Sie ist das älteste, kontinuierlich bestehende und jährlich ausgetragene Jazzfestival Bayerns. Und eines der ältesten in Europa: Ihre 55. Ausgabe wird die Internationale Jazzwoche Burghausen vom 17. bis 22. März erleben. Und immer noch gehört sie in die Kategorie der „wichtigen“ Festivals, wo man die großen Namen ebenso wie die aktuellen Trends der Szene erleben kann.
Wie viele klassische Jazzfestivals ist die Jazzwoche eine „Graswurzelbewegung“. Von den Jazz-Enthusiasten Helmut Viertl und Joe Viera 1970 in gewissermaßen größtmöglicher Randlage hochgezogen, wird sie bis heute nicht von öffentlichen Institutionen getragen, sondern von den Bürgern Burghausens selbst, versammelt in der IG Jazz. Etwa 80 Ehrenamtliche, mit Helfern gut 200 Freiwillige, stemmen das Festival, das im Übrigen seit Langem von einem ganzjährigen Programm umrahmt ist.
„Wir haben seit jeher zwei Stoßrichtungen“, sagt Andreas Bentlage, zweiter Vorsitzender der IG Jazz und für Finanzen und Presse zuständig: „Die eine ist der Jazz. Die andere, dass wir gemeinsam etwas für unsere Menschen hier machen.“ Sieht man, wie sich die gesamte Stadt in der Festivalwoche für den Jazz herausputzt, bis hinein in die Auslagen der Geschäfte, dann hat dieser Gemeinsinn sicher einen entscheidenden Anteil an der Erfolgsgeschichte.
Schon bevor es nun wieder losgeht, hat sich in der IG Jazz still und leise ein kleines Erdbeben ereignet. Herbert Rißel zog sich im November vergangenen Jahres nach 21 Jahren als Vorsitzender zurück. Spätestens seit dem Abgang des Gründervaters Joe Viera 2022 war er auch das Gesicht des Festivals. Für die Außenstehenden kam der Abschied überraschend, intern hatte Rißel ihn schon angekündigt. „Der Herbert wird bald 70, und er hat wie wir alle ja auch noch einen Brotjob“, sagt Bentlage.
An Rißels Stelle ist Alexander Hauf gerückt. Noch nicht allzu lange in der IG Jazz, aber rasch in den Vorstand aufgestiegen. Nicht der größte Jazz-Kenner, aber ein Technik- und Logistik-Fachmann. Wohl nicht verkehrt, zumal es in Zukunft auch um Mängelverwaltung gehen wird. Wie aktuell in den meisten Kommunen sieht auch in Burghausen die Haushaltslage düster aus. Lange war man durch die Gewerbesteuereinnahmen von Wacker gut alimentiert, jetzt spürt man die Krise der deutschen Chemie-Industrie deutlich.
Das betrifft auch den Zuschuss der Stadt für die IG Jazz: „Wir haben klare und spürbare Sparvorgaben bekommen“, berichtet Bentlage. „Wir machen einige Konzerte im Herbst weniger, an den Gagen für diese Jazzwoche konnten wir nicht mehr sparen, die Verträge waren schon lange fertig. Aber für das nächste Jahr werden wir wohl auch da ran müssen.“
Ohnehin ist es nicht leichter geworden, ein Programm zusammenzustellen, das gleichzeitig den künstlerischen Anspruch erfüllt und in einer 20 000-Einwohner-Stadt mehrere Tage lang jeweils 1500 Besucher in die Wackerhalle lockt. Die Szene hat sich stark verändert, wofür symbolisch die „Street of Fame“ steht. Über 50 Stars, die bei der Jazzwoche zu Gast waren, sind in der Altstadt-Fußgängerzone auf Bronzetafeln verewigt. Aber so gut wie alle sind sie tot. Jazzer, deren Name allein Breitenwirkung hatte, gibt es kaum mehr. Es mag zwar sogar mehr grandiose Musiker als früher geben, aber ihr Ruf reicht nur noch selten über die Jazzgemeinde hinaus.

