bedeckt München 25°

Handwerk in Bayern:Der Schmied vom Hachlbach

300 Jahre gibt es die Schmiede von Josef Geisler schon.

300 Jahre gibt es die Schmiede von Josef Geisler schon.

(Foto: Sebastian Beck)

Josef Geisler betreibt in Josefsthal am Schliersee eine der letzten Hammerschieden des Landes. Er ist bald 83 Jahre alt, aber sein Handwerk mag er nicht ganz aufgeben.

Das Geräusch dringt hier schon seit 300 Jahren aus dem rußigen Dunkel. Zwischen den wuchtigen Schlägen auf die glühende Spitze lässt Josef Geisler den Hammer im Takt auf den Amboss fallen und wieder nach oben prallen. Er tut das, um das schwere Werkzeug nicht die ganze Zeit in der Luft halten zu müssen, denn diese Arbeit ist hart, und Josef Geisler ist keiner, der da viel Romantik aufkommen ließe. Und doch ist es der Rhythmus eines langen Berufslebens, der ihn drinnen umfängt, ihn mit seinen bald 83 Jahren fast jeden Tag in diese Werkstatt treibt. Es ist sein eigener Rhythmus, und einen anderen hat er nie gebraucht.

Josef Geisler, den am Stammtisch im Wirtshaus manche "Sepp" nennen und manche einfach "Hachlschmied", ist einer der letzten Hammerschmiede im Land. 1957 ist er aus der Nähe von Bad Aibling zu seinem Firmpaten nach Josefsthal südlich des Schliersees gekommen, als junger Mann bald nach der Schlosserlehre. Der "Firmgöd" wie ein Pate hier genannt wird, hatte selbst keine Kinder, und 1972 hat er Josef Geisler die Schmiede dann ganz übergeben. Seither hat Geisler bei seiner Arbeit eigentlich nur der Hachlbach geholfen, der hinter der Werkstatt vorbeifließt und der das hölzerne Wasserrad gedreht hat, die breiten Riemen angetrieben und einen der beiden schweren Schmiedehämmer gehoben, die in einem ganz anderen, geraden und viel maschinelleren Takt herunterfallen als der Hammer in Josef Geislers Hand.

Hammerschmiede Josef Geisler, Schiersee, Neuhaus

Vielleicht genauso alt wie die Schmiede ist der Ruß, der überall liegt.

(Foto: Florian Peljak)

Die Lager des Wasserrads müssten schon lange repariert werden, es steht seit einem guten Jahr still. Aber der Elektromotor, den Geisler gleich in den Siebzigerjahren angeschafft hat und den er mit einem festen Ruck am Transmissionsriemen umstandslos in Gang setzt, tut es ja eigentlich viel besser. "Der schaltet sich ein und läuft." Vielleicht werde er das Wasserrad aber irgendwann herrichten lassen, sagt Geisler. Der Hachlbach rauscht jedenfalls wie eh und je von den Abhängen der Brecherspitz herunter, hinter der die Sonne an diesen kurzen Wintertagen in Josefsthal bald wieder verschwindet, kaum dass sie sich am späten Vormittag über den Jägerkamp hinausgekämpft hat.

Auch drinnen in der Schmiede ist es dunkel, und das nicht nur wegen der wahrscheinlich auch schon fast 300 Jahre alten Rußschicht, die vieles bedeckt. Nur ein paar Schneeschaufeln und andere Alugerätschaften, die Geisler verkauft, leuchten silbrig heraus. Wenn es in der Schmiede zu hell ist, dann lasse sich die Farbe der Glut nicht gut erkennen und die Temperatur des Werkstücks nicht richtig einschätzen, sagt Geisler. So kirschrot, wie die Spitze des Sappie unter seinem Hammer da gerade glüht, werde sie wohl gute 600 Grad haben. Weißer und heißer sollte sie nicht werden, denn dann würde sie dem Schmied unter dem Hammer zerrinnen, wenn sie nicht schon vorher zwischen den kleinkörnigen Kohlen im Schmiedefeuer dahinschmilzt. In der Esse muss Josef Geisler die Glut möglichst kompakt halten, so dass er in diesen kalten Wintertagen sogar einen elektrischen Heizlüfter braucht, wenn er in seiner Werkstatt nicht frieren will.

Hammerschmiede Josef Geisler, Schiersee, Neuhaus

Es ist dunkel drinnen, aber das muss so sein. So kann der Schmied erkennen, wie die Glut beschaffen ist.

(Foto: Florian Peljak)

Über dem Amboss gibt er der Spitze des Sappie mit ein paar Schlägen noch ein bisschen mehr Krümmung. Werkzeuge wie dieses, eine Kombination aus einem Hammer und einem pickelartigen Haken, dienen Holzarbeitern in den Bergen zum Umwenden von Baumstämmen. Im Alpenraum sind sie je nach Gegend auch als Sappl, Sappen oder Zapin bekannt. Sie zählen ebenso zu Josef Geislers Spezialitäten wie die Beile, für die er aber inzwischen halb vorgeformte Rohlinge kauft und sie noch zu Ende schmiedet. Zu seinen treuesten Kunden gehören Holzarbeiter und Waldbauern, die sich bei ihm darauf verlassen können, dass sie ihr Werkzeug nachgeschärft bekommen, sagt Geisler, der im Nebenraum auch eiserne Pfannen liegen hat. Die schmiedet er auch nicht mehr komplett selber, ein Kollege habe da eine praktische Presse.

Doch der Hachlschmied hämmert selbst keineswegs nur an mehr oder weniger archaischen Werkzeugen herum. In einer Kiste liegen vielleicht zwei Dutzend Meißel, die eine große Baufirma für ihre Presslufthämmer braucht und bei ihm immer wieder neu zuspitzen lässt. Früher habe er regelmäßig große Händler beliefert, sagt Josef Geisler, der eigentlich schon seit vielen Jahren Rentner ist und trotzdem nicht ganz aufhören mag. Es mache ihm halt immer noch Spaß sagt er, und einen Nachfolger, der die Hammerschmiede weiterbetreiben würde, gibt es ja auch nicht. Interessenten seien schon immer wieder dagewesen, sagt Josef Geisler, aber er wollte selber weiterschmieden. Ob jetzt noch einer kommt, ist fraglich, aber deswegen wird Geisler nicht gleich sentimental. Eine seiner Töchter hätte sich zwischenzeitlich schon für das Schmieden interessiert, aber wirklich dazu gedrängt habe er sie nicht, ganz im Gegenteil.

Lehrlinge hat er auch nie gehabt, denn zum einen war für ihn selber eigentlich nie genug Zeit, um den Meister zu machen. Und zum anderen war es Josef Geisler, der ein sehr freundlicher Mann ist, trotzdem immer ganz recht, mit seiner Arbeit allein zu sein. So erzählt er es selber, aber das sei eigentlich alles Nebensache. Er sagt das auch über die meisten anderen Dinge, nur was die Hauptsache ist, das sagt er nicht. Vielleicht, dass noch ein Schmiedefeuer glüht und das Geräusch des Hammers auf dem Amboss nicht verstummt, das seit 1720 aus dem Dunkel dringt.

© SZ vom 28.12.2019/lfr
Metall- und Elektroindustrie

Berufe der Zukunft
:Mensch oder Maschine?

Die Digitalisierung und der demografische Wandel verändern die Arbeitswelt. Drei Berufe mit guten Aussichten - und drei, die wahrscheinlich bald verschwinden werden.

Von Julian Erbersdobler

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite