„Weltschmerz“ steht in Neon-Leuchtschrift an der Wand, „Schmutzfink“, „Angsthase“: Es sind Begriffe, die der Schriftsteller Jean Paul einst erfand. Auch wenn seine sprachverliebten Werke nicht mehr so viele Leser finden wie zu seiner Zeit: Jean Pauls Wortschöpfungen wirken tiefgründig in unserer Sprache weiter. Und sein Einfluss auf Schriftsteller und Künstler ist sowieso nicht zu unterschätzen.
Nicht zufällig bekannte die Schriftstellerin Christine Wunnicke vor einigen Wochen, als sie im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth einen Preis zu seinen Ehren erhielt, stark von Jean Paul geprägt zu sein. Auch die Künstlergruppe Silixenagain, die eine Ausstellung in der Galerie Steingraeber in Bayreuth bestückt hat, beruft sich nicht zum ersten Mal auf ihn. Es ist eine von mehr als 80 Veranstaltungen, die in Bayreuth in diesem Jahr geplant sind: Der 200. Todestag des Schriftstellers am 14. November steht an. Und man kann sagen: Bayreuth ist bereit.
Wer sich einstimmen möchte, ist im Steingraeber-Haus in der Friedrichstraße 2 schon mal richtig. Zwischen Klavieren der Traditionsfirma hängen hier (noch bis 6. Januar 2026) Exponate von Christa Pawlowsky, Hans-Jürgen Herrmann und Werner Geister – zum Beispiel Landschafts-Zeichnungen, über die bloß zu ahnende Texte gelegt sind, oder poetische Naturnahaufnahmen, inspiriert vom großen Landschaftsbeschreiber Jean Paul.
Ein Interview mit seiner Ururenkelin Adele Metzner ergänzt das gut, und ein zweiter Film lässt vor wogenden Wellen die berühmte Denkrede von Ludwig Börne nach Jean Pauls Tod auf die Zuhörer wirken: „Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen“, sagte der Literaturkritiker damals. „Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme.“
Auf sein schleichend Volk wartet Jean Paul auch noch im 21. Jahrhundert, das Lächeln wird ihm dennoch nicht vergangen sein. Denn Oberfranken tut ja wirklich viel dafür, dass man ihn nicht vergisst. Allein wenn man durch Bayreuth läuft, stößt man auf Schritt und Tritt auf eine Straße oder einen Platz mit seinem Namen, auf Tafeln nicht nur an seinen zahlreichen Wohnhäusern (er war ein „unruhiger Mieter“, heißt es auf einer), auf sein Grab auf dem Stadtfriedhof oder sein Denkmal. Es stellt ihn so abgehoben sinnierend dar, wie er wohl gar nicht war.

Von ihm lassen sich jedenfalls Konzerte oder auch ein Theaterstück von Franzobel in Wunsiedel (Premiere am 15. August) inspirieren, weitere Ausstellungen und Vorträge sind geplant, zahlreiche Wanderwege führen sowieso längst auf seinen Spuren durch Oberfranken, und in mehreren Orten der Region erinnern kleine Museen an ihn: in Wunsiedel, wo er 1763 als Johann Paul Friedrich Richter geboren wurde, in Joditz bei Hof, wo er seine Kindheit als Sohn eines Pastors verbrachte, oder in der einstigen Wirtschaft „Rollwenzelei“ nahe Bayreuth, in die er in seinen späteren Lebensjahren jeden Tag zum Schreiben spazierte.
Ein größeres Museum hat ihm die Stadt Bayreuth schon vor Jahrzehnten eingerichtet und 2013 zum 250. Geburtstag stimmig überarbeitet. Es liegt zwar ausgerechnet neben dem Haus Wahnfried des zweiten Bayreuther Großkünstlers Richard Wagner und ist schrägerweise im Haus von dessen einstigem Schwiegersohn untergebracht, einem bekennenden Antisemiten. Doch eine luftige Skulptur im Vorgarten vertreibt allzu schwere Gedanken, und auch das Museum selbst wird bestens dem humanistischen Freigeist Jean Paul gerecht, der ambivalent über sich selbst befand: „ein unbedeutender Wicht: aber ich wohne darin, im Wicht“.
Wichtig waren ihm jedenfalls haufenweise Bücher, wie im Museum angedeutet wird; ebenso wie seine eigenen, hier im Original zu bestaunen. Sein Verhältnis zu Freunden (ein Mäzen finanzierte ihm manches Bier) und Frauen („offenherzig – und problematisch“) wird umrissen, auch seine Wirkung auf die damaligen Klassiker, die mit ihm wenig anfangen konnten: „Fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist“, erschien der nicht einzuordnende Schriftsteller einem Friedrich Schiller.
In Ausschnitten aus einem Film von Percy Adlon wird natürlich auch Jean Pauls Verhältnis zu Bayreuth umkreist, mit dem herzwärmenden berühmten Zitat: „Du liebes Bayreuth, auf einem so schön gearbeiteten, so grün angestrichenen Präsentierteller von Gegend einem dargeboten, man sollte sich einbohren in dich, um nimmer heraus zu können“. Sehr weit heraus kam Jean Paul auch nimmer. Nach München zum Beispiel führte 1820 „eine der unglücklichsten Reisen seines Lebens“, wie der Autor Dieter Richter in einer Reise-Biografie herausgearbeitet hat. Eine „herzleere Gegend“ fand er vor, und die „Kälte und Gemütlosigkeit der Altbaiern“ machten manch „verdrießliche Tage“ nicht besser.

Schnell also bekam Jean Paul „Heimatfieber“, und man kann feststellen: Bis heute huldigt man ihm in Franken mit besonders viel Herz. Nicht zuletzt mit einem opulenten Kochbuch zu seinen Ehren, im Vorfeld des Jubiläums von der gebürtigen Wunsiedlerin Beate Roth herausgebracht („Jean Paul häppchenweise“, Transit Verlag). Wer das Glück hatte, kürzlich zum Staatsempfang beim Jean-Paul-Preis eingeladen zu sein, fand daraus Kostproben vor und erfuhr zum Beispiel, dass ein sehr feines Dessert im Sinne des Autors „Hoppelpoppel“ heißt.
In der Vorweihnachtszeit führt die Bäckerei Lang in der Jean-Paul-Straße übrigens Pfefferkuchen, die er sehr liebte. Bis dahin heißt es: selber kochen. Oder ein Glas auf diesen großen Biertrinker unter den Literaten heben, der mahnte: „Jede Minute, Mensch, sei dir volles Leben.“
Aber im Ernst: Natürlich ist noch einiges mehr zu erwarten im Jubiläumsjahr. Insbesondere eine wissenschaftliche Tagung der Jean-Paul-Gesellschaft wird rund um den Todestag für intellektuelle Unterfütterung sorgen: „Welttext und Textwelten“ heißt das Motto, das vom 13. bis 15. November im Zentrum der Vorträge in Bayreuth steht. Es soll um innere und äußere Welten in seinem Werk gehen, um Weltdeutungen aller Art. Und keinesfalls wird das Wort fehlen, das er einst erfunden hat: Der Weltschmerz kommt so schnell nicht aus der Mode.
Jean Paul Jubiläum 2025, Bayreuth u.a., Informationen zum Programm unter www.bayreuth-tourismus.de
Transparenz-Hinweis: In einer ersten Version dieses Textes wurde der Autor einer Reise-Biografie zu Jean Paul als Dieter Reiter vorgestellt, der Nachname lautet jedoch Richter. Außerdem wurde eine Theaterpremiere in Wunsiedel hinzugefügt.


