurzfristigem Fernbleiben geschuldet sein. Erst am Freitag hatte der CSU-Chef ausrichten lassen, wichtige Termine in Berlin verhinderten sein Kommen. Eine Absage, die Bayerns JU-Chef Hans Reichhart empörte: "Ob das jetzt unbedingt die schwelende Personaldiskussion beruhigt, darüber wird es unterschiedliche Sichtweisen geben."

Die Sichtweise der JU spiegelte sich dann im Antrag. "Für einen Erfolg bei der Landtagswahl braucht es einen glaubwürdigen personellen Neuanfang", heißt es da. "Bei allen Verdiensten, die sich Horst Seehofer zweifellos in vielen Jahrzehnten für die CSU, Bayern und Deutschland erworben hat, muss er jetzt den Weg bahnen für einen geordneten Übergang an der Spitze der Staatsregierung." Im Original steht "zweifelslos", es hat wohl pressiert.

Etwa zwei Drittel der JU-Delegierten senkten den Daumen über den Ministerpräsidenten. Seehofers Unterstützer kamen vor allem aus Oberbayern und Niederbayern. Doch die Mehrheit der JU war nicht mehr bereit, 2018 mit ihm als Spitzenkandidat in den Wahlkampf zu ziehen. Seehofer saß zu dieser Stunde mit der Kanzlerin in Berlin. Seine Absage entschuldigte er mit "historisch bedeutsamen Verhandlungen". Doch damit ließ sich die JU nicht mehr besänftigen - zumal Innenminister Joachim Herrmann am späten Nachmittag noch den Weg aus Berlin zur JU fand.

"Taktisch unklug" sei Seehofers Fernbleiben gewesen, finden Parteifreunde. Vielleicht hätte schon eine Videobotschaft gereicht, um den Beschluss zu verhindern. Doch der CSU-Chef bleibt bei seiner Linie. Er will die erste Sondierungsrunde abschließen und erst dann die Personaldebatte in der CSU eröffnen. Es ist die Debatte über seine Zukunft. Aber über wie viel Zukunft kann er dann noch verhandeln?

Nach außen bemüht sich Seehofer um Gelassenheit, doch in seinem Inneren sehe es anders aus, berichten Parteifreunde. Mit jedem Angriff auf ihn wachse der Zorn, dass seine Kritiker nicht kapierten, in welcher existenziellen Phase sich die CSU befinde. "Handfeste Eigeninteressen" warf er seinen Gegnern bereits vor: "Wir denken ans Land, andere an sich - ganz einfach." In der Bild am Sonntag sagte er nun, er nehme "die Diskussionen in Bayern um meine Person hinter und vor den Kulissen mit Erstaunen zur Kenntnis". Obwohl der Parteivorstand einstimmig beschlossen habe, während der Gespräche in Berlin keine Personaldiskussion zu führen, erlebe er seit der Bundestagswahl "ein ununterbrochenes Trommelfeuer" gegen sich.

Vorrang hätten die Verhandlungen in Berlin, doch danach, droht Seehofer, werde es von ihm "eine klare und deutliche Reaktion geben". Was das bedeutet, darüber dürfen seine Gegner jetzt nachdenken.

© SZ vom 06.11.2017/doer

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