So steckt auch die Programmarbeit der Jazzwoche in einer Zwickmühle. Zuletzt hatten sich auch Pop-Acts ins Festival geschlichen, Cover- und Show-Bands, bei denen der Jazz-Spirit höchstens Mittel zum Zweck war. Auch weil das Programm in einem „gemeinsamen Prozess entsteht“, wie Bentlage betont. Aus einem Netzwerk mit Agenturen und Managements. Über die Freundschaften mit Musikern, die sich im Laufe der Jahre ergeben haben. Und immerhin inzwischen auch dadurch, dass sich mit Regina Stöberl und Hannah Eberle IG-Jazz-Mitglieder gefunden haben, die sich auf anderen Festivals oder der Jazzahead – inzwischen Europas größter Jazz-Fachmesse in Bremen – nach passenden Acts umsehen. Ein Job, den andere große Festivals seit Langem mit hauptamtlichen Scouts besetzt haben.
Erfreulicherweise hat sich daraus heuer das auf den ersten Blick vielversprechendste Programm seit Langem ergeben. Große Jubiläen prägen es. Allen voran der 100. Geburtstag von Miles Davis. Schon der „Opener“, der Star, der den Konzertreigen in der Wackerhalle am 18. März eröffnet, passt dazu: Der Gitarrist Mike Stern wurde in den Achtzigerjahren als Bandmitglied von Miles Davis berühmt. Tags darauf ist mit Theo Croker dann der Trompeter zu Gast, den man nicht nur wegen seiner Technik und seiner Philosophie für einen Nachfolger von Miles Davis halten kann. Er kommt auch explizit mit einer Hommage an den legendären Vorgänger: „Blue Moods: Miles in the Golden Hour“.
Streng genommen passt auch der zweite Gast des Donnerstagabends in diese Reihe. Hat Deutschlands wohl berühmtester Schlagzeuger Wolfgang Haffner sich doch vor zehn Jahren auf seinem Album „Kind of Cool“ intensiv mit Miles Davis’ Meilenstein „Kind of Blue“ beschäftigt. Doch Haffner steuert selbst genügend Jubiläen bei: 50 Bühnenjahre, der 60. Geburtstag – und der erste Burghausen-Auftritt vor genau 40 Jahren. Seither pflegt Haffner eine besondere Beziehung zur Jazzwoche: Sogar als Session-Bandleader im Jazzkeller stellte er sich vor ein paar Jahren zur Verfügung. Für sein „Jubilee Concert“ am 19. März hat er eine All-Star-Besetzung aufgeboten. Neben seinen Stammbegleitern Simon Oslender und Thomas Stieger die schwedischen Stars und Wegbegleiter Viktoria Tolstoy und Nils Landgren sowie den Balkan-Popstar Shantel.

Mutig ist die Besetzung der Wackerhalle am Freitag und Samstag. Erst werden Sonic Intervention, ein aktuell mit dem Deutschen Jazzpreis dekoriertes Berliner Multi-Kulti-Groove-Kombinat mit Cory Henry und seinen Funk Apostels zusammengespannt, dem souligsten Organisten der erweiterten Jazzszene. Dann die aus Paris stammende, in London lebende und dort als Newcomerin des Jahres ausgezeichnete Sängerin, Bassistin und Komponistin Amy Gadiaga mit dem Zurich Jazz Orchestra und dem Sänger und Gitarristen Robben Ford, ebenfalls ein Miles-Davis-Veteran.
Den Stars in der Wackerhalle hat die Jazzwoche schon lange die „Jazznight“ in den Lokalen der Altstadt (mit acht Bands auf einem Ticket) und zukunftsweisende Konzerte im Stadtsaal an die Seite gestellt. Angefangen mit dem seit 16 Jahren traditionell den Auftakt bildenden Europäischen Burghauser Nachwuchs-Jazzpreis, oft bereits ein Festival-Highlight. Dann mit dem stets progressiven Samstags-Doppelkonzert dort, diesmal mit dem wilden, türkischen Saxofonisten Korhan Futacı und seinem Quartett sowie dem amerikanischen Rising-Star-Quintett Irreversible Entanglements. Und schließlich mit dem abschließenden „Next in Jazz“-Sonntag, bei dem sich die deutschen Hoffnungsträger Ayé!, Jakob Bänsch und Inui präsentieren.
Auch die Besetzung der Sessionband im Jazzkeller – wo sich jeden Abend nach den Konzerten das wahre Festivalleben abspielt – ist heuer zukunftsorientiert. Mit dem Trio der Pianistin Shuteen Erdenebaatar mit Nils Kugelmann und Sebastian Wolfgruber sind die jüngst größten Aufsteiger der Deutschen Jazzszene engagiert. Alles zusammen könnte eine mitreißende Etappe auf der Suche nach dem Jazz der Zukunft und der Rolle der Jazzwoche dabei ergeben.

