Antisemitismus„Juden werden in diesem Land wieder verfolgt“

Lesezeit: 4 Min.

Jüdisches Leben in Bayern muss „sichtbar und selbstverständlich“ gemacht werden. Das fordert etwa die Vizepräsidentin des Landesverbands Israelitischer Kultusgemeindenden.
Jüdisches Leben in Bayern muss „sichtbar und selbstverständlich“ gemacht werden. Das fordert etwa die Vizepräsidentin des Landesverbands Israelitischer Kultusgemeindenden. Imago

Beim Landestreffen „Jüdisches Leben in Bayern“ würden die Veranstalter gern über jüdische Geschichte und Kultur sprechen. Die aktuelle Lage gibt das aber kaum her.

Von Max Weinhold, Nürnberg

Es ist gut einen Monat her, da machten Gärtner auf dem jüdischen Friedhof in Rothenburg ob der Tauber eine, um das Mindeste zu sagen, beunruhigende Entdeckung. Beim Rasenmähen stießen sie auf zwölf umgestürzte Grabsteine, zwei von ihnen waren zerbrochen, teilte die Polizei mit. Wer die Steine beschädigt und zerstört hat, hat sie noch nicht herausfinden können – und vor allem: warum? Allerdings liegt eine antisemitische Tatmotivation nahe, weswegen die Kriminalpolizei Ansbach die Ermittlungen wegen Sachbeschädigung und Störung der Totenruhe übernommen hat.

Ob es sich wirklich um eine judenfeindliche Tat handelt, bleibt abzuwarten. Sie würden jedenfalls passen zu einer Entwicklung, die sich in den vergangenen bald zwei Jahren eingestellt hat: Seit dem Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 sei „das Leben für jüdische Menschen in diesem Land und auf der ganzen Welt die Hölle“, sagte Ludwig Spaenle, Antisemitismus-Beauftragter der bayerischen Staatsregierung, am Freitag bei einem Pressegespräch anlässlich des Landestreffens „Jüdisches Leben in Bayern“ in Nürnberg. 579 antisemitische Straftaten zählte das bayerische Innenministerium im vergangenen Jahr im Freistaat. 2022, im Jahr vor dem Angriff der Hamas, waren es 358.

SZ Bayern auf Whatsapp
:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnieren

Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.

Die Lage habe sich dramatisch verändert, sagte Spaenle. „Juden werden angegriffen, weil sie Juden sind und weil sie in Verantwortung genommen werden für das, was im Heiligen Land passiert – so unheilig das auch ist.“

Israels Regierung um Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sieht sich wegen ihres zerstörerischen Vorgehens im Gazastreifen infolge des Hamas-Angriffs mit dem Vorwurf von Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie des Völkermords konfrontiert; manche Experten halten überdies den Krieg gegen Iran für völkerrechtswidrig.

Man könne die Entwicklung in Israel sowie die Kriegsführung in Gaza deutlich kritisieren und müsse das vielleicht auch, sagte Spaenle. Aber es gehe nicht, dass jüdische Menschen in Deutschland deswegen im übertragenen und im direkten Sinne angegriffen, in ihrem Privatleben und ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt würden. „Juden werden in diesem Land wieder verfolgt, weil sie als Juden erkannt werden“, sagte Spaenle. Ihnen werde gesagt: „Du Judensau, du bist schuld an den Kindermorden in Gaza.“

Jüdische Menschen in Bayern
:„Ich hoffe, dass meine Mitbürger so intelligent sind, dass die AfD nicht an die Macht kommt“

Auswandern, wenn der Antisemitismus zu stark wird in Deutschland? Zwei junge und zwei ältere Jüdinnen und Juden aus Bayern erzählen, wie sie Antisemitismus erleben und was sie tun würden, wenn die AfD an die Macht käme.

Von Philipp von Reinersdorff

Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, setzt sich der Beauftragte der Staatsregierung beim Kampf gegen Antisemitismus gemeinsam mit dem bayerischen Landesverein für Heimatpflege für eine stärkere Vernetzung von Zivilgesellschaft und Sicherheitsbehörden ein. Beim Landestreffen in der Nürnberger Außenstelle des bayerischen Finanzministeriums waren deshalb außer Vertretern jüdischer Gemeinden, gesellschaftlicher Initiativen und aus Vereinen auch solche von Polizei und Staatsanwaltschaft zugegen.

Antisemitismus komme aus vielen Bereichen der Gesellschaft, sagte Spaenle: von Linksextremisten, Rechtsextremisten, Anhängern von Verschwörungstheorien, Islamisten. Israels Konflikt mit Iran hat die Bedrohungslage für jüdische Menschen in Deutschland nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden dabei noch einmal verschärft. Michael Weinzierl, Beauftragter der bayerischen Polizei gegen Hasskriminalität, berichtete besonders bei der „ausländischen Ideologie“, vornehmlich dem Islamismus, von einer starken Zunahme der antisemitischen Straftaten (2022: vier, 2024: 106). Die meisten entfielen aber weiter auf „rechte Ideologie“ (2024: 321). Auffällig sei aus seiner Sicht die Altersstruktur der Täter – es gebe keine Altersgruppe, die nicht antisemitisch auffalle, sagte Weinzierl. Er sprach zwar von einer „hohen Aufklärungsquote“, dies gilt freilich nur für bekannt gewordene Taten. Schätzungen zufolge würden nur etwa 20 Prozent der Fälle angezeigt. Oftmals fehle das Bewusstsein, was strafbarer Antisemitismus ist.

