Homosexualität in Bayern Wie sicher sind sie in Zeiten des Rechtsrucks?

Auch Politiker gehen vermehrt offen mit ihrer Homosexualität um. Seit 2017 gibt es selbst in Bayern einen Landesverband der Homosexuellen in der Union. Die CSU zeigt sich inzwischen etwas offener gegenüber anderen Familienkonstellationen. "Auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften werden Werte gelebt, die grundlegend für unsere Gesellschaft sind. Das verdient Anerkennung", steht in ihrem Grundsatzprogramm. Die Ehe ist für die Partei jedoch weiterhin eine Verbindung zwischen Mann und Frau.

Der LSVD fordert vor der Landtagswahl, dass der Freistaat Gelder für Beratungsangebote zur Verfügung stellt, etwa um Hilfe bei Diskriminierung zu finden, zu erfahren, wie man sich outet und welche Möglichkeiten es bei einem Kinderwunsch gibt. Bei der CSU findet diese Forderung kein Gehör. Sarah Wolff kommt aus einem 5000-Einwohner-Dorf in Nordrhein-Westfalen an der holländischen Grenze. Selbst dort seien die Leute entspannter mit ihrer Homosexualität umgegangen als in manchen bayerischen Gegenden, erzählt sie. Für viele Menschen ist Sarah Wolff immer noch die erste homosexuelle Person, die sie persönlich kennenlernen.

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Weil sie nicht wollen, dass Valentin nur von Frauen umgeben und erzogen wird, hat die Familie immer männliche Au-Pairs. Anfang November kommt ein junger Mann aus Südafrika, der sie zu Hause unterstützen soll. "Wir haben ihm gesagt, dass wir kein Problem mit ihm haben, wenn er keins mit uns hat", sagt Sarah Wolff und lacht. Versicherungsbriefe an "Herr und Frau Annabelle und Sarah Wolff" bekommen die Wolffs heute nicht mehr. In Formularen können sie meist ankreuzen, dass sie verpartnert sind. Für sie sind diese kleinen Zeichen wichtig. Unternehmen scheinen da meist weiter zu sein als die Politik - und es wirkt. Wenn sie am Eingang zum Supermarkt einen Regenbogensticker sehen, der für "gay friendly" steht, fühlen sich die Wolffs willkommen. Auch über Werbung, die gleichgeschlechtliche Paare zeigt, freuen sie sich.

Die Grünen finden, dass sich auch in der Sprache etwas ändern muss und polarisieren im bayerischen Landtagswahlkampf. In ihrem Wahlprogramm geht es um "Bürger*innen", "Lehrer*innen" oder "Landwirt*innen", damit sich alle mitgemeint fühlen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen. Annabelle Wolff findet es wichtig, dass man zum Beispiel von Studierenden statt von Studenten spricht. Sarah Wolff ist etwas kritischer, gerade im öffentlichen Dienst seien einige von diesen neuen Sprachregelungen genervt. Trotzdem findet sie aber, dass Sprache ein Mittel sein kann, um die Menschen zu sensibilisieren.

Wie sicher ist die gesellschaftlichen Akzeptanz für Homosexuelle in Zeiten des Rechtsrucks und des Erstarkens der AfD? Darüber reden sie mit ihren homo- und heterosexuelle Freunden, sagt Annabelle Wolff - alle seien schockiert. Die Wolffs haben gemerkt, dass sie sich politisch mehr engagieren müssen, als nur wählen zu gehen. Sie waren demonstrieren, gemeinsam mit Valentin. In Amberg sind Annabelle Wolff die besonders vielen AfD-Plakate aufgefallen. Am Freitag vor der Landtagswahl ist dort eine Veranstaltung mit Alice Weidel geplant, der Vorsitzenden der AfD-Fraktion im Bundestag. Weidel ist selbst lesbisch und lebt mit einer Frau zusammen, mit der sie zwei Söhne aufzieht. Dass ihre Partei gegen Homosexuelle hetzt und ein traditionelles Familienbild propagiert, scheint Weidel aber nicht zu stören. Am "Vielfaltscheck" des LSVD Bayern vor der Landtagswahl wollte die AfD nicht teilnehmen.

Annabelle Wolff sagt: "Wenn die AfD an Macht gewinnt, geht für uns weniger voran." Sie wissen es wertzuschätzen, was die Vorgängergeneration für alle jenseits der sexuellen Norm getan hat. "Wir sind so weit gekommen", sagt Sarah Wolff. Sie können sich das jetzt nicht wieder kaputt machen lassen.

Dieser Text wurde ursprünglich am 12.10.2018 veröffentlicht.

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