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Jugendgewalt:Wenn ein falscher Blick genügt

Sie drehen durch, weil einer sie "blöd angeschaut" hat: In Traunstein und Passau wird jugendlichen Gewalttätern der Prozess gemacht.

Sie schlagen zu, mit den Fäusten, mit den Füßen. Aus nichtigem Anlass, einfach so. Mal hat einer sie um eine Zigarette angehauen, wie im oberbayerischen Tacherting. Mal hat einer sie nur "blöd angeschaut" wie in Passau. Die Gewalt, die von Jugendlichen ausgeht, nimmt seit Jahren an Härte zu. Und meistens haben sie davor getrunken. 41 Prozent aller Gewalttäter, gegen die die Polizei im Jahr 2009 ermittelte, standen unter Alkoholeinfluss.

Toedliche Attacke in Muenchner S-Bahn

Die beiden Fälle, die derzeit in Passau und Traunstein verhandelt werden, erinnern an den des Dominik Brunner, der in München an einem S-Bahnhof von Gewalttätern totgeprügelt worden war. Die Gewalt, die von Jugendlichen ausgeht, nimmt seit Jahren an Härte zu.

(Foto: ddp)

Gerade wird jugendlichen Gewalttätern in zwei spektakulären Fällen der Prozess gemacht - in Traunstein und in Passau. Sie hat ihre Haare unter einem Schleier verborgen. In den Händen hält sie ein Taschentuch, in den Augen stehen Tränen. Sie kennt den jungen blonden Mann, ein Bub fast noch, der ihr gegenübersitzt, schließlich ist seine Mutter ihre Freundin, als Kind hat sie Bernd sogar die Haare geschnitten. Jetzt sitzt er hier, im Landgericht in Traunstein, weil das Gericht ihm vorwirft, gemeinsam mit seinem älteren Bruder Arthur W. und seinem Freund Andreas Sch. zwei Menschen totgeschlagen zu haben. Ihren eigenen Mann Viktor R., 37, und dessen Freund Viktor M., 44. Alle, Täter wie Opfer, sind sogenannte Russlanddeutsche, mancher ist schon hier in Deutschland geboren.

Die Nacht auf den 9. August 2009 verbringen Arthur, 23, Bernd, 21, und Andreas wie so oft: mit Freunden, mit Alkohol. Seit zwölf Jahren kennen sie sich, Nachbarsjungen. Erst schauen sie gemeinsam die Sportschau, trinken das erste Bier, dann gehen sie auf eine Geburtstagsfeier. Dort stoßen sie mit Schnaps an. Als es dem jüngeren Bruder Bernd reicht, brechen er und Andreas auf. Fast sind sie zu Hause, als ihnen auf einer Brücke jene beiden Viktors begegnen, die kurze Zeit später nicht mehr leben werden. Ob die beiden Jüngeren Zigaretten hätten, fragen die beiden. Nein. Alkohol? Es kommt zu einer Rangelei. Die Überlebenden sagen, sie seien angegriffen worden. Die Toten können nicht mehr reden.

85 Stichverletzungen

Über das Geschehen widersprechen sich die Aussagen der drei Angeklagten. Und es gibt keine Zeugen. Sicher ist nur das, was der Obduktionsbericht über die Leichen von Viktor R. und Viktor M. vermerkt: Viktor R. wies mindestens 85 Stichverletzungen auf, dazu zahlreiche Rippenbrüche, Blutergüsse und Einblutungen, die von Fäusten und Fußtritten stammen. Er verblutete. Sein Freund Viktor M. hatte Stichwunden im Gesicht, allein acht im Hals, 56 in Rumpf und Rücken sowie 28 kleinere Stiche. Sein Zungenbein war gebrochen, sein Hals gequetscht, die Rippen zertrümmert.

Woher das Messer stammte, durch das die beiden, schon am Boden liegend, ihre tödlichen Verletzungen erlitten, ist unklar. Die Anklage stützt sich auf den jüngeren Bruder Bernd. Der hatte am Tag nach der Tat gesagt, dass sein älterer Bruder, der dazugekommen war, ihn losgeschickt habe, ein Messer holen. Er habe dann ein Messer aus einer Küchenschublade geholt. Vor Gericht führte Bernd W. diese Aussage auf Unterstellungen der Polizei zurück. Tatsächlich habe wohl das spätere Opfer zuerst zugeschlagen und auch ein Messer dabei gehabt, legten beide Brüder nahe. Eine plausible Erklärung, warum er erst nach Hause gelaufen war, Sturm klingelte und dann an den Tatort zurückkehrte, konnte Bernd W. nicht liefern.

Auch die Jugendkammer des Passauer Landgerichts verhandelt seit Montag wieder einen dieser Fälle exzessiver Gewalt. Drei junge Männer, gebürtige Passauer, alle arbeitslos, hatten im Dezember 2009 vor einem Kino eine Schlägerei begonnen, bei der, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, der Hauptangeklagte Andreas R. mindestens zehnmal gegen den Kopf seines Opfers trat. Ihm wird versuchter Mord aus niederen Beweggründen vorgeworfen, den anderen vorsätzliche Körperverletzung oder unterlassene Hilfeleistung. Wieder gab es keinen erkennbaren Anlass für die Tat.

Am vergangenen Nikolaustag traf der damals 18 Jahre alte Passauer Andreas R. gemeinsam mit zwei Freunden vor dem Cineplex-Kino in der Innenstadt auf eine Gruppe ihm unbekannter junger Leute. Den derzeitigen Aussagen der Täter und den Rekonstruktionen der Ermittler zufolge hat dabei einer seiner Freunde, Benjamin E., zugeschlagen. Dieser Angeklagte war zwei Wochen vor der Tat erst zu einer knapp zweijährigen Bewährungsstrafe wegen mehrerer Körperverletzungsdelikte verurteilt worden.

"Wir waren auf Stänkern aus", gestand E. vor Gericht. Zugeschlagen habe er, weil er von seinem Opfer "blöd angeschaut" worden sei. Danach wurde das Opfer Marco D., ein 22 Jahre alter Zivildienstleistender, vom Angeklagten Andreas R. erst "oa, zwoamal" ins Gesicht geschlagen, dann auf den Kopf getreten. "Stärker als mittel" sei es gewesen. Von zwei Tritten spricht er, der Staatsanwalt von mindestens zehn. Jedenfalls lag Marco D. eine Woche lang in der Klinik, sechs Knochen waren gebrochen, sein Kiefer war um einen halben Zentimeter verschoben.

Der Fall erinnert die Staatsanwaltschaft an den des Dominik Brunner, der in München an einem S-Bahnhof von Gewalttätern totgeprügelt worden war. Ob er den Fall Brunner auch kenne, fragt die Staatsanwaltschaft den Hauptangeklagten Andreas R. "Von dem Brunner hab ich schon gehört, dass der gestorben ist", antwortet er. Habe er nicht daran gedacht, dass in jener Nacht dasselbe passieren könne, fragt der Staatsanwalt. "Na", sagt der junge Mann. Mit den Tritten habe er erst aufgehört, als das Opfer "Mama, Mama" schrie und jemand vorbeikam, der mit der Polizei drohte. Übrigens: Alle drei Angeklagten leben noch bei ihren Eltern.