Seit dem Angriff der Hamas auf Israel und den Folgen häufen sich judenfeindliche Taten. Aber man „könne die Entwicklung in Israel sowie die Kriegsführung in Gaza deutlich kritisieren und müsse das vielleicht auch“, sagt der Anstisemitismusbeauftrage der Staatsregierung.
Seit dem Angriff der Hamas auf Israel und den Folgen häufen sich judenfeindliche Taten. Aber man „könne die Entwicklung in Israel sowie die Kriegsführung in Gaza deutlich kritisieren und müsse das vielleicht auch“, sagt der Anstisemitismusbeauftrage der Staatsregierung. Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Andreas Franck, als Oberstaatsanwalt Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz, betonte, wie wichtig es sei, Taten zu verfolgen – auch wenn sie manchmal gar nicht aus Judenhass begangen würden. Er berichtete von einem Mann, der einem Schiedsrichter bei einem Fußballspiel hinterhergerufen habe, dieser gehöre vergast. Der Mann sei zu einer Geldstrafe verurteilt worden. „Das wird er nicht wieder tun.“ Franck berichtete auch von der Schwierigkeit, die Strafbarkeit antisemitischer Äußerungen zu bewerten. Wer die Parole „From the River to the Sea“ privat in seiner Erdgeschosswohnung von sich gebe, dürfe das. Bei einem geöffneten Fenster – und damit einer gewissen Öffentlichkeit – sehe das bereits anders aus.

Ludwig Spaenle, der Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, setzt sich konsequent gegen Hass und Hetze gegen Juden ein.
Ludwig Spaenle, der Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, setzt sich konsequent gegen Hass und Hetze gegen Juden ein. Stefan Puchner/dpa

Als einen wesentlichen Treiber des Antisemitismus in Bayern machte Rudolf Neumaier, Geschäftsführer des Landesvereins, mangelndes Wissen über das ohnehin wenig sichtbare jüdische Leben aus. „Wenn man davon ausgeht, dass Hass da anfängt, wo Wissen aufhört, haben wir einiges zu tun“, sagte er. Zumal bei einigen Leuten jegliche Bereitschaft fehle, sich das Wissen anzueignen. Das Leben jüdischer Menschen und Zerrbilder, die antisemitische Vorstellungen wiedergäben, seien „völlig abgelöst voneinander“, sagte Spaenle.

Die Digitalisierung diene bei der Verbreitung des uralten antisemitischen Stereotyps, Juden seien an allem schuld, als „Brandbeschleuniger schlechthin“. Dieser werde in sozialen Medien ungefiltert verbreitet, vielfach auch von jungen Menschen. Seit dem vergangenen Jahr sind deshalb an bayerischen Hochschulen eigene Antisemitismus-Beauftragte im Einsatz, die Spaenle berät.

Um mehr Berührungspunkte mit jüdischem Leben und Geschichtsbewusstsein zu schaffen, arbeitet das von ihm und dem Landesverein 2023 gegründete „Netzwerk jüdisches Leben und historisches jüdisches Erbe in Bayern“, dem eine dreistellige Zahl an Akteuren und Organisationen angehört, zudem an verschiedenen Projekten. So soll der Tourismus als Plattform zur Wissensvermittlung dienen, etwa entlang der Romantischen Straße. Die Touristenroute führt aus Füssen im Ostallgäu bis an die unterfränkische Grenze nach Baden-Württemberg, an ihrer Strecke liegen zahlreiche Orte mit jüdischer Geschichte wie Rothenburg ob der Tauber, das zurzeit ein neues Tourismuskonzept erstellt und darin das jüdische Leben in der Stadt integriert. In der Stadt lässt sich beispielsweise eine Mikwe besuchen, ein jüdisches Ritualbad.

Kurzurlaub in Rothenburg ob der Tauber
:Eine Stadt, die man gesehen haben muss

Bilderbuch-Kleinstadt mit Fachwerk-Idyll, Weihnachtszauber das ganze Jahr - und doch ist Rothenburg ob der Tauber viel mehr als nur das Klischee eines Touristenortes.

SZ PlusVon Max Weinhold

„Wir müssen jüdisches Leben sichtbar und selbstverständlich machen“, forderte Ilse Danziger, Vizepräsidentin des Landesverbands Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern. Spaenle und Neumaier sehen neben der Zivilgesellschaft im Kampf gegen Judenfeindlichkeit die Politik in der Verantwortung. Sie erneuerten ihre Forderung, den Schutz des jüdischen Lebens in die Bayerische Verfassung aufzunehmen. Antisemitismus sei die älteste Form von gruppenbezogenem Hass, überdies sei die in Deutschland besondere Situation des Holocaust zu berücksichtigen, argumentierte Neumaier und wünschte sich eine „öffentliche Debatte“ zu dem Vorstoß.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

80 Jahre Kriegsende
:„Wenn die AfD Teil der Bundesregierung wird, müssten wir uns fragen, ob wir jüdische Menschen zur Auswanderung auffordern müssen“

Zum 80. Jahrestag des Kriegsendes blickt Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates der Juden, mit Sorge auf das Erstarken der AfD im Bund. Sollte die rechtsextreme Partei einmal in Regierungsverantwortung kommen, wäre dies seiner Meinung nach unvereinbar mit jüdischem Leben in Deutschland.

SZ PlusInterview von Thomas Radlmaier und Helmut Zeller

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: