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Jubiläum:Glück gehabt

Bayer. Landesausstellung 2017 "Ritter, Bauern, Lutheraner" - Veste Coburg 9.5. - 5.11.2017

Die Veste deutet es an: Coburg war historisch oft Grenzland.

(Foto: HDBG)

Vor hundert Jahren trat Coburg dem Freistaat Bayern bei - eine Entscheidung von historischer Bedeutung

Von Olaf Przybilla, Coburg

Noch 25 Jahre nach der Einverleibung Coburgs in das Land Bayern soll sich an der Grenze zu Thüringen eine höchst gefährliche Situation zugetragen haben, die auf schlichter Unkenntnis der Dinge basierte. Unweit von Coburg entfernt mussten sowjetische Besatzungstruppen nach Kriegsende im Jahr 1945 von amerikanischen Soldaten überzeugt werden, dass sie sich soeben anschickten, bayerischen Boden zu betreten. Grund für diesen mehr als heiklen Moment, so wird es von Lokalhistorikern berichtet, soll altes Kartenwerk in den Händen der Sowjets gewesen sein - Coburg war auf ihren geografischen Unterlagen noch in Thüringen eingezeichnet.

Was 100 Jahre nach dem Beitritt Coburgs zum Freistaat Bayern unglaublich klingen mag, war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, als das Doppelherzogtum Sachsen-Coburg und Gotha zerfallen war, schlicht Realität. Coburg war wie Thüringen dezidiert protestantisch geprägt, überdies hatte sich für die sogenannten ernestinischen Kleinstaaten, deren Teil auch Coburg war, längst der Begriff "Thüringen" eingebürgert. Was hätte also nähergelegen, als Coburg dort einzugliedern, wo es geografisch längst verortet zu sein schien?

Auch bemühte man sich in den republikanisch gewordenen Thüringer Staaten eifrig um Coburg. Am Ende aber schloss sich die Stadt vor 100 Jahren dem Freistaat Bayern an. Ein Schritt, dessen historische Bedeutung erst 1945 allen klar werden sollte: Als man nämlich 25 Jahre nach der Entscheidung zugunsten Bayerns plötzlich Teil des von den westlichen Alliierten kontrollierten Gebiets wurde; das nahe, kulturell und wirtschaftlich über Jahrhunderte eng mit Coburg verwobene Sonneberg dagegen auf einmal zur "Sowjetzone" zählte.

Waren in den ersten Jahrzehnten nach dem Beitritt Coburgs zu Bayern noch skeptische Stimmen zu hören in Coburg - hatte man sich wirklich für den richtigen Kulturkreis entschieden? -, so flauten diese nach 1945 merklich ab. Dass die Entscheidung eine glückliche war, darüber herrschte in Coburg nun weithin Konsens. Zumal lediglich Optimisten an eine erneute Verbindung des nordfränkischen mit dem südthüringischen Kulturraum zu hoffen wagten.

Der Beitritt Coburgs zu Bayern galt mithin als Glücksfall, wurde regelmäßig begangen und hätte anlässlich des 100. Jubiläums 2020 natürlich besondere Beachtung finden sollen. Wäre da nicht die Pandemie dazwischengekommen - die, Ironie der Geschichte, 30 Jahre nach der deutschen Einheit dieser Tage unter Beweis stellt, wie eng der einst durch eine Mauer getrennte Wirtschaftsraum längst wieder zusammengerückt ist: In Südthüringen waren die Inzidenzzahlen vor einigen Woche signifikant hoch, in Coburg unauffällig. Inzwischen verzeichnet die Stadt einen der höchsten Inzidenzwerte bundesweit - und in der Stadt ist zu hören, dass man nun sicher kein "Nachbarbashing" betreiben werde; die zahlreich von Thüringen nach Coburg einpendelnden Arbeitnehmer aber offenkundig eine Rolle spielten dabei.

So wird 2020 auch in Coburg nicht als ein Jahr des Feierns in die Chroniken eingehen. Besonnen auf das nun hundertjährige bayerische Wurzelwerk hat sich die Stadt in diesem Jahr freilich schon. Verständlicherweise: Immerhin hatte sich auf dem Weg dorthin - im November 1919 - "erstmals die Bevölkerung eines deutschen Landes freiwillig für eine vollständige Vereinigung mit einem anderen Staat" entschieden, wie Monique Fuierer im soeben erschienenen Band "Der Anschluss Coburgs an Bayern im Jahre 1920" (herausgegeben von Alexander Wolz und Christian Boseckert, Coburg 2020) formuliert. Wenn man sich auch gewissermaßen ex negativo für Bayern entschieden hatte: Mehr als 87 Prozent der Coburger hatten in einer Volksbefragung dagegen gestimmt, Thüringen beizutreten - was in Coburg schlicht als implizites Votum pro Bayern gewertet wurde.

Wie immer, wenn etwas so Überraschendes geschieht - ein Beitritt Coburgs zu Thüringen wäre historisch die wohl einleuchtendere Variante gewesen -, hat das mehrere Gründe. Bayerisches Verhandlungsgeschick war sicher mitentscheidend, bayerisches Dusel tat ein Übriges. So hatte die Coburger Delegation auf ihrer Brautschau im Frühsommer 1919 nicht ins ferne München reisen müssen, wo die Gefahr, als bittstellender Winzling wahrgenommen zu werden, gewiss größer gewesen wäre als in Bamberg. Dorthin, keine 60 Kilometer von Coburg entfernt, hatte die Regierung nach der Machtübernahme der Münchner Räterepublik ausweichen müssen. Bamberger Bierkeller, in denen man sich traf, sollen Quellen zufolge eine nicht zu unterschätzende Rolle für die prächtige Stimmung beider Delegationen gespielt haben. Und Bayern machte es den Coburgern dann auch leicht, man bewilligte alles, was diese sich erträumt hatten. Dass etwa das mittelgroße Coburg bis heute auf ein De-facto-Staatstheater stolz sein darf, gilt als Folge dieser Verhandlungen.

© SZ vom 29.12.2020
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